Pflege in der Corona-Pandemie "So emotional manche Dienste auch sind, ich muss sehen, dass ich zum Feierabend die Probleme auf Arbeit lasse"

"Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht." Dieses Zitat von Helmut Kohl hat auch 23 Jahre später nicht an Bedeutung verloren. Diejenigen, die zu den Schwächsten gehören, sind unter anderem Pflegebedürftige. Diejenigen, die sich um sie kümmern, klagen schon länger über schlechte Bezahlungen und Überlastung. Und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. Wir haben mit einem Altenpfleger über seine Erfahrungen gesprochen.

Dresdner Altenpfleger Enrico Sinkwitz
Enrico Sinkwitz hat seine Ausbildung zur Altenpflegefachkraft von 2004 bis 2007 gemacht und war zuvor 10 Monate im Zivildienst in einem Pflegeheim. Bildrechte: Enrico Sinkwitz

Es ist 6:30 Uhr am Morgen: Dienstbeginn für Enrico Sinkwitz aus Dresden. Der 36-Jährige arbeitet als Fachkraft einer Altenpflegestation mit 37 Bewohnerinnen und Bewohnern. Dort koordiniert er die Arbeit der drei Pflegekräfte, die sich jeweils um 12 bis 13 Leute während ihrer Schicht kümmern müssen. Waschen, auf Toilette gehen, beim Essen und Trinken behilflich sein. Viel Zeit zum Verschnaufen bleibe da nicht, sagt Enrico. Zusätzlich kümmert er sich darum, dass alle Pflegebedürftigen die richtigen Medikamente bekommen und auch deren anderen alltäglichen Probleme behoben werden. Aber damit nicht genug.

Meine weiteren Aufgaben bestehen darin, Arzttermine zu veranlassen, Visiten mit Ärzten durchzuführen, Bestellungen abzugeben, Wundverbände durchzuführen, Telefonate entgegenzunehmen, Dokumentation zu führen und zu evaluieren - zum Beispiel Pflegeplanungen, Visiten, Risikoerfassungen, Prophylaxen, Wunddokumentation - und alles was sonst noch an organisatorischen Dingen und Büroarbeit so anfällt.

Enrico Sinkwitz Altenpfleger

Das erste Mal Pause macht er meistens gegen 10 Uhr. Doch auch hier ist meist nicht an Ruhe zu denken, denn oft ertönt der Ruf der Notfallknöpfe, den jede Bewohnerin und jeder Bewohner im Zimmer hat.

Nach dem Verteilen des Mittagessens und weiterer Medikamente folgt die Übergabe mit dem Spätdienst. "Wenn alles passt habe ich dann um 15 Uhr Feierabend," so Enrico. Noch stressiger könne es in der Spätschicht werden, da diese in der Regel nur von zwei Mitarbeitenden besetzt ist. Doch für eine gute Versorgung, die mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, sei sowieso nicht genügend Zeit. Pflege beinhalte nicht nur Waschen und Essen reichen, sondern eben auch Förderung und Erhaltung der Ressourcen der Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Pflege des Geistes und der Seele, erzählt der Altenpfleger.

Mulin Lin (l), Pflegeassistentin aus China, spricht am 10.03.2015 mit der Bewohnerin Margot Krüger im Seniorenzentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Magdeburg (Sachsen-Anhalt).
In Sachsen gab es laut Statistischem Bundesamt 2019 mehr als 1.000 Pflegeheime. Bildrechte: Dehli News

Stress mit Folgen

Solche Arbeitstage gehen auf Dauer an den wenigsten Beschäftigten spurlos vorüber, sowohl psychisch als auch physisch. So auch bei Enrico Sinkwitz. Bis 2015 habe er sehr oft "Ja" zum Einspringen gesagt, wenn es wieder hieß, es fehle an Personal. Im Sommer 2015 kam die Diagnose: Burnout.

Seitdem passe ich besser auf mich auf, da meine eigene Gesundheit mir niemand wiedergeben kann. Mein Stundenkonto ist überschaubar und ich gebe auf Arbeit nicht mehr 120 Prozent, sondern mache meine Arbeit so, wie ich sie auch schaffen kann, ohne selber großen Schaden zu nehmen.

Enrico Sinkwitz Altenpfleger

Denn sollte er einmal länger ausfallen, fehle es eben an noch einer Pflegekraft mehr, in einem bereits personell unterbesetzten Seniorenheim.

Situation der Pflegeberufe verbessern

Seine nicht übermäßig bestückte Freizeit verbringt Enrico Sinkwitz damit, sich für Verbesserungen der Pflegeberufe einzusetzen, unter anderem in einer Gewerkschaft und einem privat gegründeten Bündnis. Kürzlich veröffentlichten sie ein Video, in dem weitere Altenpflegekräfte aus Dresden von ihrem Alltag erzählen.

