Interview Mückenjahr 2021? Stechen in diesem Jahr mehr Mücken als sonst?

Sie kann einem den Schlaf rauben oder die Freude auf der Gartenparty. Kaum ein Tier hat trotz seiner geringen Größe so viel Macht über unseren Alltag, wie die Mücke. MDR SACHSEN hat mit der Mückenexpertin Dr. Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum (ZALF) über das aktuelle "Mückenaufkommen" gesprochen und erfahren, warum wir generell immer attraktiv für Stechmücken sind.

Mücke auf der Hand eines Mannes
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Warum haben wir es 2021 mit besonders vielen Mücken zu tun?

Ausgetrockneter Ackerboden
Trockenheit ist ein Grund für eine geringere Mückenpopulation in den vergangenen Jahren. Bildrechte: Colourbox.de

Doreen Werner: Grundlegend kann ich sagen: Im Vergleich zu den beiden vergangenen Jahren haben wir mit wesentlich mehr Mücken zu tun. Das ist dem Umstand geschuldet, dass die beiden letzten Jahresverläufe sehr trocken waren. Das heißt, es fehlte die Niederschlagsmenge, die den Mücken auch ideale Bedingungen hätte bieten können. Mücken mögen es feucht und warm. Das heißt dort, wo viele Regengüsse niedergehen und wo die Temperaturen relativ hoch sind, entwickeln sich Stechmücken sehr gut. Wir haben in diesem Jahr Regen-, Starkregen- und auch Hochwasserereignisse. Dadurch ist 2021 ein Jahr, in dem die Mücken besonders gute Lebensbedingungen haben, auch, wenn es natürlich regionale Unterschiede gibt.

Gibt es eine bestimmte Mückenart, die uns in Mitteldeutschland Probleme macht?

Es gibt in Deutschland 28 Mückenfamilien, von denen aber bloß drei Arten beherbergen, deren Weibchen als Blutsauger aktiv sind. Die Stechmücken sind eine dieser Familien. Die Kriebelmücken sind die zweite Familie und die dritte Familie wird als Gnitzen bezeichnet. Diese drei Familien stehen im Gegensatz zu den anderen 25 Mückenfamilien, die eben nicht zur Blutabnahme befähigt sind. Im Mückenatlas Deutschland kann man sich genauer über die verschiedenen Arten informieren.

Mücke im Abendlicht 4 min
Bildrechte: Erik-Jan Ouwerkerk

Wie sieht es speziell in Sachsen aus? Ist das ein Mückengebiet?

Man kann auf Bundeslandebene nicht benennen, ob ein Mückengebiet vorliegt oder nicht. Man muss vielmehr die Landschaft betrachten. Ist die eher durch den Flusslauf von Bächen oder Flüssen gekennzeichnet? Ist es ein seenreiches Gebiet oder vielleicht ein Wohngebiet? Davon kann man ableiten, welche Mücken dort eventuell vorkommen. Speziell für Sachsen würde ich sagen: Wenn es dort zu Hochwasser kommt und die Wasserstände in der Elbe ansteigen (oder in anderen Flüssen bzw. Bächen), dann nimmt auch die Masse der Überflutungs- bzw. Überschwemmungsmücken zu. Das sind kleine, aggressive Stecher, die uns das Leben schwer machen können.

Sind Mücken heutzutage aggressiver als früher? Viele berichten, dass die Stiche problematischer geworden sind.

Wir haben ein schwankendes Auftreten, so wie früher auch. Die Stiche sind noch genauso, wie sie früher auch waren. Die Stiche werden problematisch, wenn wir daran kratzen. Das heißt, der Stich der Mücke ist eher unproblematisch, wird aber durch Kratzen oder Reiben an der Einstichstelle oftmals mit Bakterienkeimen versorgt, so dass es zu Sekundärinfektionen kommen kann. Das heißt, Bakterien treten ein, es kommt zu Ödembildung, zu Eiterungen, und das sind dann die Ursachen, warum wir letztendlich zum Arzt müssen.

Gibt es bei uns Mücken, die gefährlich werden können? Also Mücken, die beispielsweise Krankheiten übertragen?

Ich muss vorab etwas klarstellen: Mücken übertragen nicht die Krankheiten, sie übertragen die Erreger. Dazu bedarf es eines komplexen Schlüssel-Schloss-Prinzips und nicht jede Mücke kann jeden Erreger übertragen. Aber natürlich gibt es in Mitteldeutschland Mücken, die in dieser Hinsicht gefährlich werden können. Über unsere einheimischen Mücken ist zwar noch nicht so viel bekannt,wir wissen aber, dass sie in der Lage sind Krankheitserreger zu übertragen. Zum Beispiel das West-Nil-Virus. Man muss auch davon ausgehen, dass invasive Arten, sofern sie sich weiter ausbreiten und dann auch in Mitteldeutschland etablieren, auch in der Lage sind, Krankheitserreger aufzunehmen. Wichtig ist: Eine bestimmte Mückenart oder Mückenpopulation ist nicht per se mit Erregern belastet. Sie wird erst mit Erregern konfrontiert, beispielsweise durch einen infizierten Tropenrückkehrer.

