Prozess gegen Lina E. Kronzeuge soll erstmals aussagen

In das Verfahren gegen Lina E. vor dem Oberlandesgericht Dresden kommt wieder Bewegung. Am Donnerstag soll ein Zeuge aus dem inneren Zirkel der Beschuldigten aussagen. Wer ist dieser Mann?

SEK-Beamte stehen in einem Hinterhof im Leipziger Stadtteil Connewitz
Der "Kronzeuge" im Verfahren gegen Lina E. gilt als außergewöhnlicher Coup der Ermittler. Die linke Szene hatte ihn aber schon vorher wegen Vorwürfen sexueller Übergriffe ausgeschlossen. Bildrechte: dpa

Die Szene, die auf dem Kurznachrichtendienst Twitter kursiert, ist nicht einmal eine halbe Minute lang: Ein Mann bahnt sich rennend und mit panischem Blick den Weg durch eine Menschenmenge. Auf seiner Flucht stößt er einen ängstlichen Schrei aus. Er wird von mehreren Vermummten verfolgt. Die Kamera macht einen Schwenk. Im nächsten Moment ist nur noch zu sehen, wie die Verfolger zurückkommen. Der Verfolgte – laut Tweet soll es sich um einen "deutschen Antifaschisten" handeln, der Teil einer der "brutalsten Gruppen" sein soll – ist verschwunden.

Aufgenommen wurde der Vorfall eher zufällig – am Rande eines ultranationalistischen, rechtsextremen Unabhängigkeitsmarsches am 11. November 2021 in Warschau. Bei dem Gejagten handelt es sich mutmaßlich um Johannes D. Der 30-Jährige ist im Verfahren am Dresdener Oberlandesgericht gegen Lina E. und drei weitere mutmaßliche Linksextremisten ein "Kronzeuge". Er soll zum inneren Zirkel der Beschuldigten gehört haben. Seit Ende April ist er jedoch in der Obhut des LKA Sachsen, nachdem das Bundesamt für Verfassungsschutz ihn als Informant angeworben hatte.

"Der Kronzeuge" packt aus

Seitdem hat D. mindestens sieben Male mit den Ermittlern über mutmaßliche Taten der Angeklagten gesprochen. Mehr als 200 Seiten Protokoll wurden bisher geschrieben. Die Verteidigung geht davon aus, dass es wesentlich mehr sind.

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In den Vernehmungen soll D. nicht nur die anderen Angeklagten belastet haben. Ebenso soll er sich selbst der Teilnahme an zwei Taten in Eisenach beschuldigen – dem Überfall auf die bei Rechtsextremen beliebte Kneipe "Bull’s Eye" im Oktober 2019 sowie dem Überfall auf deren Wirt vor dessen Wohnhaus zwei Monate später. Die Staatsanwaltschaft Gera bestätigte dem MDR, dass D. zumindest zu den Tatverdächtigen gehört. Zu weiteren Details wollte sie sich aufgrund laufender Ermittlungen nicht äußern. Von der Staatsanwaltschaft wird wegen der Taten gegen vier Männer, die nicht in Dresden angeklagt sind, in einem gesonderten Verfahren ermittelt.

Mehr noch: Auch zu anderen Verfahren mit mutmaßlich linksextremem Hintergrund soll sich der Zeuge ausführlich geäußert haben. Darunter Taten und Personen, die die Ermittler noch nicht mit den Beschuldigten in Verbindung gebracht hatten, aber auch solche, zu denen er nur Wissen nach Hörensagen haben soll.

Coup der Ermittler?

Auf MDR-Nachfrage wollte das LKA Sachsen keine Einschätzung zur Bedeutung des Zeugen treffen, "da es bis dato keinen vergleichbaren Fall gab". Das LKA verwies für weitere Fragen in diesem Fall an die Bundesanwaltschaft. Diese äußert sich generell nicht zum laufenden Verfahren. Beobachter der Szene bezeichnen die Aussagen von D. aber als größten Coup der Ermittler, seitdem Tarek Mousli Ende der Neunziger Jahre gegen die "Revolutionären Zellen" ausgepackt hatte.

Über die Motivation des 30-Jährigen wird schon länger spekuliert. Nicht erst seitdem im Juni bekannt geworden war, dass der Mann bei den Behörden auspackt, galt er in der linken Szene als Verräter. Bereits im Oktober 2021 sorgte ein sogenannter "Outcall" (Ausschluss aus der Szene) gegen D. für Aufsehen. In dem Schreiben, welches auch auf der Plattform "Indymedia" veröffentlicht wurde, bezichtigt eine Ex-Freundin den Mann der Vergewaltigung und körperlichen Gewalt in der Beziehung.

Der MDR konnte mit einem ehemaligen Freund und Mitbewohner des "Kronzeugen" D. sprechen. Die beiden Männer haben zwischen 2016 und 2017 in Nürnberg zusammengewohnt. Damals habe er "Jojo" aufgenommen, nachdem der aus seiner alten Wohnung herausgeflogen sei, weil er betrunken die Nachbarn belästigt und bedroht haben soll, so der ehemalige Mitbewohner.

Einschlägig vorbestraft

Der Nürnberger ist Erzieher in einer Kindertagesstätte und war zugleich auch der Ausbilder des "Kronzeugen". Er beschreibt ihn als "Grattler". Damit ist mundartlich eine Person gemeint, welche durch unhöfliches oder allgemein unangenehmes Verhalten auffalle, erklärt er. Der ehemalige Mitbewohner konnte dem MDR Angaben bestätigen, die zu einem früheren Zeitpunkt bereits Thema in der Dresdner Verhandlung waren.

So war der jetzige Zeuge in dieser Zeit laut dem früheren Freund zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten für seine Beteiligung an den Ausschreitungen zur Eröffnung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt 2015 verurteilt worden. 2017 habe er außerdem eine Woche in französischer Untersuchungshaft gesessen, nachdem eine Demonstration gegen Polizeigewalt in Paris eskalierte und er als mutmaßlich Beteiligter an den Krawallen festgenommen wurde.

Geschichte des "Outcalls"

Der ehemalige Freund erklärt dem MDR auch, wie es zu dem "Outcall" gekommen sei. Demnach habe es Vorwürfe innerhalb der Szene gegen D. gegeben. Wenig später habe er alle mit einem Umzug nach Warschau überrascht. Da er sich nicht an getroffene Absprachen gehalten habe, sei der "Outcall" samt Bild und Daten des Mannes veröffentlicht worden. Damit wurde D. von der Szene ausgeschlossen und zum Geächteten.

Die in einem Video aufgenommene Szene in Warschau beschreibt der ehemalige Freund dem MDR folgendermaßen: "Das war wieder so ein typischer Jojo. Ein kluger Mensch, der so bekannt ist, geht nicht zum größten Neonazi-Aufmarsch Europas und glotzt dumm rum, damit er Action sieht".

Denn damit war er auch in Polen bekannt. Vor dem Hintergrund, ein Geächteter in der eigenen (linken) Szene zu sein, spekulieren etliche Beobachter, dass dies letztlich der Grund war, sich den Ermittlern zur Verfügung zu stellen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL - Das Nachrichtenradio | 28. Juli 2022 | 06:00 Uhr

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