Inflation und Energiekrise Steigender Mindestlohn sorgt für Sorgenfalten bei kleinen Betrieben in Sachsen

Seit dem 1. Oktober gilt in Deutschland der neue gesetzliche Mindestlohn. Er wird zum dritten Mal in diesem Jahr angehoben - auf dann zwölf Euro pro Stunde. Das bedeutet: Mehr Geld für mehr als eine halbe Million Menschen in Sachsen. So viele haben nämlich laut Deutschem Gewerkschaftsbund im Freistaat Anspruch auf den Mindestlohn. Viele Unternehmen dagegen, die diesen Lohn zahlen müssen, sehen die Anhebung kritisch.

Eine Bäckereifachverkäuferin räumt frische Semmeln in Regale
Der steigende Mindestlohn in Verbindung mit steigenden Lebensmittel- und Energiepreisen sorgt bei kleinen Handwerksbetrieben für Sorgenfalten. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Gärtnerbetrieb in Zwickmühle: Weniger Umsatz und Kostensteigerungen

Die Geschäfte im Gärtnerbetrieb von Wolfgang Geier aus Königsbrück liefen schon mal besser. Er spürt deutlich die Kaufzurückhaltung der Menschen, die ihr Geld in diesen Zeiten zusammenhalten. "Die Geschäfte bestellen weniger und unsere Waren, die wir in den Großhandel liefern, werden nicht so nachgefragt", erzählt er. "Was wir jetzt verkaufen - Zierpaprika zum Beispiel - macht viel weniger Umsatz als voriges Jahr. Die Gewächshäuser stehen noch zur Hälfte voll, die müssten jetzt fast leer sein."

Was wir jetzt verkaufen - Zierpaprika zum Beispiel - macht viel weniger Umsatz als voriges Jahr. Die Gewächshäuser stehen noch zur Hälfte voll, die müssten jetzt fast leer sein.

Wolfgang Geier Gärtnerbetrieb Königsbrück

In dieser Situation kommt der auf zwölf Euro erhöhte Mindestlohn ungelegen. Denn in Zeiten fallender Umsätze traut sich Geier nicht, seine Preise deutlich zu erhöhen. "Wir konnten unsere Umsätze nicht mehr steigern, die sind runtergegangen", sagt er. "Und im Gegenzug dafür haben wir nicht zwei, sondern drei Mindestlohnsteigerungen im Jahr gehabt. Das ist ruinös."

Bäckermeister: "Abstand zu höheren Lohngruppen zu gering"

Bäckermeister Frank Gröger aus Pirna sieht die Mindestlohnerhöhung ebenfalls mit Bauchschmerzen. Auch ihm setzen steigende Gaspreise zu und die Preise der Backzutaten haben sich in diesem Jahr verdoppelt. Er wird die zwölf Euro zahlen, aber er fürchtet, dass der Abstand zu höheren Lohngruppen zu gering wird.

"Meiner Meinung nach ist es nicht gerecht, wenn ich einer ungelernten Kraft zwölf Euro geben muss und der Facharbeiter geht mit 14 oder 15 raus", sagt Gröger. "Höher sind die Löhne im Handwerk nicht, zumindest nicht im Lebensmittelhandwerk."

Kürzere Öffnungszeiten geplant, um Energie zu sparen

Auch Frank Gröger spürt die Kaufzurückhaltung deutlich. Auch er kann die Preise kaum noch weiter anheben. Nun will er Öffnungszeiten verkürzen, um Arbeitszeit und Energie zu sparen. "Der Unternehmer muss ja bestrebt sein, dass die Arbeit für alle reicht", sagt er. "Und wenn sie nicht mehr reicht, dann steht auch ein Arbeitsplatz zur Disposition."

Der Unternehmer muss ja bestrebt sein, dass die Arbeit für alle reicht. Und wenn sie nicht mehr reicht, dann steht auch ein Arbeitsplatz zur Disposition.

