Fluglärm Soko Linx ermittelt nach DHL-Blockade am Flughafen Leipzig

Es war eine Protestaktion mit vieldiskutierten Folgen. 54 Gegner des Flughafenausbaus in Leipzig/Halle hatten Freitagnacht eine Zufahrt zum DHL-Zentrum blockiert. Doch einige der Demonstranten wurden bis Sonntagmittag in Polizeigewahrsam genommen. Der Grund: Sie wollten ihre Identität nicht preisgeben.

Menschen vor einem Lkw breiten ein Plakat aus
In der Nacht zum Samstag ging für einen kurzen Zeitraum am DHL-Kreuz am Flughafen Leipzig/Halle nichts mehr. Bis zu 60 Personen blockierten eine Zufahrt zu dem Logistikunternehmen. Bildrechte: MDR/Thomas Tasler

Nach dem Protest von Ausbaugegnern des Flughafens Leipzig/Halle sind alle Aktivisten aus dem Polizeigewahrsam entlassen worden. Das teilte ein Sprecher der Leipziger Staatsanwaltschaft am Montag mit. Bis Sonntagmittag hatten alle 52 in Gewahrsam genommenen Teilnehmenden der Aktion Angaben zu ihrer Identität gemacht und sind damit einem Haftbefehl entgangen. Inzwischen ermittelt die Soko Linx wegen Verstoßes gegen das sächsische Versammlungsgesetz und Nötigung.

Über 30 Stunden Gewahrsam

Teilnehmende die in Gewahrsam waren, haben am Montag Vorwürfe gegen die Leipziger Polizei erhoben. In der Gewahrsamnahme seien ihnen elementare Grundrechte verweigert worden, berichten Teilnehmerinnen bei MDR SACHSEN. Sie hätten sich unter anderem bis auf die Unterwäsche ausziehen müssen und keine Decken erhalten. Auch seien sie über eine längere Zeit weder mit Essen noch Trinken versorgt worden.

Die Polizei Leipzig wies die Vorwürfe zurück. Sprecher Olaf Hoppe sagte MDR SACHSEN, jeder habe Essen und Trinken erhalten, wenn auch zum Teil verspätet. Das habe aber unter anderem daran gelegen, dass sehr viele Demonstranten zeitgleich in Gewahrsam waren und es an einem Wochenende schwer gewesen sei, schnell genügend Essen und Trinken zur Verfügung zu stellen, so Hoppe.

Verzögerung bei DHL, aber Millionenschaden?

Bereits in der Nacht zum Sonnabend stellte das Logistikunternehmen Anzeige wegen Nötigung und sprach von einem Millionenschaden, der durch die nächtliche Blockade entstanden sei. Am Montag konkretisierte Mattias Persson, DHL-Sprecher für Sachsen, bei MDR SACHSEN die Auswirkungen des Protestes. So sei der Betriebsablauf verzögert worden, allerdings mit lokal überschaubaren Auswirkungen. Von Schäden in Höhe von über einer Million Euro war aber keine Rede mehr.

Der entstandene Schaden und mögliche Effekte auf das weltweite Netzwerk lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht genau benennen.

Mattias Persson Sprecher DHL Sachsen

Nach Angaben von Persson wird am Drehkreuz in Leipzig zum Großteil zeitkritische Fracht umgeschlagen. Darunter seien wichtige Ersatzteile für die Industrie sowie dringend benötigte medizinische Güter. Ob während der Protestaktion auch ein Lkw mit Impfdosen nicht zeitnah abgefertigt werden konnte, wie von einigen Medien berichtet, wurde nicht mitgeteilt.

Menschen sitzen nachts auf einer Straße mit Transparenten. Im Hintergrund sind die Lichter des Flughafens zu sehen.
Bis zu 70 Lkw stauten sich an der Blockade. Laut Polizei reichte die Lasterschlange bis zum Bahnhof Schkeuditz. Bildrechte: MDR/Thomas Tasler

Für und Wider bei den Parteien

Bereits am Sonntag äußerte sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zur Blockade. Hier seien Grenzen überschritten worden, erklärte er auf Anfrage der LVZ. Dafür habe der Rechtsstaat vernünftige Instrumente und Schritte, die jetzt auch angewandt werden sollten. Sachsens Wirtschaftsminister und Noch-SPD-Chef Martin Dulig twitterte ebenfalls am Sonntag sein Unverständnis über die Aktion. Protest gehöre zur Demokratie, aber nicht so, erklärte er.

Der Koalitionspartner, Bündnis 90/Die Grünen, hält dagegen: "Wenn Polizei, Staatsanwaltschaft, SPD und CDU legitime Proteste gegen den Ausbau des Frachtflughafen Leipzig kriminalisieren, um private Interessen von Wirtschaftsunternehmen zu schützen, zeigt dies ein Demokratieverständnis, das dem einer Bananenrepublik gleicht", erklärte Norman Volger, Landesvorstandssprecher von Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen.

Menschen sitzen auf einer Straße im Regen
Mit der Aktion soll gegen den Ausbau des Frachtflughafens demonstriert werden. Ob die Blockade legal oder illegal war, ist jetzt Gegenstand der Ermittlungen. Bildrechte: MDR/Thomas Tasler

Ausbaupläne umstritten

Der Flughafen Leipzig/Halle soll erheblich ausgebaut werden. Unter anderem plant DHL die Erweiterung des Logistik-Drehkreuzes von 60 auf 100 Stellplätze. Das würde zu deutlich mehr Starts und Landungen vor allem in der Nacht führen. Der Airport ist inzwischen der zweitgrößte Frachtflughafen in Deutschland nach Frankfurt/Main. Vor allem die erwartete Zunahme nächtlicher Flüge stößt auf Kritik. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) befürwortet zwar den Ausbau, allerdings mit Auflagen. Unterdessen hat die Landesdirektion Sachen die Unterlagen zum geplanten Ausbau des Flughafens Leipzig/Halle erneut ausgelegt, da im ersten Zeitraum im November und Dezember letzten Jahres die Einsicht der Unterlagen durch die Corona-Pandemie erschwert worden war. Das hatten viele der Anrainer-Kommunen verlangt.

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Radioreport | 12. Juli 2021 | 18:00 Uhr

17 Kommentare

Michael Freitag vor 1 Wochen

Ich darf sicher nachfolgendes berichtigen (Informationsstand vom 11. Juli 2021): Zitat: "Ob während der Protestaktion auch ein Lkw mit Impfdosen nicht zeitnah abgefertigt werden konnte, wie von einigen Medien berichtet, wurde nicht mitgeteilt."

Das ist nicht falsch, aber auch nicht richtig. "berichtet" hat diesen Umstand die Polizeidirektion Leipzig in einer Pressemitteilung, ohne dabei den Urheber der Information (die DHL) zu nennen.

MDR-Team vor 1 Wochen

Lieber User, das Innenministerium Sachsen hat die Soko tatsächlich "SoKo LinX" genannt. Zuvor gab es auch schon eine Sonderkommission "Rex", die sich mit dem Rechtsextremismus beschäftigte. Das X ist also gewollt und kein Schreibfehler. Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion

Alf09 vor 1 Wochen

Die Planungsunterlagen liegen doch seit einigen Tagen aus, du kannst gern Einsicht nehmen und dann in Einspruch gehen. Das sieht übrigens unser Rechtsstaat vor und keine gefährlichen Eingriffe in den Straßenverkehr wie diese Blockade!

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