Steigende Kosten Inflation: Wie eine Familie sparen muss

Wie geht eine Familie mit den hohen Preisen um? Ein Beispiel aus Leipzig zeigt, dass sich inzwischen zweimal überlegt werden muss, wie die Freizeit gestaltet wird – vor allem wegen Spritkosten und Eintrittspreisen. Auch beim Heizen will die Familie sparen. Auf was muss noch verzichtet werden?

Nicole Fromm aus Leipzig sitzt mit Tochter und deren Vater Enrico Schellenberg am Tisch.
Nicole Fromm (links) aus Leipzig passt beim Einkaufen nun mehr auf. Enrico Schellenberg (rechts) sagt, dass man sich früher mehr gönnen konnte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es ist noch gar nicht so lang her, da hat Butter unter zwei Euro gekostet", sagt Nicole Fromm aus Leipzig. Die Kinderkrankenschwester hat beim Wocheneinkauf für ihre Familie aber gerade 2,49 Euro bezahlt – Butter war beim Discounter im Angebot. "Es ist halt schon kräftig teuer geworden."

Nach dem Einkauf setzt sich die vierköpfige an den Tisch: Kassensturz. Immer wieder wird geprüft, was teurer geworden ist. Früher gingen sie viel unbeschwerter mit Geld um. "Wenn man mal einen neuen Fernseher brauchte, dann haben wir den halt gekauft", sagt Familienvater Enrico Schellenberg. Inzwischen würde das nicht mehr passieren, seit die Inflation "mit einem Mal von Null auf hoch" ging. Schöne Sachen gönnen, falle nun schwer.

DDR-Oldtimer verkauft um Solaranlage zu installieren

Ein Mann betrachtet das Bild eines Barkas 1000 welches an einer Garagenwand hängt.
Wehmütig schaut Enrico Schellenberg auf das Bild des Barkas B1000. Er hat den Oldtimer verkauft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die hohen Preise fordern ihren Tribut: Enrico Schellenberg musste sein Lieblingshobby aufgeben: Seine Garage ist nun leer. Den Oldtimer, ein Barkas aus DDR-Zeiten, hat er verkauft. Vom B1000 bleibt nur ein Foto an der Wand. "In so einer Zeit ist es eben unwirtschaftlich mit einem Auto zu fahren, was 15 Liter Sprit auf 100 Kilometer verbraucht", sagt er mit wehmütig Blick auf das gerahmte Bild.

Das Geld aus dem Verkauf hat Enrico Schellenberg in eine Solaranlage auf dem eigenen Dach gesteckt. Für ihn ist das eine Investition in die Zukunft und ein Befreiungsschlag von den steigenden Energiekosten: "Mit so einer Anlage kann man ein bisschen mehr als die Hälfte an Stromkosten reduzieren."

Doch mit Sorge blickt der Familienvater auf eine Erhöhung der Preise an anderer Stelle: Beim Gas. Schon jetzt überlegt Enrico Schellenberg, wie die Familie im Winter sparen kann. "Wir versuchen, so wenig Gas wie möglich zu verbrauchen." Etwa indem die Heizung erst ab Oktober eingeschaltet wird, dann nicht so hochgedreht werde und lieber mal ein Pullover drübergezogen werde. "Aber das kann ja auch kein Dauerzustand sein sowas, dass man jetzt frieren muss."

Rentner beklagen sich über Ausschluss bei Energiekostenpauschale

Ganz ähnliche Sorgen haben auch einige Rentner aus Leipzig. Eine Gruppe trifft sich jeden Dienstag im Vereinshaus einer Gartensparte – und die Damen dort sind gerade aufgebracht: "Ich bin halt Zweiter-Weltkrieg-Kind und da weiß ich, wie das gewesen ist. Und so kommt mir das jetzt auch wieder vor", sagt Carola Hasse.

Die Seniorinnen regen sich auch über die Energiekostenpauschale der Bundesregierung auf – denn die 300 Euro bekommen sie als Rentnerinnen nicht. "Ich sehe das nicht ein, warum Rentner das nicht auch bekommen sollten, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben und jetzt mit Null dastehen", schimpft Ingrid Jurascik.

DIW-Chef: Hohe Inflation könnte länger andauern

"Alle Menschen müssen diese Hilfe bekommen", fordert der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Der Professor an der Humboldt-Universität in Berlin kritisiert den Ausschluss von Menschen mit geringen Einkommen, wie etwa Rentner oder Studierende. Aus seiner Sicht seien finanzielle Transfers der beste Weg. Also nicht etwa ein Tankrabatt, sondern "dass der Staat den Menschen das Geld in die Hand gibt und sagt, ihr entscheidet selber, wofür ihr das Geld braucht."

Denn bei Familie Schellenberg-Fromm sind die steigenden Preise allgegenwärtig – nicht nur beim Tanken oder Heizen. Wie ihr Familienalltag mit den finanziellen Einschränkungen in Zukunft aussehen soll, können sie sich nicht wirklich vorstellen. "Dass man irgendwann nur noch arbeiten geht, um sich seinen Lebensunterhalt leisten zu können und man kann sich eben dann nebenbei nichts mehr leisten", sagt Enrico Schellenberg. Kein Essen beim Griechen, kein Gang ins Kino oder so etwas – das "ist das Besorgniserregende".

Die Sorgen sind begründet. Die Leipziger Familie wird in nächster Zeit wahrscheinlich auf einiges verzichten müssen. "Es kann gut sein, dass wir das Ende der Fahnenstange der Inflation noch nicht gesehen haben", warnt Ökonom Marcel Fratzscher. "Natürlich hoffen wir, dass die Inflation in den kommenden Monaten anfängt zu sinken, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die hohe Inflation auch länger andauert, ist durchaus substanziell."

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 08. Juni 2022 | 20:15 Uhr

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