Kriegsgefangenenlager Zeithain Sensationsfund im Leipziger Archiv der Verfolgten des Naziregimes

Im Leipziger Archiv der Verfolgten des Naziregimes sind mehr als 70 bislang unbekannte Fotos aus dem Kriegs-Gefangenenlager Zeithain entdeckt worden. Sie wurden von Wachsoldaten aufgenommen und stammen aus dem Jahr 1941. Die Aufnahmen wurden wahrscheinlich bei Hausdurchsuchungen auf Anweisung der sowjetischen Militäradministration von der Polizei beschlagnahmt. Die Fotos dokumentieren Alltagssituationen im Lager. Neben dem Gedränge der Gefangenen an der Essensausgabe zeigen sie auch die Vollstreckung von Strafen wie das Erhängen. Viele der entdeckten Fotos sollen später in der Gedenkstätte Ehrenhain-Zeithain ausgestellt werden. MDR SACHSEN hat mit Jens Nagel, Leiter der Gedenkstätte, gesprochen.

Fotofunde Gefangenenlager Zeithain
Fotofund im Leipziger Archiv der Verfolgten des Naziregimes: Die Bilder dokumentieren den unmenschlichen Umgang mit den Kriegsgefangenen im Lager Zeithain. Bildrechte: VVN-BdA Leipzig e. V.

Woher stammen die bisher unbekannten Aufnahmen aus dem Kriegsgefangenenlager Zeithain?

Wir vermuten, dass die Bilder 1946 bei Hausdurchsuchungen bei ehemaligen Wachsoldaten gefunden wurden. Die sowjetische Militäradministration in Deutschland hat im August 1946 eine Untersuchungskommission eingesetzt, die das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen in Zeithain untersucht hat. Schon im Vorfeld hatte das Landeskriminalamt Sachsen Verhöre von ehemaligen Wachsoldaten durchgeführt und nach Personen gefahndet, die im Kriegsgefangenenlager Zeithain Dienst getan haben. Bei Hausdurchsuchungen wurde dabei auch schon Fotomaterial gesichtet. Wir gehen davon aus, dass diese Fotos schon im Mai oder Juni durch das Landeskriminalamt Sachsen bei den ehemaligen Wachsoldaten sichergestellt wurden.

Was ist auf den Fotos zu sehen?

Die Fotos zeigen die grenzenlos unmenschliche und unbarmherzige Behandlung von Gefangenen. Sie dokumentieren nicht nur den körperlichen Zustand der Inhaftierten, sondern auch Strafvollstreckungen und Hinrichtungen durch Erhängen. Im Kriegsgefangenenlager Zeithain gab es 1941 mehrere Hinrichtungen nach Kriegsgerichtsurteilen. Durch ein Militärgericht sind die Gefangenen zum Tode verurteilt und dann dort hingerichtet worden.

Fotofunde Gefangenenlager Zeithain
Eine Aufnahme aus dem Fotofund. Bildrechte: VVN-BdA Leipzig e. V.

Die Fotos zeigen auch das sogenannte Pfahlhängen. Können Sie die Methode genauer beschreiben?

Beim Pfahlhängen wurden die Gefangenen mit nach hinten hochgebundenen Armen an einen Pfahl gebunden. Die Fußspitzen berührten dabei gerade noch den Boden. Die Strafe wurde nachweislich durch den stellvertretenden Kommandeur des Lagers, einem Österreicher, 1941 verhängt und vollstreckt. Das haben mehrere Zeugenaussagen aus anderen Ermittlungsverfahren bestätigt. Auch Zeichnungen von Gefangenen, die die Folter überlebt haben, bestätigen das Pfahlhängen. Aber nun haben wir das erste Mal ein Foto, das das auch beweist.

Gibt es noch weitere Beispiele für neue Erkenntnisse?

Wir haben auch sieben Fotos von weiblichen sowjetischen Kriegsgefangenen. Wir wissen, dass schon Mitte Oktober 1941 mindestens 60 Frauen der Roten Arme nach Zeithain versetzt wurden, um im dortigen Lazarett zu arbeiten. Zwei dieser Bilder waren uns schon bekannt. Wir konnten sie aber bisher nicht genau datieren. Jetzt wissen wir, dass die Aufnahmen alle aus dem Oktober 1941 sind.

