Tarifverhandlungen Einzelhandel: Verdi ruft zu zentralem Streik auf

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Im Lockdown hielten Verkäuferinnen und Verkäufer die Lebensmittelversorgung aufrecht. Dabei hatten sie durch die vielen Kunden ein hohes Risiko, sich mit Covid-19 anzustecken. Die großen Supermarktketten machten Rekordgewinne, die Verkäuferinnen profitierten meist nicht. Seit mehreren Wochen laufen nun Tarifgespräche für den Handel. Doch es bewegt sich wenig. Die Gewerkschaft Verdi ruft ihre Mitglieder nun zu einer zentralen Streik-Kundgebung in Leipzig auf.

Um die Forderungen der Gewerkschaft Verdi stehen Arbeitgebervertreter zu Beginn der Tarifverhandlungen im Einzel- und Versandhandel.
Einige Händler wollen freiwillig mehr Lohn zahlen. Bildrechte: dpa

"Wo sind die Kolleginnen und Kollegen von Aldi? Hier! Wo sind die Kolleginnen und Kollegen von Kaufland? Hier! Wo sind die Kolleginnen und Kollegen von Netto? Hier!"

Verdi: Beschäftigte an Gewinnen beteiligen

Der Einzelhandel streikt. Allerdings ziemlich versteckt. Rund 100 Verkäuferinnen und Verkäufer stehen auf einem Hinterhof des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Leipzig. Sie machen Lärm, anstatt zu arbeiten. Mit solchen kleinen Aktionen versucht die Gewerkschaft Verdi schon seit Wochen, Druck aufzubauen. Nun soll der Druck größer werden – und sichtbarer.

Zwei Streikende erzählen, warum sie höhere Löhne fordern: "Hallo, ich bin der Mike von Netto. Und ich wünsche mir von der aktuellen Tarifrunde mehr Gehalt. Denn wir waren in der Krise da und haben die Läden am Laufen gehalten." Und: "Hallo, ich bin die Andrea von Kaufland. Ich wünsche mir von der Tarifrunde, dass nicht mehr nur geklatscht wird. Strom, Wasser, Mieten. Das wird alles teurer. Dafür wollen wir mehr verdienen."

Insgesamt gibt es in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt 280.000 Verkäuferinnen und Verkäufer. Verdi fordert für sie in diesem Jahr 4,5 Prozent mehr Lohn, plus 45 Euro je Monat pauschal obendrauf. Verhandlungsführer Jörg Lauenroth-Mago sagt, das sei angemessen. Der Einzelhandel habe im letzten Jahr wahnsinnig viele Umsätze gemacht. Insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel und im Möbelhandel habe es "super Gewinne" gegeben: "Daran sollen die Beschäftigten beteiligt werden", sagt Lauenroth-Mago.

Handelsverband: Lohnsteigerung nur bei Krisen-Gewinnern

Beteiligen ja, aber so viel sei nicht drin, entgegen die Arbeitgeber. Sie haben 300 Euro als Einmalzahlung und 5,4 Prozent angeboten, was gut klingt. Die Lohnsteigerung soll aber auf 3 Jahre verteilt werden. Und sie soll nur von Unternehmen gezahlt werden, die gut durch die Krise gekommen sind.

Bei wem es weniger gut lief, der solle die Einmalzahlung weglassen und die prozentualen Erhöhungen erst etwas später zahlen dürfen, fordert René Glaser, Geschäftsführer des Handelsverbands Sachsen: "Es ist, glaube ich, kein Geheimnis, dass die wirtschaftliche Spreizung in der Branche infolge der Pandemie sehr, sehr groß ist. Teile der Handelsunternehmen haben massiv unter einem monatelangen Lockdown und starken Einschränkungen gelitten. Und viele Unternehmen bangen auch weiterhin um ihre wirtschaftliche Existenz."

Einigen Händlern scheint es aber auch sehr gut zu gehen. Sie wollen freiwillig zwei Prozent mehr zahlen und das Ergebnis der Tarifverhandlungen gar nicht erst abwarten. Die Gewerkschaftsvertreter ärgert das. Sie befürchten, dass die Belegschaften mit diesem Entgegenkommen gespalten, die Streikbereitschaft verringert werden soll.

Beschäftigte: Angst vor Jobverlust

Ohnehin beteiligt sich nur eine Minderheit an dem Arbeitskampf. Andrea von Kaufland vermutet, es liege nicht nur am Pflichtbewusstsein vieler Kolleginnen: "Ich muss feststellen, dass die Angst überwiegt. Viele Betroffen waren in Kurzarbeit, auch im Handel. Ich denke, da ist die Angst noch zu groß. Die, die jetzt noch Arbeit haben, wollen sie auch behalten."

Wie viele ihre Angst überwinden können, wird sich zeigen, wenn Verdi zur zentralen Streikaktion in Leipzig einlädt. Die nächste Verhandlungsrunde mit den Arbeitgebern beginnt dann am 28. Juli.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 09. Juli 2021 | 06:09 Uhr

1 Kommentar

Germinator aus dem schoenen Erzgebirge vor 20 Wochen

Am besten mal am Freitag ab 15:00 die Türen schließen.

Es ist ja nun nicht so, das man im Einzelhandel nichts verdient, aber es ist richtig, dass die Verkäufer ihren Anteil einfordern.

Und Angst vor Jobverlust ist meines Erachtens unbegründet, jetzt wo die Restaurants wieder geöffnet haben und dringen Servicepersonal gesucht wird. Da gehen viele wieder zurück.

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