Tag der Arbeit Work-Life-Balance: Die Vier-Tage-Woche ist politisch nicht gewünscht

Arbeit, Freizeit, Flexibilität: Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche sind in aller Munde. Trotzdem würden die meisten Menschen weiterarbeiten, wenn sie plötzlich im Lotto gewinnen würden, so der Leipziger Arbeitspsychologe Prof. Dr. Hannes Zacher. Im MDR-Interview erklärt er, warum eine gute Work-Life-Balance keine Generationenfrage, sondern vielmehr eine individuelle Sache ist.

Ein Mann im mittleren Alter schaut lächelnd in die Kamera.
Prof. Hannes Zacher ist Arbeitspsychologe an der Uni Leipzig. Bildrechte: Universität Leipzig/Swen Reichhold

MDR SACHSEN: Work-Life-Balance ist ein modischer Begriff, was bedeutet er überhaupt?

Hannes Zacher: Den Begriff der Work-Life-Balance gibt es schon ziemlich lange, auch in der Forschung und in der Psychologie. Zunehmend wird der Begriff auch kritisch gesehen, weil er suggeriert, dass Arbeit und das Leben getrennte Bereiche sind. Dabei ist Arbeit natürlich ein ganz wichtiger Teil des Lebens von vielen Menschen. Und der Begriff suggeriert auch, dass diese Lebensbereiche, also Erwerbsarbeit und zum Beispiel Familie, in Balance sein müssen.

Es geht gar nicht darum, eine Balance wie bei einer Waage herzustellen.

Hannes Zacher Arbeitspsychologe

Dabei wird vernachlässigt, dass das für einige Menschen vielleicht gar nicht so wichtig ist, sondern dass sie zum Beispiel sehr viel Priorität in ihre Arbeit stecken möchten und weniger in andere Lebensbereiche – oder andersrum. Viele würden sagen: Es geht gar nicht darum, eine Balance wie bei einer Waage herzustellen. Stattdessen muss man schauen: Welche Ziele verfolgen Menschen in unterschiedlichen Lebensbereichen? Was macht sie zufrieden? Und wie bewerten sie, was miteinander zu vereinbaren ist?

Wie hat sich denn der Wert und die Bedeutung von Arbeit über die Zeit verändert?

In Bezug auf die Erwerbsarbeit stellen wir immer die Frage: Würden Sie weiterarbeiten, wenn sie im Lotto gewinnen würden und dadurch gut finanziell auskommen oder wenn sie eine Erbschaft machen? Und es gibt interessante Langzeitstudien, die zeigen, dass die meisten Menschen, ungefähr 70 Prozent, weiterarbeiten würden, selbst wenn sie finanziell gut über die Runden kommen würden. Und das hat sich über die Zeit gar nicht so stark verändert.

Das Interessante dabei ist: Die Hälfte dieser 70 Prozent würde unter unveränderten Bedingungen weiterarbeiten, während die andere Hälfte sagt: Es müsste sich aber was verändern, damit ich weiterarbeite, zum Beispiel müsste ich in meinen Arbeitsbedingungen mehr Flexibilität haben.

Während der Pandemie sind bei vielen Menschen die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben verschwommen. Im Homeoffice ist man quasi immer erreichbar. Halten Sie das für problematisch?

Ja, manchmal wird es als etwas Positives dargestellt, dieser Trend, dass man von überall und zu jeder Zeit arbeiten kann. Als Arbeitspsychologe sehe ich das eher kritisch. Wir wissen aus der Forschung, dass ein Verschwimmen von Grenzen zwischen Lebensbereichen bzw. eine Entgrenzung der Arbeit in zeitlicher, aber auch räumlicher Hinsicht, viele Nachteile mit sich bringen kann. Unter anderem, dass Menschen schlechter schlafen, wenn sie spätabends noch am Laptop oder am Smartphone arbeiten oder E-Mails beantworten.

Es ist gut, eine gesunde Grenze zu ziehen zwischen Erwerbsarbeit und Freizeit.