Fotofunde Gefangenenlager Zeithain
Frauen wurden in den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht scheinbar besser behandelt als Männer. Bildrechte: VVN-BdA Leipzig e. V.

Die Fotos machen auch deutlich, dass diese Frauen in einem körperlich viel besseren Zustand waren als ihre männlichen Mitgefangenen. Weibliche Rotarmisten waren im unmittelbaren Kampfgebiet an der Front Vergeltungsaktionen durch die Wehrmacht und die SS ausgesetzt. Aber in den Kriegsgefangenenlagern scheinen sie besser behandelt worden zu sein als ihre männlichen Mitgefangenen. Dazu gibt es auch Daten. Die Sterblichkeit war nicht so hoch wie bei den anderen Gefangenen.

Wurden die Fotos nach dem Krieg anderweitig benutzt?

Ein Teil der Fotos ist für Plakataktionen verwendet worden. Diese Plakate wurden benutzt, um Werbung für den Volksentscheid über die Enteignung von Kriegsverbrechern, NSDAP-Mitgliedern und der Industrie in Sachsen zu machen. Der Volksentscheid wurde am 30. Juni 1946 durchgeführt. Er war der einzige in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ), bei dem darüber entschieden wurde, ob die Enteignungen vorgenommen werden. Die anderen Länder in der SBZ haben das dann nur per Verordnung nachgeholt.

Wer diese Plakate in Auftrag gegeben oder konzipiert hat, ist allerdings unklar. Da gibt es also noch viel zu tun. Darüber wissen wir eigentlich noch gar nichts.

Fotofunde Gefangenenlager Zeithain
Die Fotografien wurden nach Kriegende für die Werbung für einen Volksentscheid über die Enteignung von Kriegsverbrechern verwendet. Bildrechte: VVN-BdA Leipzig e. V.

Was passiert denn nun mit dem Fund?

Ein Teil der Fotos wird sicherlich in der Gedenkstätte ausgestellt - aber nicht alles. Denn ein Teil der Bilder sind ein Blick auf die Opfer, auf Tote, auf Sterbende. Die zeigen wir nicht. Sie lassen nichts mehr von der Würde der Opfer und die werden natürlich nicht ausgestellt.

Quelle: MDR/gg/mar

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 27.01.2021 | 10:00 Uhr in den Nachrichten

6 Kommentare

Horst1 vor 10 Wochen

wie viele deutsche Kriegsgefangene wurden nach dem Krieg auf den Rhein Wiesen erschossen und wie viele haben sie verhungern lassen? Bitte nicht immer einseitig berichten! Beide Seiten sind schlimm!

Horst1 vor 10 Wochen

@skydiver-sr: es ist schlimm, wie hier im Forum über den Umgang mit Kriegsgefangenen umgegangen wird! Es ist immer schrecklich ,solche Fotos über so etwas zu sehen. Der Umgang mit deutschen Kriegsgefangenen war genau so schlimm ,wenn nicht sogar noch schlimmer! Die Kriegsgefangenen in Sibirien haben die Hölle durchlebt! Der einfache Soldat musste ja auch diesen Krieg mitmachen, ob er wollte oder nicht! Fragen Sie einmal die betroffenen selber oder ihre Angehörigen! Bitte nicht einseitig kommentieren!

Ludwig vor 10 Wochen

Ja, das ist richtig. Zumindest kann ich das für den Einzelfall meines Vaters bestätigen, der 2 Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft war und immer nur positiv über die Behandlung gesprochen hat. Eine russische Ärztin hat ihm sogar den linken Arm gerettet, der kurz vor der Amputation war. Die Russen hatten oft nicht mehr zu essen als die Gefangenen. Hunger und Krankheiten waren an der Tagesordnung. Aber die Behandlung war menschlich und korrekt.
Da frage ich mich jedes mal, wenn manche unserer Politiker gegen Russland wettern und Sanktionen verhängt werden, was die Russen uns angetan haben? Erst recht im Verhältnis zu dem, was Nazideutschland in Russland bzw. der Sowjetunion angerichtet hat. Immerhin trug die Sowjetunion die Hauptlast des 2. WK und hatte die meisten Opfer zu beklagen.

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