Nahverkehr Das denken Bahnkunden und Anbieter übers Ende des 9-Euro-Tickets

In der Nacht vom 31. August zum 1. September endet das 9-Euro-Ticket. Erste Auswertungen zeigen positive Effekte – wie eine bessere Klimabilanz. Auch Bahnkunden sprechen trotz großem Gedrängel in den Zügen von einer sinnvollen politischen Maßnahme und hoffen auf eine Nachfolgelösung. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) stellte eine solche Fortsetzung am Mittwoch in Aussicht.

Ein Schild mit der Aufschrift "Hier fährst du nach dem 9-Euro-Ticket weiter" ist auf einem Bahnhof zu sehen.
Das 9-Euro-Ticket endet zum 1.September. Millionen Menschen nutzten es und wünschen sich eine Fortsetzung. Bildrechte: dpa

Das 9-Euro-Ticket endet mit einer Erfolgsbilanz: Rund 52 Millionen Tickets wurden laut des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen in den letzten drei Monaten verkauft und ermöglichten vielen Menschen, günstig durch ganz Deutschland fahren zu können.

"Wir haben von Anfang an mit einer hohen Nachfrage gerechnet und waren dann doch positiv überrascht von den hohen Verkaufszahlen", sagt Pressesprecherin Juliane Vettermann vom Mitteldeutschen Verkehrsverbund (MDV).

Eine Frau mit Rucksack steht im Hauptbahnhof Dresden.
Kathrin Hain aus Dresden pendelt häufig nach Radebeul und Freital. Sie hat das 9-Euro-Ticket sehr gerne genutzt. "Ich finde es super. Und es kann von mir aus gerne so bleiben, aber ein paar Euro würde ich auch mehr zahlen." Bildrechte: Martin Dietrich / MDR

Im MDV-Gebiet holte sich fast jeder Dritte ein 9-Euro-Ticket, teilt der Verbund mit. Auch in anderen Regionen staute es sich im Nah- und Fernverkehr. "Die Züge waren deutlich voller als vorher", resümiert Wolfgang Polletty, Geschäftsführer der Vogtlandbahn.

Wer sich bei Fahrgästen und Pendlern umhört, bemerkt ebenfalls eine grundlegende Zufriedenheit mit der Entlastungsmaßnahme.

Urlaub dank günstigem ÖPNV

"So viel Standseilbahn wie in der letzten Zeit bin ich selten gefahren", sagt Gabriele Drews aus Dresden. Mit dem 9-Euro-Ticket konnte man in der Landeshauptstadt nicht nur mit der gewöhnlichen Straßenbahnfahren fahren, sondern auch die touristischen Bahnen nutzen.

Das Rentnerehepaar Helmut und Karin Witzig reisten im Sommer unter anderem in das Erzgebirge, nach Zittau sowie nach Bad Schandau und ließen dafür das Auto Zuhause stehen.

Ähnlich sieht es beim Studenten Karl Anderson aus, der in seinem Bekanntenkreis ähnliches feststellte wie das Rentnerehepaar. "Viele Leute aus meinem studentischen Umfeld haben das Ticket genutzt und dafür öfter mal das Auto stehen gelassen", sagt er.

Ein Rentner-Ehepaar steht vor dem Hauptbahnhof Dresden. Sie schauen beide in die Kamera. Sie tragen jeweils einen Rucksack auf dem Rücken.
Helmut und Karin Witzig sind mit dem 9-Euro-Tickets viel durch Sachsen gefahren und haben öfters auf das Auto verzichtet. Eine Verteuerung des Tickets sehen sie kritisch. So viel vereisen sie nicht, dass sich das dann lohnen würde, sagen sie. Bildrechte: Martin Dietrich / MDR

1,8 Millionen Tonnen CO2 eingespart

Laut einer Schätzung des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen brachte das 9-Euro-Ticket eine Ersparnis von rund 1,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid ein. Das entspricht in etwa einem Tempolimit von 130 Stundenkilometer für ein Jahr auf deutschen Autobahnen.

In einer bundesweiten Umfrage des Verbandes gaben 43 Prozent der Befragten an, dass sie aufgrund des Tickets aufs Autofahren verzichtet hätten.

