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Eigentlich müssen Kinder in die Schule gehen, doch in manchen Ort haben Eltern den Nachwuchs zu so genannten alternativen Lerngruppen gebracht. Bildrechte: Colourbox.de

Dubiose LerngruppenLerngruppe statt Schule: Wie Querdenker versuchen, Corona zu nutzen

von Nina Böckmann und Thomas Datt, MDR Investigativ

Stand: 14. Mai 2022, 05:00 Uhr

Einige Eltern aus der Querdenker- und Reichsbürger-Szene haben die Aussetzung der Präsenzpflicht genutzt, um ihre Kinder in so genannten "Lerngruppen" selbst zu unterrichten und so vor "staatlicher Indoktrination" zu schützen. Fälle davon sind bereits aus Bayern, Hessen und Sachsen bekannt. Die Versuche, Kinder systematisch zu beeinflussen, laufen. In manchen Fällen rufen sie sogar den sächsischen Verfassungsschutz auf den Plan.

Eigentlich müssten die Kinder in der Schule sein. Denn in Sachsen gilt schon längst wieder die Präsenz- und Anwesenheitspflicht. Doch in Crimmitschau haben Eltern ihren Nachwuchs auch im April noch in einen Gasthof gebracht – zu einer so genannten alternativen Lerngruppe. Das Motto dieses Projekts: "Freies Lernen ohne staatliche Indoktrination".

Auch freie Schulen brauchen eine Genehmigung. Die gibt es in einem Gasthof in Crimmitschau jedoch nicht. Als das ARD-Magazin "FAKT" bei der Projektleiterin vor Ort nachfragt, weicht sie aus: "Ich bin theoretisch als Lernbegleiter jetzt eingesetzt. Ich fehle da drin." Außerdem bestreitet sie, dass im Gasthof unterrichtet werde.

Die monatelange Aussetzung der Präsenzpflicht hatte die Beschulung unter dem Radar der Behörden ermöglicht. "Diese Lerngruppe, die haben wir gegründet, um unsere Kinder zu schützen", erklärt die Projektleiterin auf Nachfrage. Es habe mit Corona begonnen und sei auch geschehen, um den Kindern "das soziale Umfeld zu gewähren. […] Dann haben wir gemerkt, das Schulsystem passt auch nicht mehr."

Überall in Deutschland haben sich Lerngruppen gebildet

In ganz Deutschland haben sich "Lerngruppen" gebildet, in denen Kinder – statt zur Schule zu gehen – unterrichtet werden. Ende des vergangenen Jahres sind in Bayern und Hessen immer mehr Fälle bekannt geworden. Doch auch in Sachsen verdichten sich die Hinweise. Welche Lerninhalte dabei genau vermittelt werden, lässt sich nicht abschließend sagen. Doch in den Chatgruppen auf Telegram tauschen sich Eltern immer wieder über pseudowissenschaftliche Thesen aus.

Screenshot einer Chatnachricht auf Telegram. Bildrechte: MDR FAKT

In Grimma sollen Eltern aus der Querdenker- und Reichsbürger-Szene eine "illegale Schule" betrieben haben. In einem ehemaligen Gasthof sollen zeitweise bis zu 20 Kinder betreut worden sein, berichtet ein Anwohner, der unerkannt bleiben will, gegenüber FAKT. Nachdem die Behörden mehrere Hinweise erhalten hatten, untersagten sie die Nutzung des Gebäudes als Schule.

"Es wurde ganz offen von einigen gesagt, dass hier eine Schule eingerichtet wird, weil man den Kindern ersparen möchte, in der Schule Maske zu tragen und Tests vorzunehmen", berichtet der Hinweisgeber. Eltern hätten im September 2021 die Kinder früh gebracht und am Nachmittag abgeholt – doch die Bedingungen schockierten die Hinweisgeber: "Als der Schulbetrieb begann, gab es weder Strom noch Wasser noch Toiletten noch Heizung."

Befeuert durch Proteste gegen Corona-Maßnahmen

Das Konzept sogenannter Lerngruppen ist mit den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen populär geworden. Teile der Querdenker-Szene lehnen nicht nur einzelne politische Entscheidungen ab – sondern das ganze staatliche System. Ihre Alternative: Eine Parallelgesellschaft mit eigenem Bildungssystem. Die Szene vernetzt sich vor allem über das soziale Netzwerk "Telegram". Dort tauschen sich Eltern in speziellen Chat-Gruppen aus. Neben der Ablehnung von Masken, Tests und Impfungen geht es häufig um Verschwörungstheorien.

"Letztendlich spielt dieses Widerstandsnarrativ eine ganz, ganz große Rolle", sagt Matthias Pöhlmann. Er ist Sektenbeauftragter der evangelischen Landeskirche in Bayern. "Man möchte sich gegen die Bevormundung durch den Staat zur Wehr setzen." Über solche Freilerner-Initiativen werde versucht, sich einem staatlichen Einfluss zu entziehen. "Und da ist die Tür für verschwörungsideologisches rechtsesoterisches Gedankengut geöffnet."

Brisante Inhalte auf Youtube-Kanal mit Lernvideos

Die Szene hat ihre Gurus: Einer von ihnen ist der österreichische Trickkünstler und selbsternannte Lerncoach Ricardo Leppe. Auf seinem Youtube-Kanal "WissenSchafft Freiheit" wirken viele Videos auf den ersten Blick harmlos. Meist geht es um Rechentricks oder Eselsbrücken, zum Beispiel für das Merken englischer Vokabeln. Doch dabei bleibt es nicht.

