Interview Der gebeutelte Jahrgang - Leipziger Berufsschüler fordern Durchschnittsabitur

Sophie Orthey, Oskar Teufert und Marius Wittwer stehen kurz vor dem Schulabschluss. Die Schülerin und die beiden Schüler der Karl-Heine-Berufsschule in Leipzig können ab heute wieder am Präsenzunterricht teilnehmen und sollen ausschließlich in prüfungsrelevanten Fächern unterrichtet werden. Vor wenigen Wochen haben sie genau deshalb eine Petition gestartet. Sie fordern ein Vornotenabitur und einen Notfallplan. MDR SACHSEN hat mit ihnen gesprochen.

Schülerinnen und Schüler der Karl-Heine-Beruffschule in Leipzig
Bildrechte: Zoe Josephine Pfaff

Sie haben eine Unterschriftenaktion zur Vorlage bei Kultusminister Piwarz gestartet, die aktuell rund 1.500 Unterzeichner hat. Was wollen Sie mit Ihrer Petition erreichen?

Marius Wittwer: Wir wollen eine öffentliche Debatte anstoßen über das Abitur 2021, weil wir der Ansicht sind, dass die gegenwärtige Pandemie noch nicht vorbei ist. Wenn man sich mal die Situation anschaut, kann man sich Sorgen machen. Sechs Prozent der Corona-Infektionen sind neue Mutationen und die breiten sich sehr schnell aus, wenn die Schulen offen sind. Deswegen haben wir die Sorge, dass sich in nächster Zeit die Zahlen verschärfen werden. Und wir sehen aktuell keinen richtigen Fahrplan für uns. Im schlimmsten Fall müssten wir noch einmal ins Homeoffice. Und was dann?

Wie ist die aktuelle Situation an Ihrer Schule?

Sophie Orthey: Wir sind jetzt mittlerweile 15 Wochen im Homeoffice, aktuell wieder seit Mitte Dezember. Wir sind in geteilten Gruppen und müssen gucken, was überhaupt vermittelt werden kann. Wir hängen derzeit definitiv mehrere Wochen unserem Unterrichtsstoff hinterher.

Das sächsische Kultusministerium plant weiterhin Abiturprüfungen. Was wäre Ihrer Ansicht nach die Lösung?

Oskar Teufert: Wir sind der Meinung, dass es in den vergangenen zwei Jahren genügend Möglichkeiten gab, Schüler fair zu bewerten, ohne dass es von irgendeiner Pandemie und Homeschooling beeinflusst war. Wo Schüler tatsächlich ihr wahres Können zeigen konnten. Diese Noten sollte man als Grundlage nehmen und ich bin mir sicher, dass es genügend Menschen im Ministerium gibt, die dann eine gute Lösung finden, um einen Mittelwert auszurechnen und zu sagen: Das ist das Abi. Wer dennoch seine Abiturprüfung machen möchte, soll das auch können, allerdings in einem sicheren Umfeld. Und das wäre auch schon gegeben, wenn nur die Hälfte der Schüler ihre Prüfung machen müssten, dann müsste man sich viel weniger Gedanken machen um irgendwelche Hygienekonzepte.

Ein Schüler der Karl-Heine-Beruffschule in Leipzig.
Marius Wittwer, Jahrgangsstufe 13 Bildrechte: Zoe Josephine Pfaff

Marius Wittwer: Und dann wird sich natürlich auch die Frage der Anerkennung durch Hochschulen oder durch spätere Arbeitgeber stellen. Das wird ja dann immer gerne genommen, wenn es um das Thema Vornoten-Abitur geht. Da plädieren wir eigentlich für Eignungstests, zum Beispiel an Universitäten. Es gibt viele Studiengänge, die einen Eignungstest voranstellen und sagen, wir nehmen nur die Leute, die wir wirklich für geeignet halten und binden das nicht an irgendeinen Schnitt. Wir werden eh der gebeutelte Jahrgang sein am Ende.

Oskar Teufert: Jeder weiß, was 2020/2021 passiert ist, wie es in den Schulen aussah. Jeder weiß, dass Stoff zurückgesetzt wurde. Für uns fühlt sich das mit den jetzigen Erleichterungen, die für die Abiturprüfungen gelten, an wie ein ganz schlechtes Make-Up. Es ist uns wichtig, dass klar ist, dass niemand darüber hinweggetäuscht werden kann, dass die Situation besonders ist. Und deswegen ist es aus unserer Sicht wesentlich sinnvoller, jetzt wirklich den Fokus auf den Stoff zu legen und nicht auf die Prüfungen. Auf das, was versäumt wurde.

