Bildung In Leipzig-Grünau ist Sachsens erste Gemeinschaftsschule gestartet

Mit dem neuen Schuljahr ist in Leipzig die erste Gemeinschaftsschule in Sachsen eröffnet worden. Vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur können sämtliche Abschlüsse künftig an der Modellschule abgelegt werden. Bis dahin war es ein weiter Weg, der unter anderem über einen Volksantrag führte. Andere Einrichtungen stehen bereits in den Startlöchern.

Auf der Tür eines Klassenzimmers stehen die Worte "Wir starten in das neue Schuljahr".
Bildrechte: dpa

In Leipzig-Grünau ist am Montag die erste Gemeinschaftsschule Sachens gestartet - die Leipziger Modellschule. Rund 50 Mädchen und Jungen in altersgemischten Gruppen lernen zunächst klassenübergreifend von der ersten bis zur dritten und von der vierten bis zu sechsten Klasse. "Damit entfällt in der vierten Klasse die Entscheidung, welche weiterführende Schule das Kind besucht", sagt Schulleiterin Birgit Kilian.

Entscheidung fällt in der neunten Klasse

Künftig können an der Leipziger Modellschule sämtliche Abschlüsse abgelegt werden - vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur. Je nach Potenzial und Leistungsstand lernen die Kinder zwar gemeinsam, aber mit verschiedenen Aufgaben. So können sie beispielsweise im Fach Deutsch auf Gymnasialniveau lernen, in Mathematik dagegen auf dem Niveau der Oberschule. In der neunten Klasse soll dann gemeinsam mit den Eltern beraten werden, welcher Abschluss zum Kind passt.

Das hauseigene Motto "Gute Bildung für alle" lasse sich als Gemeinschaftsschule viel besser umsetzen, betont Initiatorin und Vereinsvorsitzende Gerlind Große. "Deshalb freuen wir uns unheimlich, dass wir diesen Weg gehen können." Dieser sei lang und herausfordernd gewesen.

Ein bunter Container steht auf einer freien Fläche im Plattenbaugebiet Grünau in Leipzig
Der bunte Container ist Anlaufstelle und Ort für Projekte der Leipziger Modellschule, später soll auf dem Gelände der Bildungscampus der Gemeinschaftsschule entstehen - mit Kita, Familienzentrum, Bibliothek, Sportanlagen und vielem mehr. Bildrechte: dpa

Gemeinschaftsschulen in Sachsen In Sachsen gab es bisher längeres gemeinsames Lernen nur an freien Schulen und mit Ausnahmeregelung an der Nachbarschaftsschule Leipzig und dem Chemnitzer Schulmodell. Die Initiative "Gemeinschaftsschule in Sachsen" hatte jahrelang dafür gekämpft, dass die Gemeinschaftsschule als "optionales Modell" ins sächsische Schulgesetz aufgenommen wird. Ziel war und ist es, Kinder nicht nach der vierten Klasse in Oberschulen oder Gymnasien zu schicken, sondern ihnen ein längeres gemeinsames Lernen zu ermöglichen. Nach einem Volksantrag hatte das Vorhaben im vergangenen Jahr Erfolg. Zum 1. August 2020 wurde die Gemeinschaftsschule ins sächsische Schulgesetz aufgenommen. Quelle: www.gemeinschaftsschule-in-sachsen.de

Der freie Träger der Leipziger Modellschule hatte Ende Juli nach Angaben des Kultusministeriums die Genehmigung für das neue Schuljahr bekommen. Zudem wird die freie Oberschule in Großnaundorf (Landkreis Bautzen) zu einer "Oberschule Plus", die künftig in Kooperation mit einer Grundschule längeres gemeinsames Lernen von der ersten bis zur zehnten Klasse erlaubt. Auch die Kurfürst-Moritz-Schule in Boxdorf/Gem. Moritzburg sowie die Dresdner Universitätsschule haben bereits Interesse bekundet.

