Forschungsprojekt Progrid Trauertherapie: Wenn Zeit nicht alle Wunden heilt

Wenn ein nahestehender Mensch stirbt, müssen die Angehörigen diesen Verlust verarbeiten. Die Trauer kann unterschiedlich intensiv und lang sein. Traurigkeit, Schuldgefühle, sogar körperliche Beschwerden können auftreten. Dieser Zustand bessert sich in der Regel nach einigen Wochen oder Monaten. Das ist aber nicht immer der Fall. Das Forschungsprojekt "Progrid" untersucht, wie man Trauernden effektiv helfen kann, mit ihrem Verlust umzugehen. Prof. Anette Kersting leitet das Projekt am Universitätsklinikum Leipzig. Im Interview mit MDR SACHSEN erklärt sie, warum Trauern ganz normal ist und wie auch jeder einzelne bei Verlusten unterstützen kann.

Eine Bronzefigur in Form eines Engels an einem Kreuz auf einem Friedhof.
Wie lange das Trauern nach dem Tod eines nahestehenden Menschen dauert, ist sehr unterschiedlich. Doch wer auch viele Monate nach dem Verlust nicht nach vorne schauen kann, könnte an einer Trauerstörung erkrankt sein. Bildrechte: dpa

MDR SACHSEN: Professor Kersting, Sie leiten das Projekt "Progrid" in Leipzig. Was genau verbirgt sich hinter diesem Namen?

Prof. Anette Kersting: Progrid wurde abgeleitet von "Prolonged Grief Disorder" und bedeutet auf Deutsch anhaltende Trauerstörung. Es handelt sich dabei um ein Krankheitsbild, an dem Menschen, die eine nahestehende Person verloren haben, erkranken können.

Wann spricht man von Trauer und wann von einer Trauerstörung?

Eine Trauerstörung kann auftreten, wenn Menschen einen Verlust nicht bewältigen können und im Trauerprozess stecken bleiben. Eine anhaltende Trauerstörung kann man zum Beispiels daran erkennen, dass die Menschen weiterhin sehr intensiv an den Verstorbenen denken, dass sie sich sehr nach ihm sehnen, sich sehr einsam fühlen - auch lange Zeit nach dem Verlust. Es fällt ihnen schwer, den Tod zu akzeptieren. Manche Menschen haben Schuldgefühle oder machen sich Vorwürfe. Oder sie versuchen, Gedanken und Gefühle, die sie an die verstorbene Person und an deren Tod erinnern, zu vermeiden. Entscheidend ist auch, wie intensiv die Menschen unter diesen Symptomen leiden und wie sehr sie sich in ihrem Alltagsleben eingeschränkt fühlen.

Ein Mann steht bei Sonnenuntergang auf einem Steg
Einsamkeit - eines der zentralen Gefühle bei der Trauerstörung. Bildrechte: imago/Westend61

Das meiste davon klingt doch aber nach "normaler" Trauer, oder?

All diese Symptome können unmittelbar nach einem Verlust ganz normal sein oder sind üblicherweise auch ganz normal. Aber wenn diese Merkmale weiterhin anhalten und auch nach über sechs Monaten oder nach über einem Jahr noch in einer Intensität vorhanden sind, die es erschweren, das Alltagsleben wieder fortzuführen, dann sollte man prüfen, ob hier nicht eine anhaltende Trauerstörung vorliegt.

Wenn man über Trauer liest, kommt man sehr schnell zu dem Modell "Phasen der Trauer", also Leugnen, Wut, Verhandeln und so weiter. Haben Sie festgestellt, dass Menschen in einer bestimmten Phase "stecken bleiben"?

Sie sprechen diese Phasen der Trauer von Frau Kübler-Ross an. Wenn man von Phasen spricht, dann suggeriert man: Es sind Phasen, die in dieser Reihenfolge anlaufen. Das entspricht nicht unserem klinischen Bild. Wir wissen, dass Trauersymptome ganz unterschiedlich sein können und dass die Menschen individuell ganz unterschiedlich trauern. Diese Vielfalt bildet ein Phasenmodell weniger ab.

Können Sie es mit einem anderen Modell deutlich machen?

