Armut Wie können Sozialleistungen wirklich ankommen?

Jedes fünfte Kind gilt in Deutschland als arm. Obwohl es viele Sozialleistungen gibt, ist die Armut in den letzten Jahren nicht weniger geworden. Ein Projekt in Leipzig will dafür sorgen, dass Hilfe auch ankommt.

Ein Schild an der Tür von "Stark für dich" mit dem Namen des Projekts
Das Projekt "Stark für dich" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Leipzig, Grünau: Isabell B. und André C. holen ihre Tochter von der Kita ab. Hier im Südwesten der Stadt sind sie zu Hause, sie fühlen sich wohl. Nur die berufliche Situation ist schwierig: Der ausgebildete Fachlagerist und die ungelernte Kitaassistentin sind auf Arbeitssuche. Es ist ein langwieriger Prozess. Begonnen hatte Isabell, nachdem sie bei einer Bekannten, die eine Kita leitet, ein Praktikum gemacht hat. So kommt alles ins Rollen. Drei Jahre hat sie in einer Kita gearbeitet, bis sie schwanger wurde. Eine neue Anstellung hat sie nicht gefunden – trotz Hilfe vom Amt.

Isabell B.
Isabell B. würde gern in einer Kita arbeiten, findet aber keinen Job. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Jobcenter, das bringt mir gar nichts. Die können mir gar nicht helfen, weil das halt für mich individuell zugeschnitten sein muss. Ich kriege keine Jobvorschläge, weil ich nicht regulär vermittelbar bin durch diese Sache.

Isabell B.

Das Problem: Ihre fehlende Qualifizierung. Schon im Schulalter wurde bei ihr eine schwere Lese-Rechtschreibschwäche festgestellt. Sie kann lesen und schreiben, eine theoretische Ausbildung fällt ihr aber schwer. Auch ihr Partner André kommt beruflich nicht auf die Beine. Also holen sich beide Hilfe bei "Stark für dich", einem Bildungsträger-Projekt der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) und dem städtischen Eigenbetrieb (SEB) Behindertenhilfe Leipzig, das vom Jobcenter finanziert wird.

Hilfe zur Selbsthilfe

Das Projekt richtet sich an Familien, die Sozialleistungen beziehen. Hier sollen sie individuell bei ihrer Lebensplanung und beruflichen Perspektiven beraten werden. Nicht umsonst sind die Projekträume in Leipzig-Grünau angesiedelt. In Grünau-Mitte erhalten rund 34 Prozent der Einwohner Hartz IV. Und die Kinder trifft das am stärksten: Rund 40 Prozent der unter 15-Jährigen erhalten Sozialleistungen. Das ist dreimal so viel, wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Projektinitiatorin Claudia Noack will deshalb diese Familien als Gesamtes stärken: "Eine berufstätige Mutter und ein berufstätiger Vater sind ja auch Vorbilder. Man sagt ja immer so schön 'einmal Hartz IV, immer Hartz IV', das stimmt ja nicht. Die Motivation ist ja da. Oft ist die Frage: Wie kriegen sie den Zugang?"

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Hilfe zur Selbsthilfe!

Wir stellen das Projekt "Stark für Dich" in Leipzig-Grünau vor

MDR AKTUELL Mi 03.08.2022 12:25Uhr 02:24 min

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Diese Frage stellen sich auch Isabell und André. Der erste Schritt ist die Überlegung, wie Isabell Arbeit finden kann. Im Gespräch wird klar: Als Ungelernte hat sie auf Dauer in der Kita kaum Chancen, da dort meistens Fachkräfte eingestellt werden. Der neue Vorschlag: Mit einer beruflichen Reha-leistung, die Menschen mit Einschränkung in Arbeit bringen soll, könnte sie zum Beispiel im Einzelhandel einsteigen. André wird beraten, wie er seine nebenberufliche Selbstständigkeit als ITler ausbauen kann. Am Ende geht es auch noch um Erziehungsfragen. Zum Beispiel, wie Tochter Kelly in Zukunft pünktlich in die Kita gebracht werden kann. Die Beratung deckt viele Lebensbereiche ab. Nach dem Gespräch ist Isabell trotzdem erstmal entmutigt. Ihr Traum mit Kindern zu arbeiten, scheint in die Ferne gerückt. Die 27-Jährige hat schon lange Erfahrung mit Hilfsangeboten vom Staat. Vieles beantragte sie für sich und ihre Familie, beruflich aber brachte sie es kaum weiter. Allein 150 Familienleistungen gibt es in Deutschland.