Haben Sie einen Tipp, wie man sich vor Mücken schützen kann?

Eine junge Frau sprueht am 03.06.2020 in Hamburg Anti-Mueckenspray auf ihr Bein
Es muss nicht gleich Mückenspray sein. Vielen helfen auch Hausmittel bei der Mückenabwehr. Bildrechte: dpa

Ja, aber der ist von Mensch zu Mensch verschieden. Denn Mücken fliegen auf das von uns produzierte Kohlendioxid, also unsere Ausatemluft. Die können wir logischerweise nicht abstellen. Dadurch sind wir immer attraktiv für Stechmücken. Wir können aber auf die zweite Komponente Einfluss nehmen, die die Mücken anlockt. Und das ist der von uns produzierte Schweißgeruch. Das bedeutet nicht, dass jemand, der unserer Meinung nach unangenehm duftet, automatisch attraktiv für Stechmücken ist. Das sind eher feine Nuancen wie Ketone oder Phenole, die eine Rolle spielen. Man kann sich letztendlich vor Mücken schützen, indem man verschiedene Mittel ausprobiert. Für den einen reicht es vielleicht schon aus, sich mit Citronella- oder Lavendelöl einzureiben. Der nächste muss Knoblauch essen oder schwört auf das Rauchen einer Zigarette. Und der Dritte muss doch auf die chemische Keule zurückgreifen, das heißt auf Insektenabwehrmittel aus der Apotheke oder aus dem Drogeriemarkt.

Was kann man tun, wenn man doch einen Stich abbekommt?

Hier gilt das A und O: nicht kratzen! Denn wenn man kratzt, haben Bakterien und Keime die Chance in die Einstichstelle einzudringen. Und dann kommt es zu Sekundärinfektionen, die sehr oft mit Schwellungen oder Eiterungen enden. Selbst wenn man kühlt, kann es schon sein, dass durch das Kühlpad Dreck in die Einstichstelle eingerieben wird. Ich empfehle, ein sauberes Tuch um das Kühlpad zu wickeln.

Gibt es noch andere Insekten, die stechen oder beißen, also neben Bienen und Wespen? Und welche Probleme können dadurch entstehen?

Natürlich gibt es weitere Insekten neben den Stechmücken, die stechen oder beißen können. Man denke bloß an Wanzen, Bettwanzen oder Flöhe. Ich ermuntere in diesem Zusammenhang aber immer dazu, den Kontakt zum Kammerjäger zu suchen oder einen Arzt um Aufklärung zu bitten, wenn mit solchen Tieren ein Problem besteht. Oftmals reden Leute nicht gern über diese unangenehmen Szenarien. Dann kann es sein, dass sich im Haus eine Population entwickelt und Menschen tagsüber Hunderten von Stichen nicht entgehen können.

Quelle: MDR/leo

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Hausarztsprechstunde | 05. August 2021 | 11:11 Uhr

2 Kommentare

part vor 46 Wochen

Mücken vermehren sich nicht nur in Gewässern, sondern auch in Wasserbehältern im Garten. In einigen asiatischen Staaten und Städten sind die Behörden schon dazu über gegangen jede Regentonne, jede Vase leeren zu lassen, um der Invasion zu begegnen. Bei uns kommen immer weniger Schwalben und Mauersegler an, weil es immer weniger Nistmöglichkeiten gibt, die Schlammkuhlen fehlen und das Nahrungsangebot an Fluginsekten in den letzten Jahren zurückgegangen war. Also bitte bei jedem Stich daran denken, dass die Mücken eine wichtige Nahrungsquelle für andere Lebewesen sind und die Einstichstelle zur Linderung mit einer etwas wärmeren Wärmequelle behandeln. Es gibt im Handel aber auch Geräte für die Steckdose, die Mücken fernhalten und teilweise sogar wirken. Viel schlimmer und schmerzhafter finde ich jedoch die Population der Bremsen, gegen die nur innehalten, absetzen lassen und blitzschnell zuschlagen hilft.

Anni22 vor 46 Wochen

Es gab mehr Regen, also auch mehr Mücken....Mückstiche überlebt man in aller Regel ,-). Nicht jucken hilft, aber als Kinder haben wir gejuckt und siehe da ich leben heute noch und kann mich auch an keinen Fall erinnern, wo was "schlimm" wurde. Die Schalben waren übrigens ganz emsig, so viel zu fressen ;-)! Mücken sind auch Insekten, also freut euch!

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