Ja, ich würde Ihnen lieber ein Modell von einer niederländischen Arbeitsgruppe vorstellen. Die Kollegen sehen Trauer als einen Prozess zwischen dem Verlust und der Akzeptanz des Verlusts. Der Trauerprozess wird als eine Oszillation (schwankende Bewegung, Anm. d. Red.) zwischen zwei Polen beschrieben: Der eine ist der verlustorientierte Pol. Dazu gehören die Beschäftigung mit dem Verstorbenen, Erinnerungen, Sehnsüchte, aber auch der Wunsch, Orte und Dinge die an den Verstorbenen erinnern, zu meiden, weil diese den Trauerschmerz auslösen können. Der andere Pol betrifft das aktuelle Leben und die Zukunft: Aufgaben, denen man sich jetzt stellen muss, Pläne, die man für die Zukunft hat. Der Trauerprozess bedeutet ein Hin und Her zwischen diesen beiden Polen. Je näher man dem Verlust ist, desto mehr Raum und Zeit nimmt der verlustorientierte Pol ein. Je weiter der Prozess der Bewältigung der Trauer fortgeschritten ist, desto mehr nimmt der gegenwarts- und zukunftsorientierte Pol ein.

Das Modell zeigt auch, dass Trauer nie beendet sein kann, sondern manche Menschen ein Leben lang Trauergefühle haben, wenn sie sich an den Verlust erinnern. Es handelt sich dann nicht unbedingt um einen pathologischen Trauerprozess. Entscheident ist, wie gut diese Menschen in ihrem aktuellen Leben zurechtkommen. Wenn es gelingt, den Verlust zu bewältigen, nehmen die Aufgaben und Themen, die mit dem aktuellen und zukünftigen Leben Zusammenhängen, deutlich mehr Raum ein als die verlustorientierten Gedanken. Menschen, die an einer anhaltenden Trauerstörung leiden, bleiben in diesem Prozess stecken.

Haben Sie im Rahmen der Forschung herausbekommen, ob es Menschen gibt, die eher dazu neigen, an einer Trauerstörung zu erkranken? Zum Beispiel besonders sensible oder introvertierte Menschen?

Zu dieser Frage gibt es eine Reihe von Studien. Zum einen wissen wir, dass die Todesumstände ein Faktor sind, der sich erschwerend auf einen Trauerverlauf auswirken kann. Der Verlust von Kindern ist  ein Verlust, der sehr schwer zu bewältigen ist. Oder wenn dieTodesumstände traumatisch erlebt werden - durch Unfälle oder einen Suizid. Das sind sicher Bedingungen, die den Trauerprozess erschweren können. Aber letztlich können wir nicht sagen, dass es bestimmte Persönlichkeitstypen sind, die vorhersagen lassen, dass Trauerverläufe schwerwiegend verlaufen können.

Ist das Thema Trauer schwierig? Warum wird Trauer gesellschaftlich so wenig thematisiert?

Wir haben in unserer Gesellschaft nicht viele Erfahrungen mit Trauernden. Wenn man bedenkt, wie häufig Trauer vorkommt, dann ist es immer wieder erstaunlich, wie wenig sich viele Menschen damit auskennen. Trauer ist ein Thema, bei dem sich die Menschen eher zurückziehen, dass sie häufig nicht teilen. Das führt dazu, dass dann die Umgebung wenig Erfahrung mit Trauernden hat und unsicher ist, wie sie mit Trauernden umgehen soll. Manche Menschen haben Angst nachzufragen und ziehen sich aus Unsicherheit zurück, was wiederum dazu führt, dass der Trauernde wenig soziale Unterstützung bekommt. Unterstützung durch die Familie und Freunde ist aber ein wichtiger Faktor für die Bewältigung von Trauer.

Die Angst, etwas falsch zu machen, ist groß. Man möchte helfen, aber kann man das überhaupt?

Zwei Menschen trösten sich gegenseitig
Wer Anteil nimmt und Trost spendet, wird wahrscheinlich auch selbst traurig, meint Studienleiterin Anette Kersting. Das sei für manche angsteinflößend. Bildrechte: Colourbox.de

Wenn jemand sehr traurig ist, kann man ihn unterstützen, indem wir ein bisschen begleiten. Natürlich können wir nichts tun, um ihm die Trauer zu nehmen. Wir können nur ein bisschen Anteil nehmen an den Gefühlen. Das bedeutet aber, dass man selber auch Trauer fühlt. Davor haben manche Menschen Angst.

