Fakt ist! Sportpsychiater: "Wir brauchen im Sport eine Kultur des Hinsehens"

Der Skandal um die Chemnitzer Turntrainerin Gabriele Frehse hat in den vergangenen Monaten bundesweit für Aufsehen gesorgt. Junge Athletinnen werfen ihr einen autoritären Führungsstil und Demütigungen vor. Unabhängig vom Einzelfall stellt sich die Frage: Muss Leistungssport autoritär sein, um erfolgreich zu sein? Darüber haben wir mit dem Sportpsychosomatiker und Sportpsychiater Prof. Karl-Jürgen Bär von der Universität Jena gesprochen. 

Professor Karl-Jürgen Bär
Professor Karl-Jürgen Bär Bildrechte: Grit Hiersemann, Jena

Herr Professor Bär, harte Trainerinnen und Trainer sind im Leistungssport keine Seltenheit. Dennoch scheint sich die Öffentlichkeit nicht groß dafür zu interessieren. Erst wenn - wie jetzt in Chemnitz - die Wellen hochschlagen, ist die Empörung groß. Was läuft da schief?

Ich halte es für falsch, den Trainern einseitig die Schuld zuzuschreiben. Damit würde man das gesamte Umfeld aus der Verantwortung entlassen. Auch Physiotherapeuten und Betreuer sind gefordert genau hinzuschauen, wenn es Probleme gibt. Gleiches gilt für die Verantwortlichen der Verbände und der Politik. Sie sonnen sich gern im sportlichen Erfolg. Allerdings sollten sie sich auch fragen, wie wichtig ihnen die seelische Gesundheit der Sportler ist. 

Warum kommen Missstände immer nur tröpfchenweise ans Licht? Gibt es bei den Betroffenen eine Art Stockholm-Syndrom, wo sie sich eigentlich unerträgliche Zustände lange Zeit schönreden?

In der Tat, das gibt es. Die meist sehr jungen Sportler ertragen auch unangenehme Situationen lange Zeit. Sie sind ehrgeizig, wollen etwas erreichen und sagen dann: "Ich beiß' mich durch." Verletzungen und Kränkungen durch den Trainer werden dann einfach unterdrückt. Außerdem gibt es ja nicht nur Schwarz oder Weiß. Der Trainer schreit ja nicht nur, sondern es gibt natürlich auch schöne Stunden, in denen man gut miteinander umgeht. All das macht es den Sportlern schwer, sich aus der misslichen Lage zu lösen. 

Was muss passieren, damit jemand sagt: Jetzt reicht es?

Das ist schwierig zu sagen, weil es recht individuell ist. Die Wahrscheinlichkeit steigt jedoch, wenn es im Verein eine Atmosphäre des Hinsehens gibt. Wichtig ist ebenfalls, dass der Sport für die Betroffenen nicht der einzige Lebensinhalt ist, sondern dass sie zum Beispiel Hobbys und einen Freundeskreis haben. Das gibt einem Halt, um auch mal zu widersprechen oder Schwierigkeiten mit guten Freunden bereden zu können.

Bei den Bundesligatrainern im Fußball scheint der Typus des proletarischen Straßenkämpfers auszusterben. Immer häufiger erleben wir intellektuell auftretende Feingeister. Ähnlich ist das in großen Unternehmen, wo vor allem die Generation Y keine cholerischen Patriarchen mehr akzeptiert. Würden Sie hier von einem generellen Trend sprechen?

Ich wäre da vorsichtig. Das mediale Auftreten von manch "modernem" Bundesligatrainer muss nicht immer mit seinem internen Verhalten übereinstimmen. Am Ende kommt es sowohl im Sport als auch in Firmen auf den Erfolg an. Zahlt sich eine neue Art der Führung aus, wird sie sich auch durchsetzen. 

Nun könnte man provokant sagen: Was seelisch guttut, führt auf der anderen Seite zur Verweichlichung. Verlieren wir durch zu viel Sanftmut im Sport die Konkurrenzfähigkeit zu Ländern wie zum Beispiel China?

Man darf mentale Stärke nicht mit seelischer Gesundheit verwechseln. Es sagt auch keiner, dass wir uns mit weniger Medaillen begnügen sollen. Aber das Gesamtpaket muss stimmen. Ein mental starker Sportler in seiner Disziplin kann trotzdem seelisch angeschlagen sein und Depressionen oder Alkoholprobleme haben. Wir müssen daher Sportler als Gesamtpersönlichkeit entwickeln. An diesem Leitbild muss sich auch die Trainerausbildung orientieren.

Welche Rolle spielen die Erwartungen der Zuschauer?

Fakt ist: Der Leistungssport ist die Spitze der Leistungsgesellschaft. Und wir als Zuschauer projizieren in den Leistungssport unsere Ideale. Der Sportler soll "für mich" gewinnen. Davon profitieren die Verbände finanziell. Bei Misstönen schauen sie deshalb auch gern mal weg, solange die Ergebnisse stimmen. Aus diesem Kreislauf auszubrechen, ist die große Herausforderung.

Infos zum Experten Prof. Dr. Karl-Jürgen Bär ist Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Jena. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit psychischen Belastungen im Amateur- und Leistungssport. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sportpsychiatrie und Sportpsychotherapie.

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 29. März 2021 | 22:10 Uhr

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