Ein Dschungel an Hilfsangeboten

Claudia Noack von "Stark für dich" kritisiert, wie undurchsichtig die Angebote seien. Die verschiedenen Anlaufstellen machten es schwierig für die Betroffenen, unabhängig vom Bildungsniveau.

Claudia Noack
Claudia Noack vom Projekt "Stark für dich" gibt Hilfestellung im Dschungel aus Hilfsangeboten, Formularen und Vorschriften. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Da ist vielleicht eine Erziehungsberatung, eine Schuldnerberatung, eine Suchtberatung. Das gibt es auch nicht an einer Stelle. Und manchmal frage ich mich, ob der Zugang mit Absicht so hoch ist, weil es letztendlich auch Mittel spart. Wenn es nicht beantragt wird, wird es nicht abgerufen.

Claudia Noack

Neben ALG II können zum Beispiel Kita-Freiplätze oder kostenloses Mittagessen in der Schule, aber auch Nachhilfe oder ein Zuschuss zur Klassenfahrt beantragt werden. Jede neue Leistung bedeutet auch ein neuer Antrag. Wie effektiv sind diese Sozialleistungen eigentlich? Der Kinderarmutsforscher Prof. Dr. Michael Klundt hat Zweifel: Alle Armuts- und Reichtumsberichte zeigten, dass Kinderarmut stagniere, sich verfestige oder sogar ansteige im Laufe der Zeit. Er plädiert dafür, die Prozesse zu hinterfragen.

In Deutschland gilt jedes fünfte Kind als arm. Dieser Wert hat sich in den vergangenen 15 Jahren nicht verändert. Arm sein bedeutet demnach, weniger zu haben als 60 Prozent des mittleren Nettohaushaltseinkommens. Für eine Alleinerziehende mit Kind wären das unter 1396 Euro im Monat. Was Armut bedeutet, das weiß Sarah, auch sie ist derzeit auf Arbeitssuche.

Kein Geld für teurer gewordenes Obst und Gemüse

Seit der Inflation kann Sarah es sich nicht mehr leisten, anderes Obst für die Kinder zu kaufen als Äpfel. Auch Tomaten sind mittlerweile eine Ausnahme geworden, berichtet sie. Stattdessen schmiede sie schon Pläne für die Zukunft. Alles, was sie sich und den Kindern jetzt nicht kaufen kann, merkt sie sich. Mit dem ersten Lohn will sie dann die Wünsche ihrer Kinder erfüllen. Drei Kinder zieht sie alleine groß. Jahrelang hatte die gelernte Sozialassistentin in der Pflege gearbeitet. Weil dort schlecht bezahlt wird und sie den Schichtdienst mit drei Kindern nicht stemmen kann, schulte sie zur Mediengestalterin um. Doch gerade kommt sie nicht weiter.

Sarah
Die arbeitssuchende Sarah weiß, wie schwer es ist, als Alleinerziehende über die Runden zu kommen. Für sich und ihre drei Kinder sucht sie Hilfe bei "Stark für dich". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele Firmen haben sehr große Angst davor, dass bei alleinerziehenden Müttern die Kinder krank werden. 99 Prozent aller Absagen kommen aufgrund dessen: Sie haben Kinder, das ist ein Firmenrisiko.