Sie fordern ein Durchschnittsabitur aus den vier Halbjahren in der Sekundarstufe II. Aber schon das zweite Halbjahr 2019/20 hat ja fast komplett im Lockdown stattgefunden. Kann das überhaupt bewertet werden?

Sophie Orthey: Uns ist klar, dass das coronabedingt sein musste, was auch richtig ist. Aber man muss auch bedenken, wir wurden ja in dieser Zeit für das benotet, was wir geschafft haben, was wir verstanden haben, was wir lernen konnten. Aber in den Prüfungen können auch Fragen drankommen zu Unterrichtsstoff, zu Lernstoff, den wir noch gar nicht bekommen haben oder nur schwammig erhalten konnten, weil die Zeit durch die Lockdown-Situation nicht gegeben war. Und Lehrer können zum Beispiel in naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathematik schlecht Rücksicht darauf nehmen, wenn eine Frage nicht beantwortet werden kann, denn sie können ja die Punktanzahl auch nicht verändern. Das ist uns jetzt auch sehr wichtig, dass das verstanden wird. Vom Kultusministerium kam auch schon die Aussage, dass Lehrer bei der Bewertung der Prüfungen Rücksicht nehmen können auf die Schüler. Aber das ist natürlich nicht in jedem Fach möglich.

Eine Schülerin der Karl-Heine-Beruffschule in Leipzig.
Sophie Orthey, Jahrgangsstufe 13 Bildrechte: Zoe Josephine Pfaff

Das Kultusministerium hat Erleichterungen für die Abiturprüfungen angekündigt. Es wurde Stoff gestrichen und die Schüler sollen mehr Zeit bekommen. Was halten Sie von diesen Maßnahmen?

Marius Wittwer:  Die Erleichterungen und die Abstriche, die wir jetzt aktuell kommen, die sind leider keine. Es heißt, wir kriegen jetzt 30 Minuten mehr Zeit in der Prüfung. Die sind uns aber wiederum erst im letzten Jahr weggestrichen worden. Das heißt, wir sind wieder auf dem Stand von 2019, es ist ein Plus-Minus-Null-Geschäft am Ende. Prüfungsthemen, die jetzt weggestrichen worden sind, kamen zum Teil seit 1990 nicht in der Abschlussprüfung dran. Und das sind so Sachen, wo wir uns fragen: Was sind das für Erleichterungen? Und wie will man uns denn wirklich entgegenkommen? Im Abschlussjahrgang 2020 gab es auch Erleichterungen, aber im Vergleich zu uns hatten die betroffenen Schüler nur ein paar Wochen keine oder weniger Schule.

Oskar Teufert: Ein weiteres Problem ist, dass sich die Voraussetzungen ja schon in den einzelnen Klassen mitunter ganz dramatisch unterscheiden können. Erstens, wie die technische Ausrüstung zu Hause ist. Aber auch schon in der Zeit vor dem Lockdown gab es immer einzelne Schüler, die mehrere Wochen im Unterricht fehlten, weil sie sich selbst infiziert hatten, weil Familienmitglieder krank geworden sind, oder eben weil sie Kontakt zu irgendeinem Fall hatten. An unserer Schule gab es auch noch die unglückliche Situation, dass kurz vor dem Lockdown im Dezember eine ganze Klassenstufe für mehrere Tage in Quarantäne musste. So kommt es eben, dass die Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind und man jetzt mit einem Durchschnittsabitur genau da ansetzen kann, um dort wenigstens niemanden zu benachteiligen für eine Situation, für die niemand was kann.

Karl-Heine-Schule, Leipzig
Seit Mitte Dezember geschlossen: Die Karl-Heine-Berufsschule in Plagwitz. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Welche Chancen sehen Sie, dass Ihre Forderungen Gehör finden?

