Inflation Das Sparen fängt beim Nudelwasser an

Die Inflation betrifft fast jeden Lebensbereich, was besonders einkommensschwache Haushalte belastet. Junge Mensche, die gerade erst in die Berufswelt einsteigen, haben meist keine Rücklagen, um darauf zurückgreifen zu können. Zwei Studenten und zwei Auszubildende erzählen, wie sich ihr Alltag verändert hat wo sie aktuell sparen.

Eine Frau trägt bei ihrem Einkauf in einem Supermarkt eine FFP2-Schutzmaske. Sie öffnet das Kühlregal.
Angesichts der Inflation wird gespart, wo es am wenigsten wehtut. Das betrifft auch den Supermarkteinkauf. Bildrechte: dpa

Für Malte aus Dresden fängt die Inflation beim Nudelwasser an. Es ist im Grunde eine recht banale, alltägliche Sache, die dennoch zeigt, was eine Inflationsrate von über sieben Prozent ganz praktisch bedeutet.

Seitdem die Energiepreise und andere Lebenskosten teils immens gestiegen sind, achtet der 24-jährige Student darauf, nur noch kaltes Wasser auf dem Herd aufzukochen. "Um sozusagen nur den Stromtarif zu nutzen, den ich zumindest unter Kontrolle habe, als direkt das Warmwasser zu nutzen, was mir erst im nächsten Jahr abgerechnet wird", erzählt Malte. 

Ralf Geißler, Wirtschaftsredakteur 2 min
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Fr 08.07.2022 09:54Uhr 02:10 min

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Angst vorm Frieren

Die Inflation bringt viele Menschen ins Grübeln - so wie Malte in seiner Wohnung. Eine Befragung von MDRfragt unter 28.000 Teilnehmenden aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Ende Juli 2022 ergab, dass 38 Prozent der Befragten Angst haben, im Winter frieren zu müssen. Etwa drei Viertel blicken aufgrund der Heizkosten und möglicher wirtschaftlicher Schäden mit Sorge auf die nächsten Monate.

Nicht nur Familien stehen vor empfindlichen Einschnitten. Berufsanfänger und Studierende ohne große Ersparnisse oder anderen Rücklagen müssen ebenso schauen, wie sie über die Runden kommen.

Sparen, wo es (noch) nicht schmerzt

Trotz der angespannten Situation will sich Malte nicht zu sehr einschränken. Aktuell lebt er im Monat abzüglich der Miete mit 650 bis 700 Euro. Bafög bekommt er nicht, dafür verdient er im Nebenjob als Flugzeugabfertiger etwas dazu. 2023 will er sein Diplomstudiengang Verkehrsingenieurwesen abschließen.  

"Ich will mein Studentenleben das letzte Jahr noch ausnutzen. Deswegen sage ich mir: Ja, es ist jetzt teurer. Aber ich will dort an dieser Stelle keine Abstriche machen. Die mache ich dann lieber an anderen Stellen." Dafür, dass er weiterhin Bars besucht, Freunde trifft und Essen geht, fährt Malte deutlich seltener Auto, sagt er. Und wenn, dann auf der Autobahn nicht schneller als 100 oder 110 Kilometer pro Stunde. Auch im Supermarkt wähle er selektiver.

Ähnlich sieht es bei Julia, 24 Jahre, aus Pirna aus. "Wir gehen gezielt mit Einkaufszettel einkaufen. Früher sind wir spontaner gegangen und haben das gekauft, auf was wir Lust hatten." Sie macht gerade eine Ausbildung als Erzieherin. Zusammen mit ihrem Freund hat sie eine Haushaltskasse eingeführt. Die wird monatlich mit 500 Euro gefüllt, was bisher ganz gut funktioniere, sagt sie.

Auch an der Kinokasse sparen die beiden. Schauten sie sich früher zweimal im Monat einen Film im Kino an, seien es in diesem Jahr bisher erst insgesamt zwei Besuche. Ebenso empfindet Julia das 9-Euro-Ticket als eine große finanzielle Entlastung, weil das Transportmittel Auto schlicht zu teuer geworden sei.

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Kerzen statt Heizung

Auf den kommenden Winter angesprochen, machen sich bei Julia dennoch Sorgen breit. "Davor habe ich ehrlich gesagt ein bisschen Angst." Erst vor Kurzem trudelte bei ihnen eine Betriebskostenabrechnung ins Haus, die doppelt so hoch war wie die davor.

Zwei Freunde waren länger zu Besuch, was sich am Ende in Mehrkosten von 150 Euro zeigte. Wie hoch sollen dann erst die Nebenkosten im nächsten Jahr werden, wenn die Energiekrise womöglich voll eingeschlagen ist, fragt sich die 24-jährige.

Eine blonden Frau
Julia macht sich vor allem Sorgen darüber, wie hoch die Nebenkosten im Herbst und Winter ausfallen werden. Bildrechte: Julia Päßler

"Ich versuche schon seit einem Jahr im Winter nur mit Kerzen zu heizen", erzählt Julia. Sie habe schon mal probiert, mit zehn großen, handelsüblichen Kerzen aus dem Baumarkt einen Raum zu erwärmen, um so die Energiekosten zu drücken. "Es ist machbar, aber es gab Tage, da drehte ich die Heizung auf, weil es doch zu kalt war."

