Rechtsextremismus Landkreis Leipzig hat die meisten rechtsmotivierten Straftaten in Sachsen

Jessica Brautzsch
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Im Landkreis Leipzig gibt es prozentual die meisten rechtsmotivierten Straftaten in Sachsen. Das geht aus Zahlen des Innenministeriums in Dresden hervor. Demnach gab es 2020 knapp 74 Fälle je 100.000 Einwohner. Woran liegt das? Möglicherweise daran, dass die Dunkelziffer in den anderen Landkreisen höher sei, sagt Brigitte Laux, Sprecherin des Landkreises Leipzig. Für Linken-Politikerin Kerstin Köditz ist das eine Ausrede, die die Entwicklung im Kreis ignoriere.

eingeschlagene Sicherheitsglasscheibe im ehemaligen Freizeitpark Spreepark Berlin
Der Landkreis Leipzig verzeichnet prozentual die meisten rechtsmotivierten Straftaten. Bildrechte: IMAGO

Die großen Fenster des Vereins "Bon Courage" in Borna sind seit vergangenem Jahr alle aus Panzerglas. Jährlich waren die Räumlichkeiten des Vereins für politische Aufarbeitung und Bildungsarbeit angegriffen worden, zuletzt 2020.

Carolin Münch arbeitet hauptamtlich in dem Verein und ist sich sicher, dass die Angriffe von rechts kamen: "Das ist definitiv kein Jugendstreich gewesen, wenn man hier in der Nacht mit Pflastersteinen Fenster einwirft und Buttersäure reinwirft. Das sind geplante Aktionen, weil Buttersäure habe ich auch nicht einfach zuhause herumstehen."

Rechtsmotivierte Straftaten am häufigsten im Landkreis Leipzig

Solche schweren Sachbeschädigungen sind keine Einzelfälle im Landkreis Leipzig. Die mit Abstand häufigsten rechtsmotivierten Straftaten waren 2020 rechtsextremistische Schmierereien oder Aufkleber, etwa mit Hakenkreuzen, und das Skandieren rechter Parolen.

Das mag auf den ersten Blick harmloser wirken als etwa Gewalt gegen Migranten. Doch der Leiter der Geschäftsstelle Kinder- und Jugendring Landkreis Leipzig, Andreas Rauhut, mahnt: "Zum einen sind das ja auch verfassungsfeindliche Symbole wie Hakenkreuze oder andere. Die sind strafrechtlich verwertbar und müssen auch der Polizei gemeldet werden. Zum anderen sind sie, ob Schmierereien oder Sticker-Aktionen, auch ein Indiz, wie die Haltung von Leuten in einer Region ist."

Gemessen an der Bevölkerungszahl gab es in keinem anderen sächsischen Landkreis mehr rechtsmotivierte oder rechtsextremistische Straftaten als im Landkreis Leipzig – nämlich 73,6 je 100.000 Einwohner. Das zeigen die Zahlen des sächsischen Innenministeriums. Und auch in absoluten Zahlen ist der Landkreis Leipzig mit 207 Vorfällen ganz weit vorn, auf Platz drei, nur übertroffen von den Großstädten Leipzig und Dresden.

Beschwichtigende Reaktionen aus dem Landkreis

Der Landkreis Leipzig habe diese Zahlen bislang noch nicht auswerten können, erklärt die Sprecherin Brigitte Laux. Sie hat eine Vermutung: "Wir haben im Landkreis viele Akteure und Initiativen, die sich offensiv gegen Rechtsextremismus, Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit stellen. Und genau das soll ja auch zur Sensibilisierung der Bevölkerung beitragen. Und zu einer niedrigen Toleranzschwelle. Man kann es nur mutmaßen, aber möglicherweise ist das der Grund, warum wir hier in einer Spitzenposition sind. Weil wir reden jetzt hier über Straftaten, die angezeigt worden sind. Möglich ist, dass die Dunkelziffer in anderen Landkreisen höher ist."

Doch diesen Punkt will Linken-Politikerin Kerstin Köditz aus Grimma nicht gelten lassen. Zwar seien die Menschen beim Thema Rechtsextremismus und Rassismus generell sensibler geworden. Doch eben nicht allein im Landkreis Leipzig: "Diese Aussage klingt für mich nach einer Ausrede. Es gibt in allen Landkreisen, Gott sei Dank, Initiativen, die sich gegen Rassismus und Antisemitismus engagieren. Mit einer solchen Aussage wird die gesamte Entwicklung des Landkreises Leipzig ignoriert."

Zudem beklagen viele Vereine und Initiativen, die sich für politische Aufklärung und Demokratie einsetzen, eine fehlende Förderung. So fehle es etwa in den selbstverwalteten Jugendtreffs auf den Dörfern an mobiler Jugendarbeit. Und gerade hier kann sich rechtes Gedankengut so leichter ausbreiten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. März 2021 | 08:11 Uhr

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