Marius Wittwer: Man will natürlich immer an alten Konzepten festhalten. Aber das Bildungssystem braucht Veränderung. Man sperrt sich oftmals dagegen, weil es am Ende bequemer ist, wenn man einfach die Prüfungen so ablaufen lassen kann, wie es halt immer war. Aber dieses Jahr und auch das vergangene ist halt nicht so, wie es immer war. Und das muss man bedenken. Diese Corona-Schnelltests, die wir haben, sind ja nur dazu da, um das alles zu legitimieren, finde ich. Aber wenn wir eine Beteiligung von einem Drittel an staatlichen und einem Viertel an privaten Schulen haben, dann sagt das am Ende leider sehr wenig aus. Deswegen finden wir, es ist eine ziemlich prekäre Situation, trotz dass die Zahlen sinken. Und deswegen brauchen wir diese Diskussion. Es ist ja schon ein erster Erfolg, dass Christian Piwarz es wenigstens nicht komplett ausgeschlossen hat.

Ein Schüler der Karl-Heine-Beruffschule in Leipzig
Oskar Teufert, Jahrgangsstufe 12 Bildrechte: Zoe Josephine Pfaff

Was fordern Sie von der Landespolitik?

Oskar Teufert: Unsere Forderung ist die Chance auf ein faires Abitur, das abgestimmt ist auf die Bedürfnisse des Einzelnen. Das heißt, die Möglichkeit auf ein Durchschnittsabitur genauso wie auf ein Abitur mit Abschlussprüfung. Wir wollen, dass man im Ministerium aus dieser Wunschvorstellung rauskommt, dass das alles noch wird. Der Schaden ist da. Jetzt muss man damit leben. Und jetzt muss man sich damit arrangieren. Deswegen wollen wir einfach Realismus und Fairness uns gegenüber und damit aber auch natürlich unseren Eltern und Lehrern gegenüber. Allen, die von der Situation betroffen sind.

Marius Wittwer: Und auch Transparenz über Corona-Fälle in den Schulen, dass sich die Schüler dann auch darüber bewusst sind, wenn eine erhöhte Gefahr droht. Ich habe jetzt gelesen, dass in der Kabinettsrunde eine Studie vorgelegt worden ist zum Infektionsgeschehen an Schulen mit Abschlussklassen. Da würde ich mir wünschen, dass so etwas zum Beispiel öffentlich gemacht wird. Es gibt zehntausende Schüler, die auch Petitionen unterschrieben haben, in ganz Deutschland, die einfach auch mehr Transparenz wollen. Nicht nur einmal alle drei Monate einen Brief an die Abiturienten. Wir brauchen da eine gute Kommunikationsstrategie. Die Virologin Melanie Brinkmann sagt ja auch, es deute alles darauf hin, dass es noch mal schiefgehen könnte. Und deswegen brauchen wir da wirklich Antworten.

Sophie Orthey: Es wird immer davon gesprochen, dass Abstriche gemacht werden sollen im Lernstoff. Dafür sollen wir dann andere Prüfungen machen. Das halte ich aber persönlich auch für kontraproduktiv, weil dieser Stoff, der ist für die Universitäten oder für die Ausbildung oftmals essenziell und Voraussetzung. Also wieso plädiert man dann so sehr auf Prüfungen, aber nicht auf den Unterrichtsstoff? Darauf, dass unsere Bildung eben nicht darunter leidet und wir unser Abitur ordentlich zu Ende bringen können, mit dem nötigen Bildungsniveau, was auch erwartet wird vom Lernstand her.

Der aktuelle Fahrplan des sächsischen Kulturministeriums Vor den einwöchigen vorgezogenen Winterferien (31. Januar 2021 - 7. Februar 2021) sind am 18. Januar die Abschlussjahrgänge in Förderschulen, Oberschulen, Gymnasien, Fachoberschulen, Beruflichen Gymnasien, Abendschulen, Abendgymnasien und Kollegs in den Präsenzunterricht zurückgekehrt.

Ab dem 8. Februar kehren auch die Abschussklassen in den Berufsschulen, Berufsfachschulen und Fachschulen wieder aus der häuslichen Lernzeit in den Präsenzunterricht zurück.

Ab dem 15. Februar sollen schrittweise auch Kitas öffnen und alle anderen Schülerinnen und Schüler wieder zurückkehren. Genaue Informationen sollen in dieser Woche verkündet werden.

Quelle: MDR/lt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.02.2021 | 05:00 - 10:00 Uhr

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