Zudem dämpften das Ticket und andere staatliche Maßnahmen die aktuelle Inflation, ergab eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Bei Infrastruktur hapert es noch

Die erschwinglichen Preise hatten jedoch zur Folge, dass Busse und Bahnen teils stark überlastet waren. Manchmal habe man keinen Sitzplatz gefunden oder beobachtete wie Fahrgäste nicht in eine übervolle Bahn steigen konnten, heißt es in unseren Gesprächen.   

Ein Dresdner Rentnerpaar wollte letzte Woche nach Berlin fahren, entschied sich am Ende aber fürs Auto, weil die Zugfahrt mit drei Umstiegen und fast vier Stunden doch zu umständlich war.

"Wenn man auf dem platten Land wohnt, wo man im schlimmsten Fall noch einen Bedarfsbus anrufen muss, dann bringt das gar nix", sagt Etienne Frankenfeld aus Niedersachsen über das scheidende Billigticket.

Ein Mann im brauen Sakko steht im Hauptbahnhof Dresden.
Etienne Frankenfeld holte sich kein 9-Euro-Ticket. Fehlende Bahnanbindungen machen es ihm schwer, nicht in sein Auto zu steigen. Bildrechte: Martin Dietrich / MDR

Aufgrund der lückenhaften Infrastruktur könne er kaum auf die Bahn zurückgreifen und ist auf sein Auto angewiesen. Auch andere Fahrgäste berichten davon, dass sie die Bahn noch häufiger nutzen würden, wenn nicht nur Großstädte über viele Bahnverbindungen verfügen würden.

Wie soll es weitergehen?

Trotz der Probleme wollen viele eine Fortsetzung des 9-Euro-Tickets. Robert Fritzsche aus Mittweida, der jeden Tag ins zehn Kilometer weit entfernte Oberlichtenau pendelt, wünscht sich vor allem eine langfristige Lösung. "Das Ticket könnte auch teurer sein und muss nicht für neun Euro verschenkt werden", sagt er.

Die Rentnerin Rosmarie Liebisch aus Mittweida sieht es anders und hofft auf weiterhin niedrige Ticketpreise. Mit der 9-Euro-Maßnahme konnte sie einige Ausflüge gemeinsam mit ihrer Freundin unternehmen. Die normalen Kosten dafür seien ihr viel zu hoch. Sie sagt: "Öffentlicher Personennahverkehr ist nur für Reiche."

   

Bundesregierung diskutiert über Fahrpreise

Diskussionen um eine Fortführung beschäftigen auch die Bundespolitik. Die Grünen schlugen Anfang August ein Regionalticket für 29 Euro vor und ein Deutschlandticket für 49 Euro. Die SPD unterstützt in einer Beschlussvorlage für eine Fraktionsklausur ein 49-Euro-Ticket, berichtet die Tagesschau.

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter kündigte Bundesfinanzminister Christian Lindner an, einen Nachfolger realisieren zu wollen, wenn die Finanzierungsfrage geklärt sei.

"Das Ticket war ein Riesenerfolg und zwar in jeglicher Hinsicht. Wir haben erreicht, dass die Gesellschaft wieder über den ÖVPN diskutiert", sagt Jan Schlüter von der Forschungsgruppe Flexible Transport Services and Complex Urban Dynamics an der TU Dresden dem MDR SACHSEN. "Jetzt muss ein realistischer Preis gefunden werden, der es ermöglicht, dass man auch die Infrastruktur ausbauen kann, aber der gleichzeitig eine niedrige Eintrittsschwelle in den ÖVPN ist."

Im Hintergrund ist ein Handybildschirm zu sehen, auf dem jemand das 9-Euro-Ticket im Warenkorb hat. Vor dem Handy befindet sich eine Grafik mit einem Zitat einer Bahnfahrerin. Das Zitat lautet: "Ich hätte lieber den normalen Preis gezahlt statt das 9-Euro-Ticket, weil wir standen wie die Heringe im Zug. Das war sehr unangenehm." 
Bildrechte: Thorsten Kügler / MDR /DPA

MDR (mad)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 31. August 2022 | 19:00 Uhr

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