Auch das kann Handwerk Von der Liebe zum Grabstein

Jaqueline Hausotte verabscheute eigentlich moderne Grabsteine. Ihr Herz schlug für die Restaurierung des Alten. Alles änderte sich durch einem Offenbarungsmoment bei einem Restaurationsmeister. Heute ist Hausotte Chefin des größten Grabsteinunternehmen im Leipziger Raum und erhielt den Sächsischen GründerInnenpreis.

Jaqueline Hausotte, Gründerpreisträgerin 2021
Jaqueline Hausotte hat für ihre Arbeit und für ihr Unternehmen "JH Steingestaltung" den sächsischen Gründerinnenpreis 2021 bekommen. Bildrechte: Jaqueline Hausotte

Frau Hausotte, sie wirken so lebenslustig. Warum Grabsteine?

Es gibt selten ganz gerade Wege. Eigentlich verabscheute ich neue gleichförmige Grabsteine, ich empfand sie als seelenlos und tot. Gleichzeitig lag mein Herz in der Restaurierung. Ich liebte alte Friedhöfe und den Zauber alter Steine.

Trotz der Abscheu vor gleichförmigen Steinen wurden Sie Steinmetzin?

Ja. Ganz ehrlich, es war Zufall. Auf einer Studienfahrt in Böhmen besuchten wir wunderschöne Friedhöfe. Doch viele der kunstvollen und geschichtsträchtigen Grabmäler zerfielen, das fand ich unendlich traurig. Damals erfasste mich der Impuls: Das möchte ich machen! Ich möchte diese Grabmähler restaurieren und zum Leben erwecken. Für mein Studium der Restaurierung benötigte ich ein zweijähriges Praktikum, die Steinmetzlehre wurde dafür anerkannt. Und so bin ich eben, quasi nebenbei, Steinmetzin geworden. Nach meinem Abschluss 2005 schob ich 2016 schließlich den Meister hinterher.

Ihre Abneigung hat sich jetzt zur Liebe entwickelt?

Ich musste erst erfahren, dass es in der Hand des Steinmetzes und des Steinbildhauers liegt, Materie zum Leben zu erwecken und eine Lebendigkeit zu transportieren. Eine Offenbarung war die Begegnung mit einem Meister in bayerischen Eichstätt. Dieser verwendete nur eine Sorte Stein, einen örtlichen Jura, aber er gab diesem so viele individuelle Formen, dass für jeden Verstorbenen etwas ganz Persönliches entstand.

Der Weg führt über eine Verbindung zur Kunst, zur Literatur, zur Natur. Im Kern geht es darum, den Menschen zuhören. Die Aufgabe liegt darin, zu verstehen, was den Menschen, der gegangen ist, ausgemacht hat und was der Mensch der bleibt, braucht. Das ist eine unendlich schöne Aufgabe!

Jaqueline Hausotte Steinmetzin und Inhaberin der JH Steingestaltung GmbH

Steine sind also doch keine tote Materie?

Nein, Steine sind lebendig! Der Stein erzählt die Geschichte seiner Entstehung, er redet mit uns. Die Natur bringt eine riesige Vielfalt und Pracht zustande und jeder Stein will anders behandelt werden. Sich darauf mit Neugier einzulassen, bringt Freude und gleichzeitig Erdung. Es ordnet die eigene Lebensspanne anders ein. Es macht keinen Sinn, gegen den Stein zu arbeiten. In diesem Zusammenhang kommt mir das Wort Demut in den Sinn.

Doch ist das nicht deprimierend nah am Tod zu arbeiten, mit Menschen die einfach nur traurig sind?

Die Menschen trauern bei mir, und das dürfen und sollen Sie auch. Der Tod ist ein Teil unseres Lebens, wir alle können ihm nicht entgehen. Das zu akzeptieren ist wahrscheinlich eine der Grundvoraussetzungen. Aber die Menschen, die bei mir weinen, gehen dennoch oft mit einem Lächeln nach draußen.

Also nein, es ist also nicht deprimierend. Es gibt aber auch Momente die schwer sind. Ich höre viele Geschichten und viele Schicksale. Ich weiß, wir haben eine unheimliche Kraft zum Überleben.

Ich traue mir, mit meinen Kunden zu lachen und manchmal auch flapsig zu sein. Alles was den Menschen hilft zu verstehen, dass sie trauern dürfen, aber nicht grundlegend und immer müssen!

Heute führen Sie eines der größten Grabstein-Unternehmen in der Region Leipzig!

Ja, ich hatte das große Glück mir mit null Eigenkapital ein Unternehmen aufzubauen, in dem ich meine Leidenschaft umsetzen kann. Heute sind wir zwölf Leute, in einem gewachsenen Team. Ich bin unendlich dankbar.

Jaqueline Hausotte im Portrait

Wo liegen die Herausforderungen? 

Zu verstehen, dass meine Zeit endlich ist und mein Tag nur 24 Stunden hat. Ich habe ständig neue Ideen und musste lernen, Dinge an mein Team abzugeben, Menschen zu vertrauen und mir Unterstützung zu holen. Und: Manchmal ist es schwer, dass ich Menschen nur ein Stück ihres Weges begleiten kann und Grenzen setzen muss.

Steinmetz- und Bildhauerei gilt als Männerdomäne. Wie haben Sie das als Frau erlebt?

Als ich nach Bayern kam, wurde ich im Jahr 2000 vollständig gleichberechtigt behandelt. Doch mir ist es später in Sachsen auch passiert, dass mir gesagt wurde: "Wir sind ein Team von jungen Männern, hier passen sein nicht rein" oder "wir haben keine Sanitäreinrichtungen für Frauen, das passt nicht." Übrigens auch von Kunden. Einer fragte einmal: "Also Sie machen das Büro und ihr Mann ist der Steinmetz."

Sie wurden jetzt mit dem Gründerpreis ausgezeichnet. Was bedeutet das für Sie?

Für mich ist der Preis eine vollkommen unerwartete Anerkennung. Ich liebe das, was ich tue mit allen Facetten. Es fühlt sich für mich nicht besonders oder außergewöhnlich an, deshalb hatte ich eine solche Auszeichnung überhaupt nicht erwartet.

Quelle: MDR/kt/jk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 19. Oktober 2021 | 16:00 Uhr

Mehr aus Leipzig, dem Leipziger Land und Halle

Steinwurf auf Tram
Ein Unbekannter bewarf am Freitagnachmittag eine Tram an der Ratzeltstraße mit Steinen, die mehrere Scheiben an der Straßenbahn zerbersten ließen. Bildrechte: LausitzNews/Erik-Holm Langhof

Mehr aus Sachsen