Ein großer Dorn im Auge ist für Enrico die zunehmende Privatisierung im Gesundheits- und Pflegesektor und die hohen Eigenanteile, die Pflegebedürftige zahlen müssen, um einen Heimplatz zu bekommen. Ebenso wichtig sei ein angemessener Tariflohn für Beschäftigte, der außerdem ausreichend Erholung und eine ordentliche Nachtdienstvergütung enthalten soll. Seiner Ansicht nach könnte mit verbesserten Rahmenbedingungen auch zukünftig eine Ausbildung im Gesundheitswesen lukrativer gemacht werden. Denn nur durch ausreichend Nachwuchsförderung könne dem gesteigerten Bedarf an Pflegepersonal entgegengewirkt werden, so Sinkwitz.

Die schlechten Rahmenbedingungen, niedrige Bezahlung über Jahre hinweg und eine immer stärkere Arbeitsbelastung sorgen nun seit einigen Jahren dafür, dass immer mehr Pflegekräfte ihren Job verlassen und in anderen Branchen gehen.

Enrico Sinkwitz Altenpfleger

Die Forderungen die Enrico stellt sind nichts Neues. Schon lange wird auf Länder- und Bundesebene vom Pflegenotstand gesprochen. Versprechungen etwas zu verändern, zum Beispiel am Personalschlüssel, gab es in der Vergangenheit einige. Doch zu lange seien sie aus Enricos Sicht durch die Politik außer Acht gelassen worden.

"Probleme zu lange ignoriert"

Michael Junge, Vorsitzender des Sächsischen Pflegerates, teilt die Meinung von Altenpfleger Sinkwitz. Schnelle Lösungen seien nicht mehr möglich. "Dazu wurde das Problem zu lange ignoriert oder man hat mit Absichtserklärungen versucht die enorme Herausforderung zu meistern," so Junge.

Vorsitzender Sächsischer Pflegerat Michael Junge
Laut Michael Junge bedarf es Mut dafür, das gesamte Pflegesystem neu zu denken. Bildrechte: Michael Junge

Der Mangel an Pflegefachpersonal sei spürbar, offene Stellen könnten nur schwer und nach langer Suche wiederbesetzt werden. Das führe zu einer unzureichenden Anzahl an Pflegeheimplätzen und ungenutzten Krankenhausbetten, führt Junge weiter aus. Letzteres sei gerade in der aktuellen Situation ein Problem, da zu vermuten sei, dass viele weitere Pflegekräfte frustriert ihren Beruf aufgeben werden.

Leider ist es sowohl der Bundes- als auch der Landesregierung nicht gelungen, den beruflich Pflegenden in den letzten Monaten mit extremer Belastung ein spürbares Signal der Unterstützung zu schicken. Wir vermissen, dass dem Applaus in den Parlamenten auch Beschlüsse zur Verbesserung der Situation beruflich Pflegender folgen.

Michael Junge Vorsitzender Sächsischer Pflegerat

Politisches Gegensteuern

Das Sächsische Sozialministerium (SMS) teilte auf Anfrage von MDR SACHSEN mit, dass sich kein genereller Pflegenotstand auf Basis der Prüfung- und Aufsichtsmaßnahmen der Heimaufsichtsbehörde erkennen lasse. Dennoch sei man sich der großen Belastung von Pflegekräften bewusst. Eine entsprechende Verbesserung der Ausbildung- und Arbeitsbedingungen sei deshalb im sächsischen Koalitionsvertrag von 2019 festgehalten worden. Dort heißt es:

Jeder, der Pflege braucht, soll sich auf ein verlässliches und bezahlbares Hilfesystem mit einer großen Angebotsvielfalt verlassen können. Gute Pflege braucht motivierte und gesunde Pflegekräfte und attraktive Arbeitsbedingungen.

Koalitionsvertrag CDU, SPD, B90/GRÜNE

Da der Bund für die Gesetzgebung im Bereich der Pflege zuständig ist, verweist das SMS unter anderem auf das Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz, welches im Juli 2021 beschlossen worden ist. Dieses sehe unter anderem vor, nur noch solche Pflegeeinrichtungen zuzulassen, die ihre Angestellten nach Tarif bezahlen. Außerdem soll ein bundesweit einheitlicher Personalschlüssel dafür sorgen, dass zusätzliches Personal eingestellt werden kann. Dritte große Änderung sei die finanzielle Entlastung Pflegebedürftiger, zum Beispiel durch einen jährlichen Zuschuss von insgesamt einer Milliarde Euro. Nach Angaben des SMS müsse sich zeigen, ob diese Maßnahmen Wirkung zeigen. Man sei jedoch guter Dinge.

Die hohe Zahl der Ausbildungseintritte im Jahr 2020 belegt, dass die neue Pflegeausbildung (...) erfolgreich gestartet ist. Auch bei der Entlohnungssituation zeigt sich eine positive Entwicklung: Die Löhne in der Pflegebranche sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Dieser Lohnanstieg ist dabei deutlich stärker ausgefallen als in der Gesamtwirtschaft.