Hannes Zacher Arbeitspsychologe

Dass sie am nächsten Tag dann nicht ausgeruht sind, dass vielleicht auch das Familienleben beeinträchtigt ist, wenn Eltern immer auf ihr Smartphone schauen oder zu wenig Zeit für ihre Kinder haben. Grundsätzlich kann man sagen: Es ist gut, eine gesunde Grenze zu ziehen zwischen Erwerbsarbeit und Freizeit, wo man sich erholen kann, und Arbeitszeiten nicht zu sehr zu entgrenzen.

Laut Studien könnte eine Vier-Tage-Woche zu mehr Work-Life-Balance, weniger Burnout und mehr Erholung führen könnte. Was hält uns davon ab, die Vier-Tage-Woche auch tatsächlich umzusetzen?

Die Idee der Vier-Tage-Woche oder generell der reduzierten Arbeitszeiten, die gibt es schon ziemlich lange. Die Firma Volkswagen hat damit experimentiert: Die haben das über einige Jahre eingeführt, vor allen Dingen aus wirtschaftlichen Gründen, um Entlassungen zu verhindern. Interessanterweise hat Volkswagen das vor einiger Zeit dann auch wieder rückgängig gemacht und die Vier-Tage-Woche wieder abgeschafft, obwohl die aus psychologischer Sicht sicherlich einige Vorteile bietet.

Nämlich, dass man mehr Zeit für andere Lebensbereiche hat, wie zum Beispiel gesellschaftliches Engagement, Familie, für sich selbst. Ich glaube, dass viele Menschen davon auch individuell profitieren würden, wenn sie mehr Freizeit hätten. Studien zeigen auch, dass viele Menschen das wollen. Dass sie zum Beispiel bereit wären, einen Teil ihres Gehalts aufzugeben für mehr freie Zeit. Das Problem, warum die Vier-Tage-Woche sich nicht durchsetzt und sich nicht durchgesetzt hat, sind – glaube ich – wirtschaftliche Gründe.

Viele Unternehmen befürchten, dass der organisatorische Aufwand sehr groß sein könnte. Die Planung der Schichten wird erschwert, wenn Menschen Arbeitszeit reduzieren. Deswegen sagen viele Unternehmen: Es ist für uns wirtschaftlicher, wenn die meisten Menschen in der klassischen Vollzeit arbeiten.

Viertagewoche 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
3 min

MDR um 4 Do 11.11.2021 17:00Uhr 03:18 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Das heißt, Arbeitgeber spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, dass ihre Angestellten eine gute Work-Life-Balance haben oder gern weniger arbeiten würden?

Das Modell ist politisch einfach nicht gewünscht, auch wenn es aus psychologischer, aus gesundheitlicher Sicht durchaus Vorteile hätte. Man muss allerdings auch sagen, dass eine Vier-Tage-Woche dazu führen könnte, dass dieselben Arbeitsinhalte in weniger Zeit gepresst werden. Wir müssen vorsichtig sein, dass nicht mehr Menschen – wie derzeit zum Beispiel viele Frauen – in eine Teilzeitfalle geraten. Dass sie die Arbeitsstunden reduzieren, aber die Anforderungen nicht abnehmen und dadurch sich das Stresslevel weiter erhöht.

Wir haben grundsätzlich in der Gesellschaft ein großes Problem mit Stresserkrankungen, mit psychischen Erkrankungen, die sich auf Arbeitsbedingungen zurückführen lassen. Dinge wie Zeitdruck, Konflikte bei der Arbeit, hohe Arbeitsauslastung, Intensivierung – das nimmt immer mehr zu.

Eine Frau arbeitett am Laptop, waehrend ihr Kind im Hintergrund im Laufgitter liegt (gestellte Szene).
Homeoffice ist einerseits praktisch, andererseits verschwimmen aber auch die Grenzen von Privatleben und Arbeitswelt. Bildrechte: dpa

Viele junge Menschen wollen sich durch ihre Arbeit selbst verwirklichen. Das scheint für sie viel wichtiger zu sein, als noch für ältere Generationen. Sehen Sie da einen Generationenkonflikt?

