Wohnungslos Obdachlose Leipzig: Das Leben mit und ohne Alkohol

Kalt, nass und ohne Dach – das Leben auf der Straße ist hart. Oft ertragen es die Betroffenen nur mit Drogen oder Alkohol. Doch das führt häufig dazu, dass jemand obdachlos bleibt. Es ist ein Kreislauf, aus dem es sehr schwer ist, auszubrechen. Doch immer wieder versuchen es die Menschen, die am und um den Hauptbahnhof Leipzig leben oder gelebt haben.

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Die Obdachlosen vom Hauptbahnhof Leipzig sind Drogenabhängige, Alkoholiker und gestrandete Jugendliche. Schon oft haben sie versucht, ihr Leben ohne Schnaps wieder in den Griff zu bekommen. Gelingt es ihnen diesmal?

Exakt - Die Story Mi 15.12.2021 20:45Uhr 29:42 min

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In den vergangenen fünf Jahren sind mindestens 14 Menschen rund um die Szene am Hauptbahnhof Leipzig gestorben. Sie erfrieren, werden erschlagen oder saufen sich zu Tode. Auch Siggi ist schwer alkoholabhängig. Mitte 2020 erhält er die Diagnose Leberzirrhose. "Ich habe richtig Schmerzen", sagt der Mittfünfziger. "Ich scheiße nur noch gelb." Der Arzt gebe ihm noch ein halbes Jahr. Trotzdem fällt es ihm schwer, einen Schlussstrich unter die Sauferei zu ziehen.

Dabei hat seine frühere Trinkkumpanin Nadine bereits gezeigt, dass es möglich ist. Vor 4,5 Jahren haben Siggi und Nadine gemeinsam am Hauptbahnhof ihre Zeit verbracht und versoffen – lebten in den leerstehenden, dreckigen Lagerhallen. Diese Umstände setzten Nadine schwer zu. Sie kam mit alkoholbedingtem Organversagen auf eine Intensivstation, überlebte nur knapp. Seitdem hat sie keinen Tropfen mehr angerührt – und das findet Nachahmer. "Mittlerweile habe ich auch viele Freunde, die nicht trinken", sagt die 32-Jährige. Als sie damals aus dem Krankenhaus entlassen wurde, kannte sie nur Leute, die trinken.

Siggi versucht in Leipzig ohne Arzt vom Alkohol loszukommen

So wie Siggi – doch auch der lebt Anfang 2021 plötzlich alkoholfrei. "7. März war das letzte Bier", sagt er. "Von heute auf morgen." Siggi hat jahrzehntelang getrunken. Er sagt, dass er schon immer Entzugserscheinungen gehabt habe und es deshalb gar nicht so schlimm sei. "Wenn ich früh munter war, habe ich erst einmal geflattert." Das sei nun alles weg, sagt er und hebt die Hand – ohne zu zittern. Es sei alles ohne Doktor gegangen.

In seiner Wohnung ist es – im Gegensatz zu früher – aufgeräumt und sauber. Zu diesem Zeitpunkt  hat er 50 Tage ohne Bier oder Schnaps durchgehalten. Rückblickend sagt Siggi: "Ich wollte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr. Ich habe früh mein Bier getrunken und ausgekotzt." Es scheint, als könnte es Siggi diesmal schaffen.

Doch nach 56 Tagen umklammert Siggi wieder eine Flasche Bier am Hauptbahnhof. Er weicht dem Reporter von MDR exakt, der ihn seit fünf Jahren begleitet, aus. Es scheint ihm peinlich zu sein. Im Herbst treffen sich die beiden wieder. "Ich bin wieder abgerutscht, richtig dolle. Besser geht es gar nicht mehr", sagt Siggi mit gesenktem Blick.

"Pfeffi-Heiko" geht zum Entzug eine Klinik in Sachsen

Heiko ist dagegen auf einem anderen Weg. Als der Hauptbahnhof noch sein Anlaufpunkt war, nannten ihn alle nur "Pfeffi-Heiko". Pfefferminz-Schnaps war das, was er früher jeden Tag brauchte um "seinen Tagesablauf irgendwie hinzubekommen". Seit März 2021 lebteHeiko in Bad Klosterlausnitz – in einer Sucht- und Alkoholklinik. Ab Juli ging es für ihn weiter nach Erfurt in eine Betreuungseinrichtung. Seit Anfang des Jahres ist er trocken.

Sein Blick zurück auf die Zeit am Bahnhof: "Freunde direkt sind das keine. Die nutzen dich auch nur alle aus", sagt Heiko. Wenn er Geld gehabt habe, habe er immer etwas abgegeben. Doch wenn er klamm gewesen sei, habe ihm niemand etwas gegeben. In der Betreuung in Erfurt gibt es nun Struktur: Tagespläne und Therapie. Die Menschen müssten wieder alltagsfähig gemacht werden, sagt der Leiter Michael Koziolek: "Man muss sich zum einen wieder als Mensch wahrnehmen, auch seinen Körper wahrnehmen, Körperhygiene, was alles dazugehört, aber auch regelmäßige Mahlzeiteneinnahme." Heiko will noch mehrere Jahre dort bleiben, um sein Leben wieder in den Griff zu kriegen.

Nadine wäre fast gestorben und lebt nun ohne Alkohol

Nadine hat es offenbar bereits geschafft, vom Alkohol loszukommen und könnte vielleicht bald als Näherin eine Arbeit beginnen. Doch wie hat sie es geschafft? "Das hat irgendwie nicht mehr so geschmeckt, wenn man weiß, dass man jederzeit direkt sterben kann", sagt die junge Frau. Doch viele schafften es nicht, länger trocken zu bleiben.

"Klar wäre es mal wieder etwas Anderes, irgendwas zu tun", sagt Siggi. Doch der Alkohol hat ihn wieder voll in seinen Bann gezogen. Er verträgt den Alkohol offenbar wieder, seine Leber hatte sich durch den kurzen Entzug erholt. "Klar ging es mir besser", sagt er. Doch dann versinkt er wieder in Scham und will nicht mehr reden.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt - die Story | 15. Dezember 2021 | 20:45 Uhr

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