Der Trickkünstler und selbsternannte Lerncoach Ricardo Leppe. Bildrechte: MDR FAKT

Auf den zweiten Blick lassen sich brisantere Inhalte finden. So spricht Leppe etwa in einem mittlerweile offenbar auf YouTube gelöschtem Video – welches FAKT vorliegt – von "Dämon Kratie". Er bezieht sich auf einen antisemitischen Verschwörungsmythos über die angebliche Funktionsweise der Demokratie, wie ihn ein russischer Autor in einem Roman skizziert. Danach soll die Politik von einer "Macht im Hintergrund" gesteuert werden. Im gleichen Video sagt er: "Wieso darf ich das, was im zweiten Weltkrieg ist, auf gar keinen Fall hinterfragen?" Würde man es doch tun, sei es, laut seiner Aussage, "ganz böse" "Ich leugne nicht, dass das scheiße war damals – aber vielleicht war es nicht so?"

Über seinen Verein "Wissen Schafft Freiheit" bietet Leppe via Internet nicht nur "Lernmaterialien" an, sondern stellt auch eine Plattform für die digitale Vernetzung von Lerngruppen im gesamten deutschsprachigen Raum zur Verfügung. Dies erfolgt meist via Telegram.

In Ricardo Leppe sieht Sektenforscher Pöhlmann jemanden, der geschickt Unverfängliches mit Ideologie mischt: "Leppe selbst hat sich ja mit Aussagen vernehmen lassen, dass das herkömmliche Schulsystem tot sei." Außerdem streue der Österreicher bewusst Misstrauen, etwa dass den offiziellen Medien nicht getraut werden könnte. "Er ist ein wichtiger Inspirator in dieser alternativen Szene, der eben auch das ideologische Gedankengut da ganz stark mit verbreitet."

Leppe behauptet: Mindestens 50 Lerngruppen in Sachsen

FAKT hat Ricardo Leppe auf einer Vortragstour in Sachsen im April getroffen und ihn nach den Andeutungen zu Verschwörungsmythen und möglichem Missbrauch seiner Lerngruppen durch Reichsbürger und andere Extremisten gefragt. "Der eine nutzt das Messer, um ein Brot aufzuschneiden, der andere bringt jemanden damit um." Er könne und werde das nicht kontrollieren, sagt Leppe dazu. "Ich gebe einfach nur die Möglichkeiten zum schnelleren und effektiveren Lernen."

Obwohl unter dem Dach von Leppes Verein "Wissen schafft Freiheit" diverse Lerngruppen entstanden sind – zu konkreten Zahlen für Sachsen und Deutschland kann oder will er sich gegenüber FAKT nicht äußern. Bei einer Veranstaltung in Kleinschirma Ende April, die ebenfalls über Telegram beworben wurde, dreht FAKT mit versteckter Kamera. Etwa 150 Zuhörerinnen und Zuhörer füllen den Saal, der Eintritt für Erwachsene beträgt zehn Euro. Hier kann der Österreicher sich plötzlich doch recht genau dazu äußern, wie viele Lerngruppen es in Sachsen gibt. "Was wird es in Sachsen? Also 50 Gruppen, die ich sicher persönlich kenne", sagt Leppe dort. In "Bayern sind´s sicher dick dreistellig, Österreich auch."

Landesamt in Sachsen will nur von wenigen Gruppen wissen

In Sachsen ist das Landesamt für Schule und Bildung (LaSuB) dafür zuständig, gegen das Betreiben ungenehmigter Schulen oder Vollzeit-Lerngruppen vorzugehen. Obwohl das Amt seit Monaten von der illegalen Schule in Crimmitschau weiß, zeigt man sich überrascht, dass dort auch beim Besuch von FAKT im April immer noch unterrichtet wurde.

"Da muss man der Sache nachgehen", sagt der LaSuB-Sprecher Roman Schulz. Den Hinweis nehme er gerne mit. Doch von weiteren Vorgängen wisse er nicht. "Uns sind keine Hinweise aus Schulen bekannt, dass Kinder mit der Motivation, eine andere illegale Schule zu besuchen, nicht in der Schule sind." Schon im Dezember hatte FAKT beim Landesamt nachgefragt, weil es konkrete Hinweise auf diverse ungenehmigte Lerngruppen gab – unter anderem im Vogtland und im Erzgebirge. Doch bis heute will das Landesamt nur die Fälle in Grimma und Crimmitschau kennen.

Wir sind ein Schulamt und ich sage das ganz klar, wir sind kein Verfassungsschutz und auch keine Gesinnungsprüfungsprüfbehörde.

Roman Schulz | LaSuB-Sprecher

Das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz hat diese Entwicklungen zum Teil im Blick und beobachtet vor allem die Reichsbürgergruppierungen, die sich zu Lerngruppentreffen zusammengefunden haben. Beobachtet würden durch die Behörde jedoch nur solche "Lerngruppen", die explizit als extremistisch eingestuft werden können, erklärt das Amt auf eine Anfrage von FAKT. Der Verfassungsschutz hat in einem Schreiben aus dem September 2021, welches FAKT vorliegt, auch das sächsische Staatsministerium für Kultus (SMK) – dem das LaSub  unterstellt ist – über das Vorgehen der Reichsbürgerszene informiert und bittet darum, Informationen über ähnliche Vorfälle weiterzuleiten.

Währenddessen hat die Betreiberin der Lerngruppe in Crimmitschau klare Vorstellungen, wie man sich weiter staatlicher Kontrolle entziehen könne. In einem Youtube-Video sagt sie. "Wir bleiben bei Lerngruppen […] und suchen uns einfach Wohnungen. Wohnungen, die groß genug sind und auch finanziell monatlich zu stemmen sind, wo wir unsere Kinder täglich begleiten können im Lernsystem."

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Dieses Thema im Programm:Das Erste | FAKT | 10. Mai 2022 | 21:45 Uhr