Nein. Ich bin niemand, der gerne über Generationenunterschiede spricht, weil sie sich in der wissenschaftlichen Forschung auch nicht nachweisen lassen. Generation ist ein Konzept, was die Realität sehr stark vereinfacht. Das heißt, wir unterteilen Menschen unterschiedlichen Alters in wenige Gruppen, manchmal auch nur zwei, wie zum Beispiel Babyboomer und Millennials oder Generation Z. Die Forschung findet einfach keine wirklich bedeutsamen Unterschiede in Arbeitseinstellung oder Werten zwischen Erwerbstätigen unterschiedlichen Alters. Deswegen würde ich da auch nicht einen künstlichen Generationenkonflikt aufmachen.

Natürlich ist es so, dass ältere Menschen in der Regel mehr Ressourcen haben, also zum Beispiel ein höheres Einkommen und mehr Arbeitsplatzsicherheit. Gleichzeitig wissen wir, dass jüngere Menschen noch sehr viele Ressourcen aufbauen müssen und zum Beispiel auch bereit sind, Zeit und Energie in ihre Ausbildung zu stecken. Heute, aufgrund des demografischen Wandels, sind jüngere Menschen, sind Fachkräfte, in einer besseren Verhandlungsposition, mit ihrem Arbeitgeber über Flexibilität ins Gespräch zu kommen.

Würden Sie sagen, eine ausgewogene Work-Life-Balance muss man sich leisten können?

Ja, natürlich. Menschen mit höherem sozioökonomischen Status haben mehr Ressourcen wie Flexibilität. Sie haben vielleicht die Möglichkeit, im Home-Office zu arbeiten, sie können sich in ihrer Freizeit vielleicht Dinge leisten, die es ermöglichen, dass sie sich besser von der Arbeit erholen.

Es ist wichtig, dass Gesetzgeber, Politik, Organisationen, Unternehmen darauf achten, dass die Arbeit human gestaltet ist. Dass es genügend Ruhezeiten gibt, dass es Pausenzeiten gibt, dass nicht falsche Belohnungen gesetzt werden und zum Beispiel lange Überstunden oder Wochenendarbeit nicht auch noch befördert werden.

Wie wird sich das Thema Work-Life-Balance in Zukunft weiterentwickeln?

Es ist natürlich schwierig, so über die Zukunft zu spekulieren, aber ich glaube, dass Führungskräfte und Unternehmen durch die Pandemie eine humanere Blickweise auf ihre Belegschaften entwickelt haben. Dass sie gesehen haben: Jeder und jede kann unterschiedlich betroffen sein, je nachdem, was es für einen familiären Hintergrund gibt und welche Zukunftssorgen Menschen umtreiben.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR SACHSEN – Das Sachsenradio | 01. Mai 2022 | 13:06 Uhr

10 Kommentare

Rotti vor 21 Wochen

Ich frage mich, wer das alles erarbeiten soll? Vielleicht sollten die schlauen Leute mal selbst richtig körperlich arbeiten gehen? Wie stellt man sich das vor. Im Winter Freitag Heizung Störung Handwerker sagt 4 Tage Woche tut mir leid. Am Montag wieder.

der Gnatz vor 22 Wochen

Arbeitszeit kann man nicht genau gleichsetzen mit erledigter Arbeit. Leider gibt es immer noch viele "nette" Kollegen, die die Kaffeepause für die anderen mit übernehmen.

Mir hat in den letzten zwei Jahren die weggefallene Fahrzeit mehr gebracht, als eine Stundenreduzierung jemals hätte bringen können.

Wagner vor 22 Wochen

Hallo,in der deutschen Seele ist das nicht nur verankert— es ist zutiefst menschlich. Die Existenzsicherung ist das A und O. Manchen macht die sogar Spass. Arbeit sichert auch geistigen Wohlstand - intellektuelle Herausforderung usw. Das Gehirn wächst mit den Aufgaben —es muss aber eingeschaltet sein,gefordert sein .Nicht abgeschaltet. Freizeiten haben die Menschheit nicht voran gebracht, stellen Sie sich mal vor unsere Vorfahren hätten beim Versuch Feuer zu machen eine Pause eingelegt- und erstmal einen auf Work-Life-Balance gemacht.Wir säßen heute noch in der Höhle.

Mehr aus der Region Leipzig

Spieler von RB am Ball. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr aus Sachsen

Slawiniade 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK