Besondere Besucherbeteiligung Kunst aus Verschenkekisten im Museum in Leipzig

Seit Mitte Juni sucht das Stadtgeschichtliche Museum in der Ausstellung "Kennzeichen L" danach, was die Stadt Leipzig ausmacht. In vielen Stadtvierteln von Leipzig jedenfalls sind die nicht erlaubten, aber kultigen Verschenke-Kisten vor den Wohnhäusern Teil der örtlichen Identität. Sie enthalten nützlichen Hausrat und oft allerlei Krimskrams. Ein Ausstellungsteil von "Kennzeichen L", der in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst entstand, widmet sich genau diesem Thema.

Ansicht eines Ausstellungsstückes, mit Klavier, rotem Boden und Fundstücken
So sieht das Ausstellungsstück "VerschenkeEcke" der Künstlerin Ronny Aviram im Moment aus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kunst aus Verschenkekisten: Diese Idee hat es in die aktuelle Ausstellung "Kennzeichen L. Eine Stadt stellt sich aus" des Stadtgeschichtlichen Museums geschafft, die seit Mitte Juni und noch bis Ende September läuft. Die Kernausstellung über Geschichte und Gegenwart Leipzigs wird ergänzt durch eine sogenannte Intervention mit dem Titel "Koop. Beyond the L", die die Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) für die Ausstellung beigesteuert hat.

"VerschenkeEcke" zum Mitnehmen

Die künstlerische Mitarbeiterin im Bereich Medienkunst an der HGB und eine der Kuratorinnen, Angelika Waniek, berichtete MDR SACHSEN, dass insgesamt 20 Studierende und Alumni der Hochschule in drei Phasen Kunstwerke ausstellen werden. Die ganze Ausstellungszeit über wird die "VerschenkeEcke" der israelischen Künstlerin Ronny Aviram für Besucherinnen und Besucher sichtbar sein. Und nicht nur das: Entgegen der üblichen Museumskonvention dürfen und sollen die Menschen Gegenstände der Installation mitnehmen und gerne auch etwas da lassen.

Blick auf Stadtleben und Alltagsgegenstände

Die Ausstellungsstücke der Studierenden reflektieren laut Waniek den Blick der jungen Menschen auf die Stadt und die Erfahrungen, die sie gemacht haben. Aviram verfolge einen konzeptionellen Ansatz und es drehe sich um die Frage, wie man mit Alltagsgegenständen in einem Museum umgeht.

Die Arbeit von Ronny Aviram ist nicht der Mittelpunkt der Aktionsfläche, aber durch ihre Attraktivität zieht sie die Blicke auf sich.

Angelika Waniek Kuratorin "Koop. Beyond the L"

Die "VerschenkeEcke" ist eine Installation aus Leipziger Fundstücken: Von der Luftmatratze über den Hundenapf, die kaputte Kaffeepresse, Gläser, Klamotten, Sonnenschutzcreme, alte Terence-Hill-DVDs bis hin zu kleinen Puppen. Auch darunter als besonderer Blickfang: ein altes Klavier.

Das ist gleichzeitig die Freude und auch ein bisschen die die Erwartung, dass eine Person dieses Klavier auch wirklich an sich nimmt. Der Aufruf an alle: Bitte kommen Sie, wenn Sie musikalisches Interesse haben und das Klavier ist wirklich zu verschenken. Es ist interessant zu sehen, welche Objekte freigegeben werden.

Angelika Waniek Kuratorin "Koop. Beyond the L"