Wenn man sich zutraut, die Gefühle mitzuerleben, dann ist es ganz einfach. Man fragt den Betreffenden, wie es ihm geht. Und dann kommt ja schon irgendeine Antwort. Wenn keine Antwort kommt, würde ich fragen, was er so denkt, womit er sich beschäftigt. Ich halte mich ganz zurück und versuche, Raum zu lassen, dass mein Gegenüber erzählen kann. Daraus entwickelt sich in der Regel ein Gespräch, in dem es um das aktuelle Erleben geht, anstehende Aufgaben - immer wieder unterbrochen durch schöne, aber auch schmerzliche Erinnerungen. Ich stelle wenig Fragen, sondern warte auf das, was kommt. Das kann als sehr wohltuend erlebt werden und ein wenig entlasten. Sich nicht ganz allein mit seiner Trauer zu fühlen, hilft vielen Menschen.

Das waren jetzt sozusagen Tipps für das erste halbe Jahr nach dem Verlust, also die Trauerbegleitung. Inwiefern unterscheidet sich die Therapie?

Um an unserer Trauertherapie teilzunehmen, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein: Der Verlust muss mindestens sechs Monate zurückliegen und der Betroffene hat entweder körperliche oder seelische Beschwerden oder große Schwierigkeiten, mit den alltäglichen Aufgaben zurechtzukommen. Dann untersuchen wir, ob eine anhaltende Trauerstörung vorliegt. Wenn sich herausstellt, dass unser Behandlungskonzept das richtige ist für den oder die Betreffende, dann bieten wir 20 Sitzungen einer speziellen Psychotherapie an. Das Behandlungskonzept, wurde für die Behandlung einer anhaltenden Trauerstörung entwickelt und basiert auf kognitiv-behavioralen Techniken. Es ist also ein verhaltenstherapeutischer Ansatz.

In den ersten Sitzungen besprechen wir die Motivation. Was soll sich ändern und warum? Welche Ziele hat die Person? In den nächsten acht Sitzungen identifizieren wir die ganz besonders schwierigen Situationen, denen sich der Betreffende stellen muss. Zum Beispiel, wenn man wichtige Orte meidet, die an den Verstorbenen erinnern - wie ein Krankenhaus - aber man eigentlich trotzdem jeden Tag daran vorbeifahren muss, weil man dort in der Nähe wohnt. Wir arbeiten dann an genau diesen Vermeidungen. In den folgenden drei Sitzungen geht es um Trauer und körperliche Beschwerden, weil wir wissen, dass viele Trauernde auch unter körperlichen Beschwerden leiden: Somatoforme Störungen (körperliche Beschwerden, ohne organische Ursache, Anm. d. Red.), aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Magenbeschwerden. In den letzten drei Sitzungen geht es zum Abschluss noch einmal um die Beziehung zum Verstorbenen. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, bei Bedarf fünf weitere Sitzungen durchzuführen. Die Sitzungen erstrecken sich über einen Zeitraum von sechs Monaten, einmal pro Woche.

Eine junge Frau steht an einem Geländer
Ein halbes Jahr lang arbeitet das Team von Progrid mit den Patienten. In den 20 Sitzungen sollen die Menschen bei ihrer Trauerarbeit optimal unterstützt werdne. Bildrechte: imago/Photocase

Das Projekt ist auf Verhaltenstherapie ausgelegt. Warum verfolgen Sie keinen tiefenpsychologischen Ansatz? Ist die Frage nach den Hintergründen, warum man nicht loslassen kann, nicht entscheidender?

Das liegt einfach daran, dass die Studienleiterin, die dieses Projekt erarbeitet hat, Verhaltenstherapeutin ist. Es wäre sicher genauso möglich, mit einem tiefenpsychologischen Hintergrund ein entsprechendes Konzept auszuarbeiten. Beide Therapieschulen haben sich als sehr effektiv erwiesen.

Das Forschungsprojekt läuft seit drei Jahren. Liegen denn schon Ergebnisse dazu vor, wie hilfreich die Therapie ist?

Wir haben noch keine Gesamtauswertung, aber Zwischenergebnisse. Die Messzeitpunkte sind bei uns am Ende der Therapie und sechs Monate nach Beendigung der Therapie. Und die ersten Ergebnisse, die wir uns angeschaut haben, geben erste Hinweise darauf, dass die Trauertherapie eine wirksame Behandlung ist. Die Patienten der Kontrollgruppe nehmen an einer anderen bekannten Therapieform teil, die sich Present-Centered Therapy nennt. Wir wissen, dass diese Therapieform auch wirksam ist. Und wir möchten jetzt gerne zeigen, dass eine spezifischere Therapie, die sich auf die Trauersymptome bezieht, noch wirksamer ist. Das Forschungsprojekt wurde gerade erst bis 2023 verlängert.

Quelle: MDR/kp

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