Krumme Geschäfte Löscht ein Journalist kritische Artikel gegen Geld?

Ein Leipziger Finanzjournalist löscht angeblich kritische Artikel über Unternehmen aus dem Netz, wenn dafür Geld gespendet wird. Das Geld landet auf dem Konto der Leipziger Tafel. Von dort könnte es wieder zurück ins Umfeld des Journalisten gelangen – eine Spurensuche.

Hände auf einer Tastatur
Was steckt hinter den Vorwürfen? Bildrechte: colourbox.com

Es startet wie ein Thriller: Eine Kollegin eines MDR-Reporters bekommt Unterlagen und ausgedruckte Mails in einem Umschlag überreicht. In den Papieren geht es um einen Journalisten aus Leipzig, gelöschte Artikel und angebliche Geldzahlungen. Die Vorwürfe richten sich gegen Thomas Bremer – Finanzjournalist.

Bremer schreibt über Anlagegeschäfte:  Immobilien, Unternehmen, Rohstoffe. Ottonormalbürger kann damit viel Geld gewinnen – aber auch verlieren. Solche Finanzprodukte bewertet Bremer auf seinen Internetseiten. Die bekannteste ist "diebewertung". Gibt es negative Artikel über eine Firma, dann stört das natürlich einige Unternehmer – vor allem, wenn die kritischen Texte lange im Netz stehen und immer wieder abgerufen werden.

"Es ging in Bremers Artikel um unseren Vertrieb und darum, dass die Produkte angeblich zu teuer sind. Was alles nicht stimmt", erklärt MDR exakt ein Geschäftsmann, der sich von den Bewertungen betroffen fühlte und anonym bleiben will. "Nur Bremer hatte das immer noch auf seiner Seite."

Kritische Artikel: Vermittler sollen Deals vereinbaren

Was dann passiert, ist mit dem Ethos der Journalisten und dem deutschen Pressekodex nicht vereinbar: Es wird ein Mittler eingeschaltet und ein Deal vereinbart. "In diesem Fall hat sich dann also mein Vermittler mit Herrn Bremer auseinandergesetzt und ihm angeboten: Es gibt eine Zahlung, wenn er diesen Artikel rausnimmt", erklärt der Geschäftsmann. "Das hat auch geklappt. Der Betrag wurde überwiesen und dann hat er den Artikel aus dem Netz genommen."

Doch ist dieses Vorgehen legal: Artikel gegen Geld aus dem Netz zu nehmen? Leider ja - nur eben fragwürdig, erklärt die Strafrechtlerin Mareike Biesold: "Da kann man schon sagen, das stellt sich als verwerflich dar. Das muss man sich im Einzelfall anschauen."

Im Netz bieten viele Vermittler ein so genanntes Online-Reputationsmanagement an. Das heißt, sie kümmern sich um den Ruf ihrer Kunden im Internet und sorgen unter anderem dafür, dass negative Texte verschwinden. Einer von ihnen hat sich bereit erklärt, anonym mit MDR exakt zu sprechen. Er könne sich an Journalist Bremer gut erinnern. "Es waren vielleicht 14, 15 Personen insgesamt im Laufe von etwa 4,5 Jahren, die dort geschädigt worden sind", sagt er. Er habe sich dann immer an das Portal gewandt und gesagt: Wie kriegen wir hier das Problem gelöst? Manchmal würden dabei auch hohe Summen gefordert.

Am Ende gab es dann eine Kompromisslösung und es hieß: Spenden Sie für einen guten Zweck.

Anonymer Vermittler

"Und gegen so eine Spende, wenn Sie mir das nachweisen, dann nehme ich das raus", so der Vermittler. Das Geld soll angeblich als Spende auf das Konto eines Vereins fließen. Dieser Verein sitzt gleich auf der anderen Straßenseite von Bremers Büro im Westen von Leipzig.

Bei der Tafel Leipzig sollen die Spenden landen

Das Geld soll auf die Konten der Leipziger Tafel fließen. Laut den übergebenen Unterlagen sollen es immer wieder dieselben Beträge sein: mal sollen es 2.000 Euro, mal 2.500 Euro gewesen sein. Löscht Bremer kritische Artikel, um Spenden für die Tafel zu generieren?

Ein Interview lehnt Bremer ab. Schriftlich dementiert er, dass es einen Zusammenhang zwischen der Löschung der Artikel und möglichen Spenden gebe. Er betont: "…, dass Löschungen von Artikeln aus objektiven Gründen (juristische Indikation bzw. gerichtliche Entscheidung, Zeitablauf des Berichterstattungsanlasses) sowie Grundrechtsabwägungen erfolgen." Er teilt weiter mit, dass er sich ehrenamtlich für die Tafel engagiere und auch Spender anwerbe.

Fließt Geld über Konto von Geschäftspartnerin?

Der Vermittler vermutet, dass der "Journalist" und die Leipziger Tafel kooperieren würden. Bremer habe gewusst, wenn die Spende beim Verein verbucht war. "Bremer war zum Teil offensichtlich informiert, dass da Gelder eingegangen sind. Von der Tafel selbst wurden die Spenden nicht gewürdigt. Es wurde sich freundlich bedankt und das war alles", so der Vermittler.

Die Reporter von MDR exakt finden einen möglichen Weg, wie das Geld von der Tafel in Bremers Umfeld geflossen sein könnte. Bremer betreibt seine Internetseiten gemeinsam mit Marlies J., die betreut auch die Internetseiten für die Leipziger Tafel. Auf Anfrage dementiert Bremers Geschäftspartnerin: die Arbeit ihrer Firma Opus Bonum für die Leipziger Tafel sei lediglich ehrenamtlich.

Landesverband Tafel Sachsen will Vorwürfe prüfen

Doch der Vorwurf, dass sich ein Journalist für das Löschen von Artikeln mit einer Spende an die Leipziger Tafel bezahlen lasse, ist beim Landesverband Tafel Sachsen, nicht neu. "Ich habe schon gehört, dass solche Vorkommnisse vorliegen sollen", sagt der Landesvorsitzende Karltheodor Huttner.

Huttner habe versucht, mit dem Vorsitzenden der Leipziger Tafel zu sprechen, doch das sei bislang nicht gelungen. "Wenn das den Tatsachen entspricht, dann ist es natürlich notwendig, dass sich der Landesvorstand der Tafel im Freistaat Sachsen damit beschäftigt und wir möglichst zu einem Ergebnis kommen." Die Hauptaufgabe sei nicht, Geld zu sammeln, sondern Lebensmittel zu sammeln.

Journalistenverband will Presseausweis nicht mehr ausstellen

Auf vielen Internetseiten wirbt Thomas Bremer mit seiner Mitgliedschaft beim Deutschen Journalistenverband. Vom DJV hat er auch seinen Presseausweis. Die Vorwürfe gegen den Leipziger vertragen sich nicht mit dem journalistischen Ethos des Journalismus. Beim DJV sind die Vorwürfe gegen Bremer bereits bekannt.

"Wir haben auch in diesem Februar das lange überprüft, haben aber keine Belege gefunden", erklärt Lars Radau vom DJV-Sachsen. Deswegen habe sich der Verband entschieden, erneut einen Presseausweis auszustellen. Doch "das werden wir nach den jetzigen Erkenntnissen nicht mehr tun können."

Quelle: MDR exakt/ mpö

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 26. Mai 2021 | 20:15 Uhr

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