Ideenschmiede "Generationsgipfel" in Leipzig diskutiert über Wandel in Ostdeutschland

Wer nimmt die Geschicke der Ostdeutschen in die Hand? Über diese Frage diskutiert seit zehn Jahren das Netzwerk "3te Generation Ost". Diesen Sonnabend haben sie sich zum "Generationsgipfel" in Leipzig auf der Rennbahn getroffen. Bei der Ideenschmiede geht es auch um den Abbau von Vorurteilen gegen "Ossis" und warum der Strukturwandel nur teilweise eine Chance ist.

Sonnenschirme auf Balkonen
Plattenbauten gehören auch heute zum Bild ostdeutscher Städte und Regionen, wie hier in Berlin-Marzahn. Bildrechte: imago images/Schöning

Am Sonnabend hat das Netzwerk "3te Generation Ost" in Leipzig seinen sechsten "Generationsgipfel" veranstaltet. Angesprochen waren vor allem ostdeutsch geprägte Menschen, die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. Aber auch andere waren eingeladen, sich einzubringen.

Die Gruppe aus etwa 50 Teilnehmenden war sich bereits bei den Fragen uneins, ob eine Kategorie wie "Ossi" überhaupt noch aufrechterhalten werden sollte und inwiefern Ostdeutsche spezielle Förderung oder politische Vertretung - wie durch einen Ostbeauftragen in der Bundesregierung - erhalten sollten. Vor einem Jahrzehnt, als "3te Generation Ost" gegründet wurde, ging es noch darum, dass ostdeutsche Stimmen überhaupt gehört werden, erzählten die Vertreterinnen und Vertreter des Netzwerks.

Zum 20. Jubiläum des Mauerfalls redeten ältere westdeutsche Herren über den Osten. Als ostdeutsche Vertreter waren damals höchstens noch Gregor Gysi und Wolfgang Thierse eingeladen. Wo waren die Stimmen junger Menschen aus Ostdeutschland?

René Sternberg Mitglied "3te Generation Ost"

An der Rennbahn in Leipzig sitzen Menschen und hören einer Podiumsdiskussion zu.
Wer übernimmt Verantwortung in Ostdeutschland? Dies wurde unter anderem beim "Generationsgipfel" diskutiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stadtflucht junger Familien - Kaum Ostdeutsche in Führungspositionen

Silvia Hennig vom Verein "Neuland21", die sich mit Digitalisierung und Mobilität auf dem Land beschäftigt, machte dagegen auf den Trend aufmerksam, dass immer mehr junge Familien zurück in ostdeutsche Dörfer ziehen, um der sinkenden Lebensqualität der Großstädte zu entfliehen. "Es braucht neue Ideen, Konzepte und Leitbilder für und über Ostdeutschland", sagte sie.

Gesine Grande
Gesine Grande stammt ursprünglich aus Leipzig und ist seit zwei Jahren Präsidentin der BTU Cottbus-Senftenberg. Bildrechte: dpa

Zu Gast war auch Gesine Grande, Präsidentin der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg. Die in Leipzig geborene Psychologin war von 2014 bis 2019 bereits Rektorin der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig.

In einer persönlichen Einführung berichtete sie, dass ihr ihre besondere Rolle als Ostdeutsche in einer Führungsposition erst nicht bewusst war. "Wenn man aber genauer hinschaut, sind Ostdeutsche auch heute noch in Führungspositionen kaum vorhanden", berichtete sie. Direkt nach der Wiedervereinigung ging sie nach Bielefeld und fühlte sich dort als DDR-sozialisierte Wissenschaftlerin fremd.

Investitionen im Osten nur teilweise Lösung

Als Beispiel für eine ostdeutsche Region im immensen Wandel nannte Grande die Lausitz. Dort sollen sich im Rahmen des Strukturwandels über 50 kommunale Projekte ansiedeln. Im August hat der sächsische Regionalentwicklungsminister Thomas Schmidt außerdem bekannt gegeben, dass neun weitere Landesprojekte hinzukommen werden. Es sollen Fördergelder in Millionenhöhe ausgeschüttet werden. Auch die BTU Cottbus-Senftenberg, der Grande vorsteht, wird davon profitieren. Grande machte im Podiumsgespräch jedoch deutlich, dass die Investitionen in die Wissenschaftsstandorte nur eine Seite sei. Die normale Bevölkerung müsse auch mitgenommen werden, betonte sie.

Die Menschen in der Lausitz müssen das Gefühl von Selbsterleben haben, die Erkenntnis: Es bringt etwas, wenn ich etwas tue.

Prof. Dr. Gesine Grande Präsidentin BTU Cottbus-Senftenberg

Ostdeutsche Vergangenheit bleibt wichtiges Thema

Auch Nachwende-Geborene und Zugezogene nahmen am "Generationsgipfel" teil. Magdalena aus Stuttgart zieht aktuell nach Leipzig. 2008 begegnete ihr der erste Ostdeutsche.

Ich war schockiert über meine eigene durch das Fernsehen beeinflusste Prägung und dass ich Vorurteile gegenüber dem Osten hatte.

Magdalena Neu-Leipzigerin und Teilnehmerin am "Generationsgipfel"

Sophia stammt aus Hessen aus einer deutsch-russischen Familie, hat in Magdeburg studiert und lebt jetzt in Berlin. "Zum ersten Mal ist mir die sozialistische Prägung des Ostens aufgefallen, als ich Familie in Russland besucht habe. Seitdem war ich fasziniert, mehr darüber zu erfahren". In Magdeburg suchte sie den Kontakt zu ehemaligen Bürgerrechtlern. Im vergangenen Jahr hat sie ein Buch über den Sohn eines Stasi-Mitarbeiters veröffentlicht.

Was ist das Netzwerk "3te Generation Ost"? Das Netzwerk "3te Generation Ost" entstand im Herbst 2009 als Reaktion auf das 20. Jubiläum zum Fall der Mauer. Es besteht aus Akteurinnen und Akteuren aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft, die über die Transformationszeit in den 1990er Jahren und deren Folgen diskutieren wollen. Dabei soll es um gemeinsamen Austausch zwischen in Ost- und Westdeutschland Geborenenen gehen.

Ziele des Netzwerks sind, das bürgerliche Engagement in Ostdeutschland zu stärken, jungen Ostdeutschen Gehör zu verschaffen und sie zu ermutigen, ihre Zukunft aktiv zu gestalten und letztlich Vorurteile über Ostdeutsche abzubauen.

Der "Generationsgipfel" 2021 wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung und der HHL Leipzig Graduate School of Management gefördert.

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MEDIEN360G Mi 01.09.2021 10:00Uhr 10:34 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Quelle: MDR/sm/dpa

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