Bildergalerie HGB-Intervention in der "Kennzeichen L"-Ausstellung

"Zwei Punkte mehr" von Nora Frohmann
Eine der 20 HGB-Arbeiten und für alle in Leipzig sichtbar ist "Zwei Punkte mehr" von Nora Frohmann. Die Künstlerin hat die Fassade des Stadtgeschichtlichen Museums erweitert. Bildrechte: Leopold Haas
"Zwei Punkte mehr" von Nora Frohmann
Eine der 20 HGB-Arbeiten und für alle in Leipzig sichtbar ist "Zwei Punkte mehr" von Nora Frohmann. Die Künstlerin hat die Fassade des Stadtgeschichtlichen Museums erweitert. Bildrechte: Leopold Haas
VerschenkeEcke von Ronny Aviram
So sieht die Rückseite der Installation "VerschenkeEcke" von Ronny Aviram aus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
"Kostüm 3 4" von Leopold Haas und Philipp Farra
Dieses Kunstwerk von Leopold Haas und Philipp Farra aus Rochlitzer Porphyr ist direkt Teil der Hauptausstellung geworden und passt gut neben die große Fotografie. Bildrechte: Leopold Haas
Ansichten des Ausstellungsstücks "VerschenkeEcke" von Ronny Aviram im Stadtgeschichtlichen Museum, Leipzig
Diese Gegenstände stehen in der "VerschenkeEcke"... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ansichten des Ausstellungsstücks "VerschenkeEcke" von Ronny Aviram im Stadtgeschichtlichen Museum, Leipzig
Sonnenschutzcreme, Essig- und Ölbehälter, Geschirr und Klamotten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ansichten des Ausstellungsstücks "VerschenkeEcke" von Ronny Aviram im Stadtgeschichtlichen Museum, Leipzig
Jemand hat auch eine kaputte Kaffeepresse hergebracht und hofft, dass ein anderer Gast diese mitnimmt, repariert und weiterbenutzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Box, auf der "zu verschenken" steht, mit Gegenständen darin
Wer kennt sie nicht? Die Verschenkekisten, die in vielen Leipziger Stadtvierteln vor dem Gehweg stehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ansicht eines Ausstellungsstückes, mit Klavier, rotem Boden und Fundstücken
Ronny Avirams Kunstinstallation "VerschenkeEcke" ist ein Blickfang in der Ausstellung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Von der Ordnungswidrigkeit zum musealen Objekt

Die meisten dieser Dinge würden wohl als Abfall deklariert und eine Ordnungswidrigkeit bei der Stadt darstellen, wenn sie in einer Verschenkekiste auf dem Gehweg neben dem Wohnhaus stünden. Doch nun stehen sie zum Mitnehmen im Museum. "Darin ein Werk zu sehen, ist sozusagen die Aufgabe, an der alle Leipzigerinnen und Leipziger beteiligt sind, wenn sie Sachen vor die Tür stellen oder auch an sich nehmen", so Wienak. Ronny Aviram habe dies durch den Wechsel der Gegenstände in einen musealen Kontext noch einmal thematisiert.

Museumsdirektor: Viele Tauschorte in Leipzig

Auch das Stadtgeschichtliche Museum hat die Zusammenarbeit mit der Hochschule als positiv empfunden: "Wir fanden es eine schöne Idee zu fragen, wie junge Künstlerinnen und Künstler mit unterschiedlichen Herkünften ihr Leben in Leipzig sehen. Einige Beiträge sind in die Ausstellung hinein diffundiert, andere auf der Aktionsfläche. Das war ein spannender Prozess", berichtete Dr. Anselm Hartinger, Direktor des Museums und Kurator der Gesamtausstellung. Die Studierenden erstellten intellektelle Fotoarbeiten bis hin zu sinnlichen Erfahrungen - wie an Avirams Werk zu sehen.

Eine Box, auf der "zu verschenken" steht, mit Gegenständen darin
Vom Bordstein ins Museum: eine Verschenkekiste mit Alltagsgegenständen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gibt in Leipzig viele Orte, wo man tauschen kann, wo man Dinge bringen und wieder wegnehmen kann. Das ist eine neue Ökonomie des Tauschens und Schenkens. Es ist ein Blickfang, denn erstmal sieht es aus wie auf einem Dachboden.

Dr. Anselm Hartinger Museumsdirektor Stadtgeschichtliches Museum

Hartinger hofft, dass auch weiterhin Gäste Dinge aus der "VerschenkeEcke" nehmen und eigene bringen mit dem Bewusstsein, an einer Kunstinstallation mitzuwirken, die ihre Basis im Alltagsleben von Leipzig hat. "Also, es sollte jetzt niemand 40 leere Zahnpastatuben abstellen", scherzte er. Die Ausstellung "Kennzeichen L", die die HGB-Intervention einschließt, ist noch bis 26. September im Stadtgeschichtlichen Museum im Böttchergäßchen zu sehen.

Quelle: MDR/sm

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