Volksantrag mit 50.000 Unterschriften

Vor gut einem Jahr hatte der Sächsische Landtag für ein neues Schulgesetz und damit die Gemeinschaftsschule gestimmt - unter Auflagen. Der Einigung in der Koalition gingen ein jahrelanger erbitterter Streit sowie ein Volksantrag voraus, den 50.000 Menschen unterschrieben haben. Grüne, SPD und Linke befürworteten die Gemeinschaftsschule, die CDU lehnte sie ab. Die Kenia-Koalition verständigte sich schließlich auf eine Einführung. Auf Druck der CDU wurden allerdings für die Umsetzung Hürden eingebaut, die nach Expertenansicht längeres gemeinsames Lernen erschweren. So muss es an den Schulen etwa eine Mindestanzahl von Schülern geben.

"Gemeinschaftsschule nicht einfach nur Namenswechsel"

Aus Sicht der Linken im Landtag ist es kein Zufall, dass bisher nur zwei freie Schulen nach den neuen Modellen arbeiten. Es gebe zuviel Bürokratie, als dass sich die neue Schulart gleichberechtigt und vor allem zügig entwickeln könne, kritisierte die Abgeordnete Luise Neuhaus-Wartenberg. Nur "extrem wenige Eltern und Schulkinder" könnten sich aktuell für längeres gemeinsames Lernen entscheiden.

"Gemeinschaftsschule zu werden, ist kein einfacher Namenswechsel", betonte Sabine Friedel von der SPD-Fraktion. Die Schulen müssten ein neues pädagogisches Konzept entwickeln, verschiedene Gremien müssten zustimmen. Das brauche Zeit. Auch einige staatliche Schulen stünden in den Startlöchern, so Friedel. "Wenn es gelingt, innerhalb der Legislaturperiode eine zweistellige Anzahl Gemeinschaftsschulen zu errichten, ist viel geschafft."

Kultusminister: Erste öffentliche Gemeinschaftsschulen ab 2022/23

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) geht davon aus, dass es im Schuljahr 2022/23 die ersten öffentlichen Gemeinschaftsschulen im Freistaat gibt. "Wir haben durchaus die ein oder andere Anfrage, die sich mit dem Gedanken tragen und wissen wollen, worauf sie achten müssen." Mittlerweile wurde eine entsprechende Schulordnung erarbeitet und veröffentlicht. Damit hätten diejenigen, die sich auf den Weg zur Gemeinschaftsschule oder Oberschule Plus machen, auch einen Fahrplan. "Ich halte es für ein gutes Zeichen, dass wir nicht hauruckmäßig zahlreiche Schulen haben", betonte Piwarz. Das zeige, dass die Gemeinschaftsschule auf "pädagogisch hohem Niveau" und mit fundierten Konzepten vorbereitet werde.

Gemeinschaftsschulen - keine Option für den ländlichen Raum?

Der Verein "Gemeinsam länger lernen" berät Schulen, die zur Gemeinschaftsschule werden wollen. "Das Interesse ist da", so Vorsitzender Florian Berndt. Das Problem seien die aus Sicht des Vereins zu hohen Hürden wie die Vierzügigkeit. "Viele Schulen haben nicht so viele Klassen." Gerade im ländlichen Raum sei längeres gemeinsames Lernen damit schwierig.

Integrierte Gesamtschulen in neun Bundesländern

Gemeinschaftliches Lernen gab es im Freistaat bisher nur an zwei Schulen in Leipzig und Chemnitz. Derzeit werden die Kinder üblicherweise nach der vierjährigen Grundschule getrennt und an Oberschulen und Gymnasien weiter unterrichtet. In neun weiteren Bundesländern gibt es bereits integrierte Gesamtschulen. In Sachsens Nachbarland Thüringen gibt es seit nunmehr zehn Jahren Gemeinschaftsschulen - insgesamt 72. In diesem Schuljahr kommen zehn staatliche und vier freie Schulen neu dazu.

Mehr zum Thema Schulbeginn in Sachsen

Quelle: MDR/al/dk/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 06. September 2021 | 19:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Leipzig, dem Leipziger Land und Halle

Sport

Rolf Allerdissen, Rene Holzhammer, Thomas Kalisch, Benny Tröllmich und Hund Apryl (v.l.n.r.) präsentieren den längsten weißen Stock der Welt. mit Video
Rolf Allerdissen, Rene Holzhammer, Thomas Kalisch, Benny Tröllmich und Hund Apryl (v.l.n.r.) präsentieren den längsten weißen Stock der Welt. Bildrechte: Pia Siemer

Mehr aus Sachsen