Sächsisches Sozialministerium

Mehr Mitbestimmungsrecht gefordert

Michael Junge vom Sächsischen Pflegerat gehen diese Maßnahmen nicht weit genug. Er fordert deshalb die Einführung einer Pflegekammer. Mit einer solchen müssten Pflegende dann in allen Gremien der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens mit am Tisch sitzen.

Pflegende haben einen enormen Beitrag zur Gesundheitsversorgung beizutragen. Dafür müssen sie endlich als gleichberechtigtes Mitglied in der Selbstverwaltung vertreten sein.

Michael Junge Vorsitzender Sächsischer Pflegerat

Fest steht, der demographische Wandel ist in vollem Gange. Die sächsische Bevölkerung wird immer älter, das belegen Daten des Statistischen Landesamtes. Der Bedarf an Pflegekräften wird damit auch in Zukunft exponentiell steigen. "Die Gesellschaft muss auch den Wert der Pflege erkennen und das Pflege nun mal Geld kostet," so Sinkwitz.

Zahlen und Daten zum Pflegenotstand

Wie die Daten des Statistischen Landesamtes Sachsen ergeben, steigt die Zahl der Pflegebedürftigen kontinuierlich. Beim letzten erhobenen Zeitpunkt 2019 waren bereits 250.812 Menschen pflegebedürftig. Einer Vorausberechnung zufolge sollen knapp 6.000 Menschen hinzukommen. Es ist zu vermuten, dass die reelle Zahl für 2020 diese ursprüngliche Prognose übersteigen werden wird.

Der Freistaat Sachsen liegt mit 50 Pflegebedürftigen pro 1.000 Einwohner deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 41,2. Lediglich die anderen drei ostdeutschen Bundesländer Brandenburg (52), Mecklenburg-Vorpommern (57) und Thüringen (54) haben mehr Pflegebedürftige zu verbuchen.

Dabei steigt die Anzahl des Pflegepersonals in Sachsens nicht so schnell wie die Zahl der Pflegebedürftigen. Während 2017 eine Pflegekraft drei Personen pflegen musste, kamen 2019 statistisch gesehen bereits 3,5 Pflegebedürftige auf eine Pflegekraft. Tendenz steigend. Nach Angaben des Landesamtes wird bis 2030 35 Prozent mehr Pflegepersonal benötigt.

Weitere Porträts von Pflegekräften in der Corona-Pandemie

Quelle: MDR(kh)

4 Kommentare

O.B. vor 7 Wochen

Klar könnte man sagen ich steh bei minusgraden 8 Std auf dem Bau und für mich klatscht keiner. Der Chef sitzt mir im Nacken das ich auch ja Termine Einhalte. Aber Tatsache ist das sind Sachen und Dinge. Pfleger müssen in ihrem Berufsleben das leid ihrer zu pflegenden und dessen Angehöriger ertragen und verarbeiten. Ich kann mir nicht vorstellen so mein Leben zu verbringen denn die Arbeit macht ja schliesslich einen hohen Anteil am Tag aus. Also Respekt vor den Ärzten und Pflegern dieser Welt denn wenn wir sie ob nun nach einem Unfall oder halt im Alter mal brauchen sind sie da. Das von den Krankenhausleitungen und aus der Politik grössten teils nur dankesreden und belobigungen kommen ist eine Form von verhöhnen. Das so viele gegangen sind ist und war schon lange vor Corona abzusehen. Natürlich muss man von Anfang an das Bedürfnis haben Menschen helfen zu wollen wenn man sich für derartige Berufe entscheidet aber sie machen es auch nicht um die Zeit totzuschlagen sondern möchten Lohn.

O.B. vor 7 Wochen

Wer auch immer, Natürlich war das nicht gesund denn ständig unterbrochener Schlaf kann nicht gesund sein. Was aber hier mal festzuhalten ist, ist wohl das Sie sich (wir, komme vom bau) über Arbeitsabläufe, Materialien oder Termineinhaltung Gedanken gemacht haben. Pfleger die vllt 10-15 Jahre jemanden betreuen und ihn/sie lieb gewonnen haben müssen dann mit dem Verlust eines Menschen klarkommen. Das ist denke ich ein ganz anderes Kaliber und dafür muss man auch geboren sein. Ich bin ehrlich und sage ich könnte das nicht. Darum verdienen Pfleger meine Hochachtung. Ob nun im Krankenhaus oder Pflegedienst.

Pattel vor 7 Wochen

Es ist für mich eine Herzens Angelegenheit mich bei allen, welchen Menschen pflegen Danke zu sagen.
Sie leisten hervorragende Arbeit am Menschen. Mein Wunsch ist , das viele gesunden bzw.garnicht erst erkranken .

Allen trotzdem , eine schöne Vorweihnachtszeit mit ihren Familien wünsche ich.

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