Querdenker und Neonazis "Freie Sachsen" demonstrieren jetzt gegen Gaskrise

Auf "Montagsspaziergängen" ist zunehmend die Gaskrise das Thema. Sachsens Verfassungsschutz teilte MDR AKTUELL mit, die Demonstrationen würden fast immer von der rechten Gruppierung "Freie Sachsen" mitinitiiert. Es sei das politische Kalkül rechtsextremistischer Gruppierungen, von sozialen Abstiegsängsten der Menschen zu profitieren.

Eingangsschild des Landesamtes für Verfassungsschutz Sachsen in Dresden
Sachsens Verfassungsschutz sagt, ein wesentlicher Teil der Strategie von rechtsextremen Gruppen sei, die Themen aufzugreifen, die die breite Bevölkerung tangierten. Bildrechte: imago/momentphoto/Killig

Montag in Freiberg. Rund 200 Menschen spazieren am Abend eine Runde durch die Stadt, mit Trillerpfeifen und Transparenten. Sie versammeln sich vor dem Kaufland, wo eine ältere Dame zur Mundharmonika greift und alle "Glück auf" singen. Es ist Woche für Woche das gleiche Bild.

Redner gibt es auf den Freiberger Spaziergängen kaum, dafür machen die Menschen auf Pappschildern ihrem Ärger gegen das Impfen Luft. Und sie fordern "Diplomatie statt Waffen und Energie-Embargo". Auch in anderen Kleinstädten treffen sich Spaziergänger. Neben Corona ist das Thema Nummer 1 der "Energie-Lockdown" und die Gaskrise.

Rechtsextreme greifen Ängste auf

Fast immer werden diese "Montagsspaziergänge" von der rechten Gruppierung "Freie Sachsen" mitinitiiert, stellt das Sächsische Landesamt für Verfassungsschutz fest. Die Behörde teilt schriftlich mit: "Es ist ein wesentlicher Teil ihrer Strategie, solche Themen aufzugreifen, die breite Teile der Bevölkerung tangieren." Das seien aktuell die Energiekrise und die Inflation. "Es ist dabei das politische Kalkül der 'Freien Sachsen', von den sozialen Abstiegsängsten der Bürger zu profitieren beziehungsweise vom 'sozialen Sprengstoff', der durch die rapide steigenden Lebenshaltungskosten hervorgerufen wird."

Es ist das politische Kalkül der "Freien Sachsen", von den sozialen Abstiegsängsten der Bürger zu profitieren.

Sächsisches Landesamt für Verfassungsschutz

In den sozialen Medien sind die "Freien Sachsen" noch aktiver. Auf Telegram verbreiten sie täglich dutzende pro-russische und anti-ukrainische Berichte sowie Artikel über geschlossene Schwimmbäder und finanziell angeschlagene Stadtwerke.

Teaserbild Exactly zu „Die „Freien Sachsen“ – Propaganda, Nazis und Verschwörungsmythen“ 31 min
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Gaskrise als Nährboden für Verschwörungserzählungen

Doch nicht nur die "Freien Sachsen" haben das Thema Energiekrise für sich entdeckt, wie der Verfassungsschutz schriftlich mitteilt. "Auch andere rechtsextremistische Gruppierungen, wie zum Beispiel die rechtsextremistische Partei 'Der Dritte Weg', versuchen zunehmend, diese Themen in den sozialen Medien aufzugreifen und für ihre verfassungsfeindliche Agenda zu instrumentalisieren."

Erst vor wenigen Tagen mobilisierten rechtsextremistische Verschwörungsideologen zu einer Demo vor dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal – mit Russlandfahnen und Neonazi-Flaggen, um vor den angeblichen Umsturzplänen der "Welt-Elite" zu warnen. Auch das Thema Energiekrise schnitten die Redner an. Zu dieser Demo kamen rund 100 Menschen. Bei den "Montagsspaziergängen" in sächsischen Kleinstädten sind meist nur ein paar Dutzend unterwegs. Doch der Verfassungsschutz rechnet damit, dass es mehr werden – im Herbst und Winter, wenn es kälter wird.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 18. Juli 2022 | 08:09 Uhr

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