Medizingeschichte "Wahn und Sinn" - im Leipziger Psychiatriemuseum

Wenn man heute psychische Hilfe braucht, bekommt man die beim Psychiater. Psychiatrie, Diagnose und Therapie haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Ohne Zwangsjacke ging in der Behandlung früher gar nichts. Einen Überblick über die Entwicklung des mdeizinischen Fachbereichs zeigt das Sächsische Psychiatriemuseum in Leipzig. "Wahn und Sinn" heißt die aktuelle Ausstellung, die Karsten Pietsch besucht hat.  

Gebäude des Sächsischen Psychiatriemuseums
Bildrechte: Durchblick e.V./Sächsisches Psychiatriemuseum

Die Villa in der Mainzer Straße in der Nähe des Sportforums in Leipzig ist kein stilles Museum. Viele Menschen gehen ein und aus. Alltag für Museumsleiter Thomas Müller: "Unsere Vorstellung ist schon, dass wir uns an die normale Öffentlichkeit wenden und Leute hier über die Psychiatrie informieren, die normalerweise keinen Zugang zum und wenig Informationen über das Thema haben."

Den Wahnsinn austreiben

Ausstellung "Ein Haus voller Bilder" im Sächsischen Psychiatriemuseum
Blick in das Museum. Bildrechte: Durchblick e.V./Sächsisches Psychiatriemuseum

Die Ausstellung zur Psychiatriegeschichte beginnt mit Abbildungen aus finsteren Zeiten. Thomas Müller erklärt die Psychiatrie früher: "Sie haben den Leuten zum Teil die Schädel aufgebohrt und hatten dann gedacht, dass man dadurch den Wahnsinn irgendwie austreiben kann und haben sie zum Teil mit ätzenden Salben eingerieben.“

Verrückt, geisteskrank, seltsam - abgeschrieben

Menschen, die früher von ihrer Umgebung als verrückt, geisteskrank oder einfach nur seltsam angesehen wurde, wurden verwahrt. In Leipzig kamen psychisch kranke und sozial unangepasste Menschen lange Zeit ins Georgenhaus, bis man zwischen Ursachen unterschied und Therapien entwickelte.

Thomas Müller führt in den Räumen durch 200 Jahre Psychiatriegeschichte. Zu sehen sind Gegenstände, Fotos und Dokumente aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Auch die Zwangsjacke hängt in einer Vitrine. "Man hat so eine Zwangsjacke eingesetzt, um Symptome zu bekämpfen, um jemanden zu beruhigen. Die Zwangsjacken selber gibt es nicht mehr. Man kann Menschen heute mit Medikamenten beruhigen. So muss man einfach auch wissen, dass man auch durch die Medikamente nicht gesund wird, sondern dass auch damit nur Symptome eingefangen werden.“

Litt an Schizophrenie: Mundartdichterin Lene Voigt

Lene Voigt
Gespaltene Persönlichkeit: Die sächsische Mundartdichterin Lene Voigt schrieb heitere Geschichten und Gedichte und litt unter Wahnvorstellungen. Bildrechte: Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.

Lebensgeschichten bekannter sächsische Persönlichkeiten werden auch erzählt. Darunter sind auch die Dichterin Lene Voigt, die ihre Krankheit humorvoll beschrieb und Karl May, der erfundene Abenteuer aufzeichnete und sich für seine Straftaten eine Krankheit diagnostizierte. Thomas Müller kennt Aufzeichnungen, die beschreiben, "dass Karl May eine gespaltene Persönlichkeit gewesen ist. Und immer dann, wenn er kriminell geworden ist, dann wäre dieses Böse, das Dunkle, in ihm zum Tragen gekommen."

Die Ausstellung der Psychiatrie zeigt auch verkannte Genies. Franz W. von Pritchin hat in der Psychiatrie Altscherbitz Hunderte von Zeichnungen technischer Neuerungen angefertigt. Thomas Müller bestaunt sie: "Das war so ein eigenes Universum. Mit diesen Modellen von Fahrrädern, die eigentlich heute total modern sind, fahren jetzt die jungen Leute rum herum.“

Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.

Erasmus von Rotterdam

Mehr Informationen zum Museum: Durchblick e.V. / Sächsisches Psychiatriemuseum
Mainzer Straße 7
04109 Leipzig

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonnabend: 13 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung

Telefon: 03 41-1 40 61 40
E-Mail: museum@durchblick-ev.de

Quelle: MDR/kp/in

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Der Tag | 06. Oktober 2021 | 12:40 Uhr

1 Kommentar

Brigitte Schneider vor 1 Wochen

Leider wurde vom Leipziger Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung von Psychiatrie Opfern nichts gefunden.

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