Frank Gröger Bäckermeister aus Pirna

Gärtner Wolfgang Geier hat schon über Entlassungen nachgedacht, um Lohnkosten zu reduzieren. Aber in einer Branche, die so auf Handarbeit angewiesen ist, kann er sich das wiederum auch nicht leisten.

DGB begrüßt Anhebung des Mindestlohns - sieht aber auch Probleme

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ist zufrieden mit dem deutlich höheren Mindestlohn, sieht aber auch die aktuellen Probleme. "Ich möchte die Betrachtung auf beiden Seiten haben", sagt Markus Schlimbach, Vorsitzender des DGB Sachsen. "Dass die Unternehmer durchaus Schwierigkeiten haben, ist vollkommen klar, aber auch die Beschäftigten müssen mit genau den gleichen Schwierigkeiten auskommen und da ist der Mindestlohn eine Möglichkeit, für die Beschäftigten wieder was ins Portemonnaie zu bekommen."

In Zeiten des Fachkräftemangels würden allerdings zahlreichen Firmen die Mitarbeiter weglaufen. "Die lassen sich nicht mehr mit Mindestlohn abspeisen und suchen sich besser bezahlte Jobs", so Schlimbach.

Arbeitsagentur sieht kontinuierlichen Rückgang bei den Aufträgen in der Wirtschaft

Die Arbeitslosigkeit in Sachsen ist im September leicht gesunken. In vielen Betrieben werden Nachwuchs und Fachkräfte gesucht. "Wir haben über 45.000 offene Stellen", sagt Klaus-Peter Hansen, Chef der Arbeitsagentur Sachsen. "Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir seit drei Monaten einen kontinuierlichen Rückgang der Aufträge haben in der Wirtschaft." Wo das ende, sei ungewiss.

Klaus-Peter Hansen  Vorsitzender (der Geschäftsführung) Landesarbeitsagentur Sachsen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir haben unser Breitbandantibiotikum Kurzarbeitergeld.

Klaus-Peter Hansen Chef der Arbeitsagentur Sachsen im SACHSENSPIEGEL-Interview

"Der Winter naht und ich glaube, es wird eine schwierige Zeit, die vor uns liegt", so Hansen. Die Menschen könnten sich aber auf die Arbeitsagentur verlassen. "Wir haben unser Breitbandantibiotikum Kurzarbeitergeld und das wird wahrscheinlich eine große Rolle spielen", sagt Hansen. Der Blick zurück stimmt Hansen auch für die Zukunft optimistisch: Seit der Mindestlohn von 8,50 Euro im Jahr 2015 auf den jetzigen Wert von zwölf Euro angestiegen ist, sind in Sachsen laut Hansen 100.000 neue Arbeitsplätze entstanden.

MDR (ali)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 30. September 2022 | 19:00 Uhr

17 Kommentare

Vita vivet vor 8 Wochen

Und der Arbeiter entfernt sich immer weiter von seinem Produkt! Denn der AG hat mehr Kosten, als die 1,55 Euro! Die schlägt er auf sein Produkt auf und der AN hat die 1,55 Euro ja nur Brutto und nicht Netto!

Mehr Netto vom Brutto! Das würde wirklich helfen! Alles Andere hilft nur dem Staat und den Gewerkschaften!

maranatha vor 8 Wochen

Höhere Löhne bedeuten höhere (Lohn-)Steuereinnahmen und höhere Sozialabgaben.
Höhere Löhne bedeuten auch, daß Zuschüsse wie Wohngeld und Kinderzuschlag sinken.
Unter dem Strich kommt bei den Betroffenen kaum mehr Geld an - wer ist also der wahre Profiteur von der Erhöhung des Mindestlohns?
Der Arbeitnehmer wohl kaum.

wer auch immer vor 8 Wochen

Irgendeiner hat immer die Sorgen wenn es um den Lohn geht.
Der Arbeitgeber wenn es Mindestlohn gibt, so die Aussage Dieser, der Staat bzw. Rentenkasse wenn die Rente nach 45 oder mehr Arbeitsjahre nicht zum Leben reicht.

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