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Organisiertes Verbrechen

25 Jahre nach Mafia-Mord von Leipzig: Kronzeuge liefert neue Hinweise

von Margherita Bettoni, Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Stand: 22. Februar 2021, 06:30 Uhr

Vor knapp 25 Jahren wurde bei Leipzig ein Italiener erschossen. Die Ermittler stuften das Verbrechen als Mafia-Mord ein. Jahrzehntelang gab es keine greifbare Spur. Bis vor einigen Jahren ein Kronzeuge auf Sizilien sein Schweigen brach. Die Geschichte eines mutmaßlichen Auftragsmordes der sizilianischen Cosa Nostra.

Der Fall fing mit einer Falschmeldung an. In der Nacht des 19. September 1996 ging um 1:30 Uhr bei der Polizei ein Notruf ein. Auf der B186 südlich von Leipzig, zwischen den Orten Knautnaundorf und Zitzschen habe sich ein Verkehrsunfall ereignet. Als die Beamten eintrafen, fanden sie einen toten Mann neben seinem Auto. Doch er war nicht durch einen Unfall ums Leben gekommen. Er war erschossen worden. Die Ermittler identifizierten ihn als Girolamo A. aus der sizilianischen Ortschaft Palma di Montechiaro. Er wurde 32 Jahre alt. Jahrelang tappten die Ermittler im Dunkeln und hatten in dem Fall keine greifbare Spur.

Kronzeuge sagt aus

Sechs Jahre später wurde dann in Italien der Sizilianer Franco C. festgenommen. Er soll ein hochrangiges Mitglied der Mafia in Villaseta gewesen sein, einem kleinen Ort nahe der sizilianischen Stadt Agrigent, von der auch der Geburtsort von Girolamo A. nicht weit ist. C. begann 2011 als Kronzeuge für die Antimafia-Ermittler auf Sizilien gegen seine eigenen Leute auszupacken. Er berichtete, wie er Anfang der Achtzigerjahre Mitglied der Cosa Nostra, der sizilianischen Mafia, wurde. Zwischen 1988 und 2000 lebte er in Deutschland und Belgien. Dort arbeitete und mordete er offenbar für die Mafia.

Konflikte zwischen Mafia-Gruppen eskalieren

In einem Vernehmungsprotokoll vom 5. Januar 2013, das dem MDR vorliegt, sagte er: "Für die Cosa Nostra habe ich auch in Deutschland einen Mord begangen." Dabei könnte es sich um den Mord an Girolamo A. von 1996 handeln. Denn nach gemeinsamen Recherchen des MDR und der sizilianischen Zeitung "Il Grandangolo" soll C. mehrfach über den Mord bei Leipzig ausgesagt haben. Der Befehl dazu soll vom sizilianischen Mafia-Boss Giuseppe P. gekommen sein, der inzwischen lebenslänglich in Haft sitzt.

Was die Gründe für den Mord waren, ist nicht bekannt. Doch nach Recherchen von MDR und "Il Grandangolo" soll C. den Boss gefragt haben, warum er Girolamo A. tot sehen wolle und ob das eine persönliche Rache sei oder ob das im Namen der Gruppe geschehe. Der Boss soll ihm geantwortet haben: Im Namen aller. Demnach soll das Opfer aus einem Clan der sizilianischen Mafia-Organisation Stidda stammen. Der Onkel war der Chef eines Stidda-Clans in seinem Heimatort Palma di Montechirao. Die Stidda hatte sich Ende Siebzigerjahre von Cosa Nostra auf Sizilien abgespaltet. Seitdem hatte es immer wieder blutige Auseinandersetzungen gegeben. Neben dem Kronzeugen Franco C. und dem Mafiaboss Giuseppe P. werden noch zwei weitere Männer als Beschuldigte in dem Fall geführt.

Italienische Behörden ermitteln weiter

Die sächsischen Behörden sind bereits seit den ersten Ermittlungen von einem Mafiamord ausgegangen. Ein Sprecher des Landeskriminalamtes Sachsen sagte dem MDR auf aktuelle Anfrage: "Die Ergebnisse der rechtsmedizinischen Untersuchung und die objektive Tatort-Befundnahme belegten eine Hinrichtung nach Mafia-Art." Dafür spricht, dass Girolamo A. direkt in den Kopf geschossen worden war. Er war am Straßenrand offenbar regelrecht hingerichtet worden.

Sizilien ist die Heimat der italienischen Mafia-Organisation Cosa Nostra. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk, Videovorschaubild aus dem Film „Mafia-Kolonie Ostdeutschland: Der blinde Fleck der Deutschen Einheit“

Vor knapp drei Jahren begannen sich die juristischen Mühlen im Mordfall Girolamo A. neu zu drehen. Die zuständige Staatsanwaltschaft Leipzig bestätigte dem MDR, dass die Informationen aus Italien übermittelt worden seien. Ein Sprecher sagte, dass noch 2018 wiederum ein Ersuchen an die italienischen Behörden um Übernahme des Verfahrens gestellt worden sei. Diesem hätten die sizilianischen Behörden in Agrigent im vorigen Jahr stattgegeben.

Hintergrund sei, dass Opfer und mutmaßliche Täter alle aus Italien kommen und seit Jahren auch nicht mehr in Deutschland waren, so der Sprecher. Damit ist der Fall für die sächsischen Ermittler offenbar vorerst erledigt.

Italienische Mafia mordete in Deutschland

Der Mordfall von Leipzig gehört nach MDR-Recherchen zu den 30 Morden, die italienischen Mafia-Gruppen seit 1990 in Deutschland begangen haben sollen. 2019 hatte die Bundesregierung der Grünen-Bundestagsabgeordneten Irene Mihalic auf eine parlamentarische Anfrage mitgeteilt, dass so viele Morde seit der Wiedervereinigung den italienischen Mafia-Gruppen 'Ndrangheta, Cosa Nostra, Camorra und Sacra Corona Unita zugerechnet werden.

Ob der Mordfall von Leipzig durch die Kronzeugenaussage gelöst wird, bleibt abzuwarten. Denn auch die Staatsanwälte in Agrigent halten sich derzeit für nicht zuständig. Die Akten liegen nun zur Entscheidung bei der obersten Ermittlerbehörde in Palermo. Dabei könnte die neue Spur ein wichtiges Puzzleteil im Mordfall "Girolamo A." sein.

Ob der Fall des Toten Girolamo A. von 1996 wieder aufgerollt wird, ist unklar. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Quelle: MDR

Dieses Thema im ProgrammARD | Die Story im Ersten | 22.02.2021 | 22:50 Uhr

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