Sarah

Seit zwei Monaten lässt sich die 36-Jährige von "Stark für dich" beraten. Auch sie ist mit den bürokratischen Hürden der Hilfsleistungen überfordert. Vor allem aber schätzt sie die Kontakte zu anderen Teilnehmenden. Regelmäßig kochen sie zusammen.

14 Teilnehmende und 33 Kinder werden derzeit im Projekt betreut. Es geht nicht nur um Förderprogramme, sondern auch um gesunde Ernährung, Freizeitaktivitäten und Angebote für die Kinder.

Armut und soziale Isolation

Susan Streit, die für das Projekt arbeitet, berichtet, dass vor allem in der Corona-Zeit die Einsamkeit zugenommen habe. Vor allem Alleinerziehende, die berichteten, keinen Kontakt zu anderen Erwachsenen zu haben.

Susan Streit
Susan Streit arbeitet beim Projekt "Stark für dich" mit Alleinerziehenden, um ihnen aus der sozialen Isolation zu helfen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Familien sind wirklich dankbar für die Gruppenaktivitäten, wo sie sich miteinander austauschen können und merken: Mensch, ich bin gar nicht alleine. Anderen Familien geht es auch so.

Susan Streit

So, wie auch in der Kita "Um die Welt" in Grünau Nord. Rund 200 Kinder mit 24 verschiedenen Nationalitäten werden hier betreut. Christoph Wittwer, einer der Urheber des Projekts "Stark für dich", sieht Armut jeden Tag. Fast die Hälfte der Kinder hier hat Anspruch auf kostenloses Mittagessen. Dies sei ein Hilfeschrei, der aber kaum gehört werde: "Wir kriegen vielleicht eine Sozialarbeiterstelle und haben eine Familienkoordinationsstelle. Aber das reicht ja immer noch nicht aus. Unser Personalschlüssel ist genauso wie in anderen Kitas", berichtet er. "Wenn wir einen Ausflug organisieren, dann müssen wir im Endeffekt Geld organisieren, damit wir uns das leisten können. Weil in der heutigen Zeit Menschen mit Transferleistungen einfach nicht in der Lage sind, mal fünf oder zehn Euro im Monat zu bezahlen, um einen Ausflug zu gewährleisten."

Wittwer kennt die Familien persönlich, einige von ihnen hat er in das Projekt vermittelt, weil die Kita individuelle Beratung nicht leisten kann. Das sei ein strukturelles Problem, findet Politikwissenschaftler Michael Klundt. Denn Bildungseinrichtungen müssten ganz neu aufgestellt werden.

Michael Klundt
Armutsforscher Michael Klundt fordert stärkere und unbürokratische Unterstützung für sozial benachteiligte Stadtteile. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In diesen sozial benachteiligten Stadtteilen müssten die besten Erzieherinnen und Erzieher hin mit den besten Arbeitsbedingungen und den höchsten Löhnen, die man sich vorstellen kann im Bildungssystem. Und wir müssen bei den entsprechenden Infrastrukturen, Beratungsinstitutionen darauf achten, dass wir nicht so eine Behördenvielfalt haben, sondern dass sie irgendjemand ansprechen können und danach wird das zwischen den entsprechenden Institutionen und am besten durch eine automatische Auszahlung geregelt, so wie wir das beim Kindergeld ja auch kennen.

Michael Klundt Professor für Kinderpolitik, Hochschule Magdeburg-Stendal

Zurück zu Sarah. Sie macht weiter mit dem Projekt. Ihr großes Ziel ist aber, wieder in Arbeit zu kommen und alles alleine stemmen zu können.

Isabell B. weiß inzwischen, dass sie die Reha-Leistung vor einigen Jahren schon mal beantragt hatte, nur hieß die Leistung anders. Auch wenn der Berufseinstieg damals nur bedingt geklappt hat, wird sie es wieder probieren. Sie hat Hoffnung, dass sie irgendwann einen Job finden wird und auch ihr Kind bessere Chancen hat, als sie hatte.

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Quelle: MDR Investigativ / est

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 03. August 2022 | 20:15 Uhr

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