Denkmaltag in Leipzig Vom Bowlingtreff und Fitnesstempel zum Museum

1987 in den Gewölben eines alten Umspannwerkes errichtet, war es der Vergnügungstempel Leipzigs: Der Bowlingtreff auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Unter Tage gab es mehrere Gastronomieeinrichtungen, Billardtische, Spielcomputer vom Typ "Polyplay" und das erste Fitnesscenter der DDR. Dazu 14 Bowlingbahnen mit 84 Spielerplätzen. Beim "Tag des offenen Denkmals" konnten am Sonntag Besucher einen seltenen Blick hinter die vernagelten Türen des seit 1997 leerstehenden Gebäudes werfen. Und das Interesse war groß.

ein altes Gebäude von aussen, davor stehen Menschen
Hunderte kamen am Sonntag zum Leipziger Bowlingtreff auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Der Bau gilt nicht nur als bedeutendes Kulturdenkmal der späten DDR-Architektur, sondern auch als Zeugnis der Postmoderne. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Sonntagmorgen kurz vor zehn Uhr. Auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz mitten in Leipzig formiert sich eine Menschenschlange vor dem Eingang des ehemaligen Bowlingtreffs. Hunderte sind gekommen, um am Tag des offenen Denkmals einen Blick hinter die sonst zugenagelten Türen und Fenster des jüngsten Kulturdenkmals in Leipzig zu erhaschen.

Denkmal unter Tage - der Leipziger Bowlingtreff

ein altes Gebäude der Postmoderne von aussen
Wie ein Eisberg ragt ein Teil des alten Bowlingtreffs auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig aus dem Boden. Der größte Teil des Baus erstreckt sich unter der Erde, auf mehr als 6000 Quadratmetern Fläche. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
ein altes Gebäude der Postmoderne von aussen
Wie ein Eisberg ragt ein Teil des alten Bowlingtreffs auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig aus dem Boden. Der größte Teil des Baus erstreckt sich unter der Erde, auf mehr als 6000 Quadratmetern Fläche. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
ein älteres Paar
Familie Müller aus Leipzig kennt den Bowlingtreff noch aus DDR-Zeiten. Es sei wie im Westen gewesen, wenn man einen den begehrten Plätze zum Bowlen ergattern konnte, erzählen sie. Beide wollen das Gebäude noch einmal sehen, bevor es zum Naturkundemuseum umgebaut wird. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
eine Frau steht in einer Schlange im Freien
Bettina Bautze hatte Glück. Sie war rechtzeitig vor Ort und konnte bei einer der begehrten Führungen durch den Bowlingtreff mitmachen. Sie macht sich wegen des hohen Grundwasserspiegels und dem geplanten Umbau zum Naturkundemuseum allerdings Sorgen. Der Standort sei aber super für das Musuem, findet sie. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
mehrere Menschen stehen in einem Foyer eines leerstehenden Gebäudes
Im Foyer ist kaum noch was von der alten Pracht zu sehen. Thomas Noack von der Fachgruppe Denkmalpflege Leipzig (rechts) und Rony Maik Leder vom Naturkundemuseum Leipzig (links) entführten die Besucher in vergangene und künftige Tage des Bowlingtreffs. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
ein Foto von einem Foyer
Größtenteils wurde der Bowlingtreff 1987 in Schwarzarbeit errichtet. Genauer: mit Hilfe von 40.000 freiwilligen, unbezahlten Arbeitsstunden. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
eine Treppe führt in einem Gebäude nach unten
Zahlreiche Treppen führen nach unten. Dort warteten 14 Bowlingbahnen auf kegelbegeisterte Leipzigerinnen und Leipziger. 6.000 Qudratmeter umfasst das ganze unterirdische Areal. Es gab auch eine Skatklause sowie Büroräume. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
ein Marmorboden
Zu DDR-Zeiten war der Saalburger Marmor nur für den Export bestimmt. In Leipzig ziert er den Boden des Bowlingtreffs. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
eine heruntergekommene Sanitäranlage
Die Sanitäranlagen haben schon bessere Zeiten gesehen. Klappt alles so wie es sich Naturkundemuseumsdirektor Leder vorstellt, wird hier bald Naturgeschichte zu erleben sein. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Ein Schild auf dem Fitness-Studio steht
Neben Spielcomputern gab es in der Westhalle des Bowlingtreffs auch den ersten Fitness-Club der DDR. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Ein Schild auf dem Fit und Form steht
Der Name war Programm. An zehn Trainingsplätzen konnte sich Frau oder Mann in Form bringen. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
heruntergekommene Bowlingbahnen
Anstelle der Bowlingbahnen plant das Naturkundemuseum seine Dauerausstellung. Dafür müssen die vier Zwischendecken weichen. Das Ergebnis: Ein 17 Meter tiefer kathedralartiger Raum. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Bowlinghalle
14 Bowlingbahnen luden ab 1987 zum bowlen ein. 84 Spieler konnten gleichzeitig spielen. Bildrechte: MDR/Kasten/Weber
Alle (12) Bilder anzeigen

