Pandemiefolgen Generation Corona: Ein Leben voller Einschränkungen

Normalerweise würden junge Erwachsene im Hörsaal studieren und in der Mensa Kommilitonen treffen. Doch seit einem Jahr ist für viele kaum noch etwas normal. Sie lernen im Bett und am Schreibtisch. Viele befürchten, so einer wichtigen Lebensphase beraubt zu sein und schlechtere Zukunftsperspektiven zu haben.

Eine junge Frau sitzt in ihrem Zimmer und schaut während eines Gespräches zur Kamera.
Wir müssen in jungen Jahren mit einer nie dagewesenen Situation klarkommen, sagt Josephine. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Josephine dachte, ihr läge die Welt zu Füßen. "Doch nun bin ich ganz unten." Die 18-Jährige hat vor einem Jahr in Leipzig ihr Abitur gemacht – mitten in der Corona-Pandemie. Sie wollte nach der Schule viel erleben und die Welt entdecken. Doch nun, im Jahr 2021, ist Ernüchterung eingekehrt.

Bereits während Josephine auf dem Weg zur Abschlussprüfung für die Hochschulreife war, fühlte sie sich völlig auf sich "allein gestellt und auf jeden Fall benachteiligt, weil mir so ein bisschen die Struktur genommen wurde". Sie habe zudem keine Chance gehabt, mit ihren Mitschülern den Stoff noch einmal durchzugehen.

Trotz Unterrichtsausfall und Homeschooling absolviert Josephine ihr Abitur. In einem roten Kleid holt sie ihr Zeugnis ab – doch die Ausgabe findet in Kleingruppen statt. Es gibt keinen Abiball, sondern nur einen Sektempfang auf dem Schulhof. "Das ist sehr schade", sagt die junge Frau damals. "Aber immerhin wird uns diese Alternative geboten und wir können es leider sowieso nicht ändern."

Drei junge Menschen 30 min
Bildrechte: MDR Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt

In weiter Ferne: Welt entdecken und Party machen

"Nach dem Abi wollte ich eigentlich erst mal verreisen und was mit Freunden unternehmen", erzählt Josephine. Etwas erleben, wozu sie vorher keine Chance hatte. Nach einem Sommer des Nichtstuns und der Langeweile zieht sie schließlich in eine WG mit einer Schulfreundin. Wenig später beginnt sie, Religionswissenschaft zu studieren.

Doch die Einschränkungen bleiben: Statt Erstsemesterparty und Begegnungen mit neuen Leuten gibt es nur Treffen im kleinen Kreis – immer noch mit Schulfreundinnen. Freizeitangebote sind Mangelware. Ein Plausch in der Küche ist für die Studentinnen das Highlight der Woche.

Eine junge Frau liegt im Bett und liest auf ihrem Smartphone.
Jeder Tag sei gleich, sagt Josephine. Es gebe kaum Abwechslung. Statt in Mensa und Hörsaal findet ihr erstes Semester im Bett und am Schreibtisch statt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Man hat schon so ein bisschen das Gefühl, dass man vielleicht so ein paar Dinge verpasst hat", sagt Emi, eine Freundin von Josephine, die im September zu Besuch ist. Klar, es hätte sie auch schlimmer treffen können. "Ich denke, Corona stellt uns auf die Probe", sagt Josephine und versucht, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. Sie müssten in jungen Jahren mit einer nie dagewesenen Situation klarkommen. "Man nimmt das so hautnah wahr, weil es uns wirklich extrem beeinflusst und beeinträchtigt."

Umfrage: Jugendliche fühlen sich bester Jahre beraubt

80 Prozent der jungen Erwachsenen fühlen sich einer wichtigen Lebensphase beraubt. Dies geht aus einer Umfrage des Meinungsbarometer MDRfragt hervor. Bundesweite Studien der Universitäten Hildesheim und Frankfurt kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Die Soziologin Severine Thomas hat 2020 mit ihren Kollegen zwei Mal jeweils um die 7.000 junge Erwachsene zu den psychischen Auswirkungen der Corona-Beschränkungen befragt.

Eine junge Frau sitzt in ihrem Zimmer am Schreibtisch und arbeitet am Laptop.
Josephine fällt es schwer sich auf das Studium zu Hause zu konzentrieren. Die Dozenten sieht sie nur in kleinen Kacheln auf dem Bildschirm. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Man unterschätzt so, dass der Austausch mit der eigenen Altersgruppe, mit den Freunden enorm wichtig ist", sagt Severine Thomas. Die befragten Jugendlichen hätten sich phasenweise einsam gefühlt. Aus ihren Antworten sei auch hervorgegangen, dass einige ihre besten Jahre davonschwimmen sähen. "Dieses Ausleben im Bereich der Hobbys, das ist enorm wichtig, dass sich junge Menschen da ausprobieren. Theater spielen, Musik machen, Sport machen." Dort  ausgebremst zu sein, sei ein niederschmetterndes Gefühl.

Studium im Bett und am Schreibtisch statt in Hörsaal und Mensa

Hinzu kommen noch andere Hürden: Für Josephine ist ab November der "Worst Case" eingetreten. Sie erlebt einen Lockdown kurz nach Beginn des Studiums. "Ich habe noch nie studiert, ich weiß nicht, wie es abläuft und muss mich dann selbst da reinfuchsen", sagt sie. Ihre Kommilitonen treffe sie nicht. Sie habe nur zu wenigen Personen wirklich Kontakt – ihren zwei Mitbewohnerinnen und ihrer Familie.

Josephines Studium der Religionswissenschaft an der Uni Leipzig besteht seitdem aus Videokonferenzen und Online-Seminaren. Sich darauf zu konzentrieren, fällt der 18-Jährigen schwer. Ständig ist sie abgelenkt, schreibt Nachrichten, während ihr Dozent in einer kleinen Kachel auf dem Bildschirm redet. Ihr fehlt die Struktur. Jeder Tag sei gleich, sagt Josephine. Es gebe kaum Abwechslung. Statt in Mensa und Hörsaal findet ihr Erstsemester im Bett und am Schreibtisch statt.

Die Mehrheit der unter 30-Jährigen glauben laut der MDR-Umfrage, dass sie durch die Corona-Krise Nachteile im Berufsleben haben werden. Das deckt sich mit den Studien der Universität Hildesheim. "Um die 60 Prozent sagen: ‚Ich habe Angst vor der Zukunft‘", berichtet Severine Thomas.  "Das ist ein sehr einschneidendes Ergebnis, was man unserer Ansicht nach sehr Ernst nehmen muss.”

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt - die Story | 17. März 2021 | 20:45 Uhr

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