Kommunalpolitik Sophia Kraft wirft als Leipziger Stadträtin hin

Sophia Kraft (Grüne) war drei Jahre lang Stadträtin in Leipzig. Doch weil das politische Ehrenamt nicht mit Familie und Beruf vereinbar sei, hat sie beschlossen, ihr Mandat niederzulegen. Über die Gründe und ihre Forderungen hat sie mit MDR SACHSEN gesprochen.

Sophie Kraft,Bündnis 90/Die Grünen, energiepolitische Sprecherin der Fraktion im Stadtrat Leipzig
Nach drei Jahren legt die Leipziger Grünen-Stadträtin Sophia Kraft ihr Mandat nieder. Bildrechte: Sophie Kraft

Am Mittwoch wird die Leipziger Stadträtin Sophia Kraft (Grüne) ihr Mandat niederlegen. Die Aufgaben des politischen Ehrenamtes seien nicht mehr mit ihrem Familienleben und dem Beruf vereinbar, sagte die 1988 geborene Mutter zweier Kinder im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Die energie- und digitalpolitische Sprecherin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen-Fraktion im Stadtrat war vor drei Jahren gewählt worden. Damals seien die Aufgaben noch überschaubar gewesen. Doch seit der Corona-Pandemie, wegen eines zweiten Kindes und wachsender Aufgaben ihrer Schwerpunktpolitik habe sich die Situation geändert. "Jeden Monat hatten wir zwei Ratsversammlungen. Dafür musste ich extra Urlaub nehmen, weil ich in der Privatwirtschaft tätig bin", erzählt Kraft. Zudem müsse sie nacharbeiten, wenn etwas liegenbleibt.

Kritik an Oberbürgermeister Jung

"Es hätte bis heute einiges passieren müssen, um uns Frauen in der Kommunalpolitik zu entlasten", kritisiert Kraft. Sie habe mit zunehmender Belastung das Gespräch mit Oberbürgermeister Burkhard Jung gesucht, der nicht "stark" darauf reagiert habe. "Die Stadtspitze ist nicht für schnelle Lösungen sensibilisiert", so die Grünenpolitikerin.

Nicht der erste Rücktritt wegen Unvereinbarkeit von Familie und Ehrenamt

Kraft ist nicht die erste Frau, die wegen der Unvereinbarkeit von Beruf, Familie und Ehrenamt zurückgetreten ist. Auch Franziska Rudolph (FDP) war aus ähnlichen Gründen in dieser Wahlperiode gezwungen, ihr Stadtratsmandat abzugeben. "Dies muss uns allen ein Alarmsignal und Antrieb sein, die Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit kommunalpolitischen Engagements mit Familie und Beruf nachhaltig zu verbessern", mahnt Tobias Peter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtrat.  

Stadträtin Sophia Kraft
Stadträtin Sophia Kraft wurde 1988 geboren, ist verheiratet und Mutter zwei Kinder. Sie beschäftigt sich vor allem mit Energie- und Klimapolitik. Bildrechte: Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Leipzig

Beschlussvorlage will familienfreundlichere Ratssitzungen ermöglichen

Um an einer Verbesserung der Bedingungen zu arbeiten, haben Kraft und ihre Fraktion zusammen mit Linken und SPD eine Beschlussvorlage eingebracht, die am Mittwoch zur Abstimmung im Stadtrat kommen soll. In dem Antrag wird unter anderem die Planbarkeit der Gremienarbeit gefordert.

"Wir wissen nie genau, wie lange die Sitzungen dauern. Manche gehen bis zu sieben Stunden. Mein Partner weiß nicht wirklich, wann ich wieder da bin. Das erschwert auch seine eigene Planung", so Kraft. Vor allen in Richtung ihrer männlichen Stadtratskollegen ergänzt Kraft, dass die Disziplin der Redezeiten nicht eingehalten würden und Diskussionen so unnötig lang würden.