Schwelgen in Erinnerung

Bettina Bautze ist eine von ihnen. Sie besuchte zu DDR-Zeiten mit ihrer Arbeitsgruppe den Vergnügungstempel. "Wir haben hier gegessen, Bowling gespielt, das war ein Highlight, an das ich mich heute noch gerne erinnere", erzählt sie MDR SACHSEN. Und auch Monika Becker kann sich noch gut an die alten Zeiten erinnern. Hier habe sie mit anderen gemeinsam Sport gemacht. Danach sei es an eine der Bars gegangen, um den Durst zu stillen, erzählt sie von damals.

eine ältere Frau mit Kamera in einem Gebäude
Monika Becker aus Leipzig im Foyer des Bowlingtreffs. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Das war ein ganz besonderes Haus mit einer besonderen Anziehungskraft. Man traf sich hier, um zu sehen und gesehen zu werden.

Heimlicher Prachtbau

Wie besonders dieser Bau ist, erklärt Thomas Noack von der Denkmalpflege Leipzig, während einer der Führungen durch den Bowlingtreff. Kein Staatsauftrag aus Berlin sei es gewesen, den der Rat der Stadt Leipzig Mitte der 1980er Jahre umsetzte. Das Vorhaben sollte von der maroden Bausubstanz der Stadt ablenken. Mehr still und heimlich sei in dem 1925-26 erbauten Umspannwerk "Unterwerk Mitte" der Bowlingtreff errichtet worden, erzählt Noack. Erbaut von den Leipzigern selbst, teils in Schwarzarbeit, an der Regierung in Berlin vorbei.

Bowlingtreff damals und heute

Bowlingtreff Leipzig gestern und heute

heruntergekommene Bowlingbahnen
Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
heruntergekommene Bowlingbahnen
Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Bowlinghalle
Bildrechte: MDR/Kasten/Weber
Alle (2) Bilder anzeigen

Museum taucht ab

Bowlen, Gewichte stemmen, Billard spielen - diese Zeiten sind schon lange vorbei. Seit 1997 steht das Gebäude, entworfen von dem bekannten Architekten Winfried Sziegoleit, leer. Maximal besucht von Marder, Fuchs und illegalen Sprayern, weiß der Direktor des Naturkundemuseums Rony Maik Leder zu erzählen.

Das Gebäude saugt einen förmlich ein und es weiß zu überraschen.

Rony Maik Leder Direktor Naturkundemuseum Leipzig

Großes hat Rony Maik Leder mit dem Bau vor. Nach fast 25 Jahren Ruhe, soll hier in den nächsten Jahren das Naturkundemuseum einziehen. Die Pläne für den Umbau sind fertig, der Leipziger Stadtrat hat für das 28 Millionen Euro teure Projekt grünes Licht gegeben.

Aus der Westhalle, dort wo heute noch die Bowlingbahnen zu sehen sind, wird eine Art Kirchenschiff entstehen. Ein 17 Meter hoher Raum für die künftige Ausstellung rund um die erste deutsche Tiefsee-Expedition, die in Leipzig begann. Die Osthalle soll dann künftig die Sonderausstellungen des Museums beherbergen. "Das ist total spannend, hier so ein Museum zu entwickeln", freut sich Leder über seine derzeitige Aufgabe.

Gerne hätte man mehr gehört von den Zukunftsplänen, von der Geschichte des Baus und den Geschichten, die dahinter stecken. Doch zu viele wollten einen Blick hinter die Kulissen werfen. Museumsleiter und Denkmalschützer versprachen aber, alle Informationen zum Denkmal und zum Museum zeitnah zugänglich zu machen. Für alle, die mehr wissen wollen.

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Sachsenspiegel | 12. September 2021 | 19:00 Uhr

Mehr aus Leipzig, dem Leipziger Land und Halle

Mehr aus Sachsen

Ein großes Osterei mit altem Motiv wird in die Kamera gehalten. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK