People of Color Raus aus Ostdeutschland: Wenn Rassismus nicht mehr auszuhalten ist

Angriffe, Beleidigungen oder abwertende Blicke: Rassismus hat viele Facetten und für Betroffene gehört er zum Alltag. Im Osten von Deutschland ist das Problem offenbar größer als im Westen – und für einige ist die Belastungen durch solche Anfeindungen so hoch, dass sie aus Leipzig oder Dresden wegziehen wollen.

Rassismus – hinter diesem Begriff stehen nicht nur demonstrierende Nazis auf der Straße, sondern Rassismus ist überall und für die Betroffenen einfach Alltag: Abwertende Blicke, abends nicht in den Club kommen oder Anfeindungen, weil man nicht weiß ist. "Die sagen dann irgendwas mit Hunde essen, Reis, Ching Chang Chong", sagt Linh. In Ostdeutschland scheint das Problem größer zu sein als in Westdeutschland. Für einige Betroffene ist es so schlimm, dass sie aus Dresden oder Leipzig wegziehen wollen.

Linh ist in Plauen groß geworden. Ihre Eltern kamen zu DDR-Zeiten aus Vietnam. Sie ist vor ein paar Jahren zum Studieren nach Dresden Neustadt gezogen. Doch nun braucht die 31-Jährige erstmal eine Auszeit von der Landeshauptstadt Sachsens – ab März will sie den Jakobsweg laufen und anschließend in Berlin neu starten. Der Grund: Sie hält den Rassismus in Sachsen nicht mehr aus.

Linh: Pegida hat sich unglaublich bedrohlich angefühlt

"Krass war es, als 2015 Pegida kam", beschreibt Linh. "Der konkrete Moment bei Pegida war, dass ich schon fünf Jahre antirassistische Arbeit mache und ich habe das Gefühl, es bringt nichts. Und es wird trotzdem schlimmer mit dem Rassismus." Sie sei selbst einmal in eine Demo von Pegida gegangen. Es habe sich unglaublich bedrohlich und schrecklich angefühlt. Viele Leute aus ihrem Umfeld hätten ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht und seien dann weggezogen.

Linh bleibt damals – vorerst. Sie engagiert sich in Vereinen, schreibt ihre Diplomarbeit über Rassismus. Es wird zum Dauerthema für sie. Als sie in einer Schule als Sozialarbeiterin anfängt, macht sie selbst viele schlechte Erfahrungen: "Zum Beispiel, als ich mir den Schlüssel beim Hausmeister geholt habe, hat der gesagt: Kann die überhaupt deutsch?“ Es habe viele Vorfälle gegeben, und auch Kinder und Jugendliche, die sie rassistisch beleidigt hätten. Mit Worten, die sie bereits kennt, seit sie ein Kind war.

Wie verbreitet ist Rassismus in Deutschland?

6,4 Prozent der Deutschen stimmen eindeutig rassistischen Aussagen zu. Dies geht aus der sogenannten Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) hervor. Demnach sind es im Osten Deutschlands (7,8 Prozent) etwas mehr als in Westdeutschland (5,2 Prozent).

Da kann man sagen, dass es durchaus Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland gibt, diese aber, wenn man es wirklich nach Größenunterschieden quantifiziert, gar nicht so groß sind.

Franziska Schröter Leiterin der Mitte-Studie der FES.

Aus Sicht von Schröter und ihren Kolleginnen und Kollegen habe es eher mit ähnlich denkenden und eingestellten Milieus und Strukturen zu tun. "Nur kommen diese Milieus in Ostdeutschland öfter vor als in Westdeutschland." Diese Milieus sind: ältere Menschen; Leute, die im ländlichen Raum leben oder die ein niedrigeres Bildungsniveau haben. Diese würden eher rassistisch denken.

Im Osten gibt es mehr rassistische Angriffe

Grafik zu rechten, rassistischen und antisemitischen Angriffen in Deutschland nach Bundesländern im Jahr 2020.
Grafik zu rechten, rassistischen und antisemitischen Angriffen in Deutschland nach Bundesländern im Jahr 2020. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was statistisch ausgewertet werden kann, sind rassistische Angriffe: Dabei sticht Ostdeutschland deutlich hervor – Sachsen-Anhalt und Berlin sind an der Spitze mit 7,1 und 9,7 rechten, rassistischen oder antisemitischen Vorfällen (Mord, Körperverletzung oder Bedrohungen) pro 100.000 Einwohnern. Diese Vorfälle haben Opfer-Beratungsstellen im Jahr 2020 registriert. "Und da spreche ich nicht nur über Gewalt und Hass, die wir tendenziell in Ostdeutschland öfters beobachten als im Westen", sagt Schröter. Es gehe auch um Alltagsrassismus und der täglichen Erfahrung von Abwertung.

Solche Erfahrungen hat auch Mohamed gemacht. Er ist vor neun Jahren aus Ägypten nach Leipzig gekommen und sitzt heute im Migrantenbeirat der Messestadt. Am Anfang dachte er noch: "Oh, es ist alles so schön hier in Leipzig. (...) Dann kamen meine Kinder vor zwei Jahren." Seitdem häuften sich die negativen Erfahrungen.

Mohamed: Meine Kinder sollen nicht in Sachsen aufwachsen

Mohamed ist vor neun Jahren aus Ägypten nach Leipzig gekommen.
Mohamed sagt, dass seine Kinder in einer Grundschule in Leipzig ständig rassistisch angegriffen würden. Bildrechte: MDR exactly

Seine Kinder gehen in Leipzig zur Grundschule. Mohamed hat sie aus Ägypten nachgeholt. Er wünscht sich, dass sie nicht in Sachsen aufwachsen. "Weil meine Kinder ständig in der Schule rassistisch angegriffen werden", sagt Mohamed. So sei seinem Sohn gesagt wurden, dass er in der Hofpause kein arabisch reden dürfe. Oder, dass er nicht reinkommen dürfe, weil er braune Haut habe.

Aufgrund solcher und ähnlicher Erlebnisse sei bei Mohamed und anderen People of Color Dauerthema: gehen oder bleiben? "Manchmal sagen wir: Ich fahre nach Berlin zum tanken oder Frankfurt oder Köln. Die Aussage hat sich auch langsam etabliert", sagt Mohamed. Tanken, das bedeutet in diesem Fall: Energie tanken in Berlin – weil es dort weniger Rassismus gebe.

Berlin ist internationaler als Thüringen oder Sachsen

In Berlin studiert Mene Maschinenbau. Der 28-Jährige ist vor ein paar Jahren aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen. Zuerst hat er in Ilmenau, einer Stadt in Thüringen, gelebt. Er hatte von der guten Technischen Hochschule gehört, doch dort hinzuziehen sei ein Fehler gewesen: "Einmal bin ich mit ein paar deutschen Kumpels von mir zu Kaufland gegangen. Dann hat eine Frau meine deutschen Kumpels gefragt: Was ist das?" Er habe sie dann korrigiert: "Es heißt: Wer ist das. Ich bin ein Mensch."

Solche Sachen hätten Mene genervt. Doch er ist nicht nur wegen des Rassismus gegangen. In der Uni habe er sich auch oft alleine gefühlt, keinen Anschluss gefunden. In Berlin gefalle es ihm deutlich besser als in Thüringen. "Es ist internationaler. Es gibt jede Nationalität, jede Farbe, jede Größe. Ich fühle mich hier wohl. Auch wenn die Leute aus Thüringen herkommen, die würden sich offen benehmen. Weil Berlin so ist."

Soziologin: DER Osten ist nicht DER Ort für Rassismus

Auch wenn es in Berlin ebenfalls rassistische Angriffe gibt, fühlen sich offenbar viele People of Color in der Hauptstadt wohler – weil es internationaler ist. Das sei ein entscheidender Punkt, sagt die Soziologin und Autorin, Katharina Warda, gegenüber MDR exactly. Sie ist selbst in Ostdeutschland aufgewachsen.

"Es gibt in Westdeutschland mehr Menschen mit Migrationsgeschichte", sagt Warda. Das mache vieles einfacher, weil es normaler sei. Die wenigen in Ostdeutschland seien extrem unsichtbar. "Die Frau, die dir die Brötchen verkauft, die den Bus fährt, dein Hausarzt oder deine Hausärztin, das sind sehr selbstverständlich nicht People of Color oder Ostdeutsche mit Migrationsgeschichte." Das mache den großen Unterschied aus.

Dennoch hält es Warda für falsch, dass der Osten immer zu dem Ort für Rassismus gemacht werde. Wenn jemand so etwas artikuliere, wolle dieser das Problem nur woanders hinschieben. "Nämlich in den Osten zu den anderen, raus aus der Normalgesellschaft, die sehr westdeutsch geprägt ist. Also raus aus Westdeutschland, rein in den Osten."

Beratungsstelle kritisiert fehlende Maßnahmen

"Rassismus ist ein Problem in ganz Deutschland. Aber die Statistiken zeigen, dass es für die Menschen in Ostdeutschland viel gefährlicher ist, Opfer eines rassistischen Angriffs zu werden", sagt Frank Zobel, Sprecher der Beratungsstelle Ezra. Der Verein berät Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen. Das größte Problem sei, das die seit den Neunzigerjahren bestehende Szene der extremen Rechten und organisierten Rassisten, kaum ernst genommen werde.

Hinzu kommt aus Sicht von Zobel für People of Color die ständige Konfrontation mit Rassismus wie etwa: Beleidigungen in der Schule, am Arbeitsplatz oder mit institutionellem Rassismus, wie etwa rassistische Kontrollen durch die Polizei. "Das ist eine enorme Belastung für die Menschen und viele haben auch einfach Angst um sich und um die eigene Familie." Ein weiterer Faktor sei, dass gegen diese rassistischen Zustände kaum konkrete Maßnahmen ergriffen würden – weder von Behörden oder von einem großen Teil der Gesellschaft. "Und das ist das, wo wir dann merken, dass die Leute sagen, dass es ihnen reicht. Ich gehe."

Quelle: MDR exactly

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