Was bekommen Stadträtinnen und Stadträte? StadträtInnen arbeiten neben ihrem Beruf ehrenamtlich. Für ihre Arbeit erhalten sie eine Aufwandsentschädigung. Grundlage für die Zahlung von Entschädigungen ist die Entschädigungssatzung der Stadt Leipzig. Folgend eine Auswahl der Enschädigungen.

Grundentschädigung pro Monat: 543,79 Euro
Sitzungsgeld für Sitzungen der Ausschüsse / Ratsversammlung: 54,38 Euro / 108,76 Euro
Mobilitätszuschlag pro Monat: 78,90 EUR

Rückzugsräume und Kostenerstattung für Kinderbetreuung gefordert

Zusätzlich sieht der Antrag vor, mehr Rückzugsräume für Mütter und ihre Kinder zu schaffen. Die gibt es der zweifachen Mutter zufolge bisher im Rathaus nicht. Auch eine Kostenerstattung für die Betreuung von Kindern und zu pflegenden Angehörigen während der Sitzungszeiten werden im Antrag gefordert.

Eigener Antrag kommt für Kraft zu spät

Für Kraft kommt ihr eigener Antrag aktuell zu spät. Für sie und ihre Familie funktioniere der Spagat zwischen Ehrenamt, Mutter, Partnerin und Beruf nicht mehr. "Ich kann dem Amt, das eine Herzensangelegenheit für mich ist, nicht mehr gerecht werden", gibt Kraft zu. "Aber wer weiß, was die Zukunft bringt", ergänzt sie.

MDR (mar/Heike Endig)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | 17. Mai 2022 | 14:30 Uhr

10 Kommentare

Kritische vor 6 Wochen

Maria A: Für viele alte Männer ist das nach wie vor das Totschlagargument, um weibliche Mitbestimmung zu verhindern. Da kommt es ihnen nur zupass, wenn die Frau irgendwann zu Gunsten ihrer Kinder das Amt abgibt. Deshalb haben diese alten Männer auch kein Interesse daran, diese Strukturen zu verändern. Erlebt man im Kleinen (auf Arbeit, in Vereinen, kleinen Gemeinden etc., ja, auch in vielen Familien...) und im Großen. Würden Frauen mehr mitbestimmen, müssten wir keine Angst vor Hitlers, Stalins, Trumps, Putins oder Saddam Husseins haben.

Kritische vor 6 Wochen

Wagner: Wahrscheinlich haben Sie mehrere Kinder großgezogen und zusätzlich noch nach ihrem neu definierten Arbeitsbild gearbeitet, richtig? Nebenbei haben Sie sich noch 30 Jahre für das Gemeinwohl eingesetzt und waren immer vorne dran bei Fluthilfe, Flüchtlingshilfe und Freiwilliger Feuerwehr. Ach ja, und aus ihren Kindern ist natürlich zu 100 % was geworden, was sie ganz allein und quasi nebenbei hinbekommen haben.

Kritische vor 6 Wochen

Wie schaffen es nur Schweden, Finnland oder Neuseeland mit weiblichen Regierungschefinnen und Familien, in denen auch in qualifizierten Berufen oft beide Teilzeit arbeiten? Wenn ich schon die Fotos von irgendwelchen Sitzungen sehe, jetzt wieder auf mdr.de bei der Meldung "Internationale Verkehrsminister unterstützen Ukraine", was sehe ich da? Nur Kerle... Wahrscheinlich alle mit Frauchen zu Hause, die auf die Kinder nicht nur aufpasst, sondern das gesamte Privatleben managt und ihm den Rücken freihält. Das ist sowas von vorgestrig. Unser OB ist selbst nochmal Vater geworden im höheren Alter, kürzertreten muss er deshalb natürlich nicht. In der Demokratie müssen alle Bevölkerungsteile vertreten sein, nicht nur Berufspolitiker und Anwälte (das "innen" lasse ich bewusst weg, da sie kaum vertreten sind), die bereits aus ähnlichem Umfeld kommen. Da müssen wir uns über die Inhalte der Politik und die fehlende Unterstützung für Familien nicht wundern.

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