Stadtarchiv Leipzig MDR SACHSEN macht mittelalterlichen Notenfund lebendig

Recycling ist keine Erfindung der Neuzeit. Alte, beschriftete Pergamente wurden im Mittelalter zum Beispiel für Bucheinbände wiederverwendet. Im Stadtarchiv in Leipzig haben sich die Handschriftenexperten vor kurzem diese Einbände genauer angeschaut und dabei Interessantes entdeckt: Alte Noten von gregorianischen Gesängen. MDR SACHSEN hat das alte Liedgut nun vertonen lassen.

Fünf Männer stehen um einen Tisch im Halbkreis. Auf dem Tisch liegen mittelalterliche Noten. Die Männer sind Sänger. 2 min
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Im Stadtarchiv Leipzig wurden kürzlich unbekannte Noten aus dem Mittelalter entdeckt. Die sogenannten Hufnagelnotationen stammen aus dem 14. Jahrhundert. Gefunden hatte sie der Leiter des Handschriftenzentrums der Leipziger Unibibliothek, Christoph Mackert. Das beschriftete Pergament wurde vor über 300 Jahren recycelt, diente als Schutzumschlag eines Forderbuches aus dem Jahr 1715. In diesem hielten die Gerichtsdiener fest, wer vor Gericht gefordert oder besser vorgeladen wurde.

Ein Mann um die 40 mit rotblondem, kurzen Haar steht vor einem Schrank mit Büchern. 7 min
Bildrechte: MDR SACHSEN
7 min

Christoph Mackert, der Leiter des Handschriftenzentrums der Universitätsbibliothek Leipzig, spricht im Interview über die Hintergründe des mittelalterlichen Notenfundes.

Di 14.12.2021 17:03Uhr 06:42 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/leipzig/leipzig-leipzig-land/video-581774.html

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Mittelalterliches Recycling

Dass das ursprüngliche Notenmaterial der Mönche als Einband für ein juristisches Werk genutzt wurde, ist für Mackert ein Glücksfall und auch ein Sensationsfund. Im Kernland der Reformation gebe es extrem wenige Handschriften, die aus dem liturgischen Bereich des Mittelalters stammen, erklärt der Leiter des Handschriftenzentrums. Zudem sei der Großteil der Texte nur in Fragmenten erhalten geblieben.

Die kann man an wenigen Händen abzählen.

Christoph Mackert Handschriftenzentrum der Leipziger Unibibliothek

Ein altes Pergament auf dem Noten gemalt sind.
Auf dem Pergament sind sogenannte Hufnagelnotationen aus dem 14. Jahrhundert geschrieben, ursprünglich Notenmaterial der Mönche. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für die Spezialisten von der Uni Leipzig und dem Stadtarchiv stellte sich nach dem Fund die Frage, ob es möglich ist, die Noten der Mönche zum Klingen zu bringen.
Mithilfe von MDR SACHSEN wurden Musiker gefunden, die sich zutrauten, den verlorenen klösterlichen Gesang zu vertonen: Das Leipziger Ensemble Amarcord.

Ein junger Mann mit kurzen, hellbraunen Haaren steht zwischen zwei Aktenregalen. 3 min
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3 min

Michael Ruprecht, der Direktor des Stadtarchivs Leipzig, spricht im Interview über den sensationellen Fund.

Di 14.12.2021 16:53Uhr 02:45 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/leipzig/leipzig-leipzig-land/video-581768.html

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Musikalisches Rätselraten

Obwohl die Sänger von Amarcord Spezialisten für gregorianischen Gesang sind, hatte es die alte Notation in sich. "Wir haben ja heutzutage ein Schriftbild, ein Notationsbild vor Augen, das ist mit dem überhaupt nicht zu vergleichen", erklärt Ensemble-Mitglied Wolfram Lattke.

Männer stehen im Halbkreis mit Noten in den Händen und singen.
MDR SACHSEN hat das Ensemble Amarcord bei der Vertonung der Notation begleitet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hier fängt man plötzlich an zu rätseln, dieser Anschwung eines Tones, der da geschrieben ist, ist das jetzt schon der Ton oder ist das nur dieser Anschwung?

Wolfram Lattke Amarcord (Tenor)

Dennoch habe die Arbeit mit der alten Handschrift Spaß gemacht und sei spannend gewesen, so Lattke. Auch Bass Holger Krause war von der musikalischen Zeitreise angetan. "Man singt nicht aller Tage aus einer Handschrift, aus den alten Noten."

Ein schlanker Mann um die 45 mit halblangem, dunklen Haar. Er sitzt neben einem Schreibtisch, auf dem alte Bücher liegen. 5 min
Bildrechte: MDR SACHSEN
5 min

Daniel Knauft (Bass) vom Ensemble Amarcord spricht im Interview über die besonderen Herausforderungen, die sich bei der Interpretation der alten Noten ergeben haben.

Di 14.12.2021 16:57Uhr 05:25 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/leipzig/leipzig-leipzig-land/video-581770.html

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Also, da weht einem so der Geist von früher entgegen. Das macht was mit einem.

Holger Krause Amarcord (Bass)

Weihnachtlicher Stundengesang

Das gefundene und vertonte Noten-Fragment ist ein Stundengebet, vertonte Psalme. Laut Mackert könnte es sich um einen Morgengesang der Mönche zur Weihnachtszeit handeln. Nun sollen mit wissenschaftlichen Methoden Thesen entwickelt werden, wie das Lied in seiner Gänze klingen könnte. Letztlich gehe es auch darum, so Mackert, das Ganze wieder aufleben zu lassen.

Einen sinnlichen Eindruck davon zu gewinnen, wie sich das in der Mitte des 14. Jahrhunderts in einem solchen Kloster angehört haben könnte.

Christoph Mackert Handschriftenzentrum der Leipziger Unibibliothek

Die exklusive Gesangsaufnahme ist am Dienstag bei MDR SACHSENSPIEGEL sowie in der ARD-Mediathek zu sehen.

Quelle: MDR(bb/Sybille Muth/Ine Dippmann)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 14. Dezember 2021 | 19:00 Uhr

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