Ukraine-Krieg Lok Leipzig: Erfolgreiche Mission für Kinder aus Mariupol

Anja Grothe
Bildrechte: Anja Grothe

3.000 Kilometer ist der Mannschaftsbus von Regionalligist Lok Leipzig in den vergangenen vier Tagen gefahren. An Bord waren diesmal aber keine Fußballer, sondern Kinder und Jugendliche aus einem Heim im ukrainischen Mariupol. Der Verein hatte seinen Bus für eine aufwendige Rettungsaktion zur Verfügung gestellt.

Kinder vor Lok-Bus
Am Sonntagvormittag startete der Leipziger Bus mit Kindern aus Mariupol in Richtung Deutschland. Bildrechte: Lok Leipzig

Fußball-Regionalligist 1. FC Lokomotive Leipzig hat am vergangenen Wochenende bei einer aufwendigen Rettungsaktion für ein Kinderheim im ukrainischen Mariupol mitgeholfen. Der Verein stellte seinen Mannschaftsbus zur Verfügung, um 40 in Rumänien "gestrandete" Kinder und Jugendliche nach Deutschland zu bringen.

Anfrage aus NRW landet per Zufall in Leipzig

Bus
Kleiner Wink des Schicksals: Leipzigs Vereinsfarben sind auch die der ukrainischen Flagge. Bildrechte: Lok Leipzig

Dass der Verein involviert wurde, ist einer Reihe von Zufällen zu verdanken, erzählt Matthias Löffler, ehrenamtlicher Mitarbeiter von Lok Leipzig, der die Reise mit zwei weiteren Freiwilligen begleitet hat.

Initiator der ganzen Aktion war demnach David Albrecht aus Lage in Nordrhein-Westfalen, ein Malermeister mit russischen Wurzeln. Dieser hatte über eine nach Mariupol ausgewanderte Freundin der Familie erfahren, dass das örtliche Kinderheim am 1. März evakuiert wurde und die Bewohner und einige Betreuer nach Rumänien geflüchtet waren. Hierfür hatten sie eine ganze Woche gebraucht.

Albrecht organisierte mithilfe der kommunalen Behörden eine Unterkunft in seinem Heimatort. Dank Spenden und mehr als 40 freiwilligen Helfern wurde eine ehemalige Behindertenwohnstätte hergerichtet. Nun fehlte nur noch ein großes Transportmittel, um die Geflüchteten in Rumänien abzuholen.

Kleinanzeige im Netz führt zu Lok

Und hier kam die Verbindung zu Lok Leipzig zustande, erzählt Löffler. Eine Leipzigerin habe die Suchanzeige der Ostwestfalen im Internet gesehen und über weitere Kontakte sei die Anfrage letztendlich auf dem Tisch von Lok Leipzig gelandet, wo nicht lang gefackelt worden sei.

Kisten
Innerhalb kürzester Zeit sammelten die Leipziger jede Menge Sachspenden ein, um sie mit nach Rumänien zu nehmen. Bildrechte: Lok Leipzig

"Innerhalb von 24 Stunden wurden der Bus flottgemacht und vereinsintern und bei Sponsoren Spenden gesammelt. Wir wollten nicht mit leeren Händen losfahren", sagt Löffler. Die Hilfsbereitschaft sei riesig gewesen. Der Bus sei – soweit es die Sicherheitsvorschriften zuließen – "bis unters Dach" beladen gewesen. Auch drei Busfahrer und den Sprit stellte der Verein.

40 Kinder und Jugendliche in Rumänien abgeholt

Wie der Ehrenamtler weiter berichtet, kamen am vergangenen Freitag dann David Albrecht und einige Helfer aus NRW nach Leipzig, um die Aktion zu begleiten. In der Nacht zu Samstag brach man gemeinsam nach Satu Mare nahe der rumänisch-ukrainischen Grenze auf, wo die Kinder und Jugendlichen kurzfristig untergekommen waren.

Nach etwa 1.500 Kilometern Fahrt kamen die deutschen Helfer in der Nacht zu Sonntag an und gaben ihre Sachspenden beim örtlichen Malteserhilfswerk und einem Kinderheim ab. Am nächsten Morgen ging es dann bereits auf den Rückweg – mit 40 Kindern im Alter von drei bis 18 Jahren sowie mehreren Betreuern und deren Angehörigen an Bord.

Helfer von Lok Leipzig bei den Maltesern in Satu Mare/Rumänien
Initiator David Albrecht (re.), Matthias Löffler (M.) und die anderen Helfer erreichten am Samstagabend Satu Mare. Bildrechte: Lok Leipzig

Zwölf Stunden Zwangspause an der ungarischen Grenze

"Die Kids waren gut drauf", berichtet Löffler. Was wohl auch damit zusammengehangen habe, dass ihr Heim in Mariupol bereits vor den ganz schweren Gefechten evakuiert worden sei.

Tüte auf Sitzplatz
Die Geflüchteten erhielten alle Goodie-Bags mit Essen, Getränken, Nackenkissen, Plüschtieren und mehr. Bildrechte: Lok Leipzig

Die Stimmung sei die ganze Fahrt über gut gewesen; selbst, als der Bus an der Grenze zu Ungarn mehr als zwölf Stunden habe warten müssen. In den Rastpausen habe man sich die Zeit – passend zum Transportmittel – unter anderem mit Fußballspielen vertrieben. Außerdem sei der Stopp bei einer großen Fast-Food-Kette ein kleines Highlight für die Kinder und Jugendlichen gewesen.

Hier kam es dann auch zu dem für ihn berührendsten Moment der Reise, sagt Löffler: "Auf dem Parkplatz kam eine fremde Frau zu uns, zeigte auf den Bus und fragte auf Deutsch mit Akzent: 'Sind das Kinder aus der Ukraine?'" Auf sein "Ja, aus Mariupol" habe sie sich, den Tränen nahe, bei den Helfern bedankt. Es habe sich herausgestellt, dass sie selbst Erzieherin in einem Kinderheim in Tschechien sei.

Kinder am Montagabend wohlbehalten in NRW abgeliefert

Wegen der Verzögerung an der Schengenraum-Grenze sei der kleine Hilfskonvoi erst am Montagabend kurz nach 21 Uhr erschöpft, aber glücklich, in Lage angekommen. Die Leipziger Ehrenamtlichen hätten sich nach einem großen Willkommensessen mit den Geflüchteten und allen Helfern auf den Heimweg gemacht und seien gegen halb vier Uhr früh zu Hause in ihre Betten gefallen, sagt Löffler. Die Busfahrer hingegen hätten bei Initiator David Albrecht übernachtet und hätten den Mannschaftsbus am Dienstagabend wieder ins Probstheidaer Depot gebracht.

David Albrecht lobte nach erfolgreicher Mission die Ost-Mannschaft: Auch Vereine aus NRW hätten von der Aktion gewusst. Aber man habe erst nach Leipzig fahren müssen, "um Leute mit Herz zu treffen". "Es ist ein großes Ding, was sie für uns geleistet haben." Die Helfer aus NRW und Leipzig haben nach eigenen Angaben vereinbart, noch weitere Aktionen zusammen anzugehen.

Der Weg von Satu Mare nach Lage ist etwa genauso lang wie der von Mariupol nach Satu Mare.

Hinweis: Lok-Vereinsmitglied Matthias Löffler ist für den Mitteldeutschen Rundfunk tätig – nicht jedoch in der Redaktion MDR AKTUELL Online, in der dieser Text entstanden ist.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 15. März 2022 | 19:30 Uhr

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