Auf dem Land gibt es andere Probleme

Der 20 Jahre alte Emil aus Bad Brambach im Vogtland muss sich über alternative Heizmethoden noch keine Gedanken machen. Der Notfallsanitäter im zweiten Lehrjahr lebt bei seinen Eltern. Er sagt, dass er mit seinem Azubigehalt von etwa 1.000 Euro gut zurechtkomme.

Seine Eltern haben schon seit Längerem eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Eigenheims montiert. So sparen sie Strom und Warmwasser. Der Tank der Ölheizung sei momentan auch noch gut gefüllt. "Wir haben in Deutschland eigentlich genug Luxus und einen Lebensstandard aufgebaut, den es auch wert ist, zu erhalten", urteilt Emil. "Ich hoffe nicht, dass ich irgendwann mal auf alles verzichten muss."

Die Preisexplosion bemerkt Emil dennoch an einer Stelle: an der Zapfsäule. Auf dem Land kommt man eben nicht ums Autofahren drum herum, sagt Emil. Durch den lückenhaften Bus- und Bahnverkehr müsse er die Benzinpreise mehr oder weniger akzeptieren. "So viele Möglichkeiten zum Variieren hat man ja nicht." 

Ich hoffe nicht, dass ich irgendwann mal auf alles verzichten muss.

Emil Notfallsanitäter aus Bad Brambach
Katharina Beck (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Deutschen Bundestages, spricht im Plenum des Deutschen Bundestages. 6 min
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MDR AKTUELL Mi 10.08.2022 16:36Uhr 05:32 min

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Besorgt, aber nicht panisch

Eine generelle Panik ist bei den Gesprächspartnern angesichts der Inflation nicht festzustellen. Es scheint eher eine grundlegende Besorgnis zu sein, was denn im Herbst und Winter auf uns zukommt.

So auch bei Marcel, der gerade seinen Master in VWL in Leipzig abgeschlossen hat und jetzt Arbeit sucht. Zusammen mit seiner Frau stehen ihm abzüglich der Miete 800 Euro monatlich zur Verfügung. Noch sei es möglich die gestiegenen Preise mit dem Ersparten abzufedern, sagt er. Ewig könne es aber nicht so weitergehen. "Wenn die Preise noch weiter steigen und nicht nur diese, sondern jetzt auch noch irgendwelche neuen Umlagen kommen, dann müssen wir uns auf jeden Fall Gedanken machen, wo wir das Geld herbekommen", sagt Marcel.

Er hofft, dass er in nächster Zeit eine Festanstellung findet und damit ein sicheres Gehalt. So lange muss er sich im Privaten einschränken und überlegen, wie viel er für ein Geburtstagsgeschenk ausgeben kann und wo er beim Heizen sparen kann, ohne Schimmel in der Wohnung zu riskieren. "Viele Freunde sind in derselben Situation", sagt Marcel.

MDR (mad)

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Nachrichten | 10. August 2022 | 13:35 Uhr

84 Kommentare

wwdd vor 6 Wochen

Ich werfe niemanden etwas vor. Das muß nun wirklich jeder selbst wissen, wie seine Familienplanung aussieht. Von Seiten des Staates erwarte ich nur eine Mindestabsicherung im Alter. Der große Rest muß von mir selbst kommen. Aber auch da gilt, Augen auf und klug investiert.

Atze1 vor 6 Wochen

Ich war schon als Student in der DDR selbständig. Selbständig im wörtlichen Sinne. Unsere Generation lag den Eltern nicht so lange auf der Tasche wie heute. Wir brauchten auch nicht nebenbei arbeiten wie viele der Studenten heute. Natürlich hatten wir keine Wohnung, sondern genossen das Studentenwohnheim und die Anwesenheit der anderen jungen Leute. Ich hätte mich auch nicht gerne um eine eigene Wohnung gekümmert. So waren wir relativ frei und konnten auch spontan sein. Ansprüche hatten wir nicht viele, aber alle Zeit für unsere Entwicklung. Wenn man zu spät zum Duschen kam, musste man eben mit kaltem Wasser vorlieb nehmen. Ein Auto hatte Niemand von uns. Zug fahren war normal. Ofenheizung bei den Eltern. Das Stipendium trug der Staat und hatte natürlich auch ein gewisses Mitspracherecht beim späteren Einsatz. Gedanken brauchte man sich kaum machen. Vor dem Mauerbau sind allerdings viele der Absolventen nach dem Westen gegangen. Nicht nur durch das drohte die DDR "auszubluten".

GEWY vor 6 Wochen

@Peter, Sie sprechen hier von Spaltung der Gesellschaft und reduzieren das dann auf das "auskotzen" von "ältere Herrschaften" gegen "junge Leute". Sie stellen hier mit abwertenden Worten eine Generation bloß, mit einem "Konflikt" den es seit Generationen gibt und den es auf Grund von Entwicklungen immer geben wird. Das spaltet doch nicht die Gesellschaft. Eine Spaltung der Gesellschaft resultiert aus zum Beispiel "arm gegen reich"; "Ost gegen West"; "Arbeiter gegen H4"; Intellektuelle gegen Handwerker" aber auch Extremisten gegen einander und erst recht wenn Menschen die die Demokratie in Frage stellen und den Bürger als Aktivisten verkauft werden. Und dann sollten Sie Fragen wer solche Spaltung in das Volk hineinträgt. Von Gendern und dem generischen Maskulinum mit dem wir die deutsche Sprache lt. einer sehr kleinen Minderheit vergewaltigen sollen, ganz abgesehen.

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