Ukraine-Krieg Erdgas aus Russland: Wie abhängig ist Sachsen?

Wenn es um russische Gaslieferungen geht, war zuletzt häufig von Nordstream 1 und 2 die Rede. Aber nicht nur durch die Ostsee wird Energie geliefert. Auch in Sachsen strömt russisches Erdgas über die Grenze. Ein Boykott könnte Wirtschaft und Verbraucher hart treffen, sagen die einen. Andere Stimmen behaupten, man könne ausbleibende Lieferungen kompensieren.

Blick auf Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 und der ܜbernahmestation der Ferngasleitung OPAL
Nordstream 1 ist eine der drei wichtigen Pipelines, die im Osten Deutschlands ankommen und die Republik mit russischem Gas versorgen. Bildrechte: dpa

Eine Zahl geistert in den letzten Tagen immer wieder durch die Medien: 55%. Rund 55% des nach Deutschland importierten Erdgases kommen laut der Bundesnetzagentur aus Russland. Dieses Gas wird unter anderem für Strom und Fernwärme benötigt. Darauf sind auch die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher (zum Beispiel beim Heizen) angewiesen. Das Gas ist darüber hinaus essenziell für verschiedene Industriezweige, wie zum Beispiel die Chemieindustrie.

Deutschland bezieht weiter russisches Gas

Die Bundesregierung und insbesondere Olaf Scholz sind durch die Abhängigkeit vom russischen Gas bisher zurückhaltend, was einen möglichen Boykott der Energielieferungen angeht. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck machte am Dienstag im ARD-Brennpunkt jedoch klar, dass auch dieser Schritt nicht mehr ausgeschlossen sei. Ein Boykott könne aber "schwere Schädigungen des wirtschaftlichen Kreislaufs", "Arbeitslosigkeit" und "große gesellschaftliche Schäden" zur Folge haben, so Habeck.

Grafik der Erdgas-Pipelines von Russland nach Deutschland
Deutschland bezieht russisches Erdgas über die Ostseepipeline Nordstream, über die Jamal-Pipeline durch Weißrussland und Polen und durch die Transgas-Pipeline durch die Ukraine und Tschechien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Forscher der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sind der Überzeugung, dass man einen Lieferstopp verkraften könne. Kompensieren ließen sich die ausbleibenden Gaslieferungen u.a. mit Kohle. Auch die Bundesnetzagentur schlug ähnliche Töne an.

Noch gibt es aber es keinen solchen Lieferstopp und die Gasströme aus Russland (auch über die Ukraine) laufen "vertragsgerecht". Das teilt der Fernleitungsbetreiber Ontras aus Leipzig mit. Blieben diese Gasströme aus, könne das "mittel- bis langfristig die Gasversorgung im Netzgebiet schwieriger machen".

Wie ist Sachsen konkret betroffen?

Sachsen ist bei Öl und Gas ein "reines Importland", teilt das sächsische Energieministerium auf Anfrage mit. Beide Rohstoffe werden vom Freistaat selbst nicht gefördert, aber gehandelt. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wieder. So waren Erdöl und Erdgas mit einem Handelsvolumen von rund 724 Mio. Euro im Jahr 2021 das mit Abstand größte sächsische Importgut aus Russland.

Grafik des Erdgas-Netzes in Deutschland
In Deutschneudorf und Olbernhau kommt die Transgas-Pipeline an, die russisches Gas über die Ukraine und Tschechien nach Deutschland befördert. Bildrechte: MDR

Im Wirtschaftsministerium in Dresden führt man diese - zuletzt deutlich gestiegenen - Importzahlen vor allem auf das Leipziger Gasunternehmen VNG zurück, das mit dem russischen Erdgas-Lieferanten Gazprom umfangreiche Handelsverträge habe.

Könnte Sachsen einen Lieferstopp verkraften?

Von der VNG AG selbst heißt es, man könne in Deutschland, und damit auch in Sachsen, einen Wegfall der Lieferungen kurzfristig überbrücken, langfristig jedoch die "Mengen an russischem Gas, die Deutschland und Europa benötigen, nicht ersetzen". Als Folge könnten "nicht systemrelevante Gasabnehmer" vom Netz genommen werden, um die Versorgung von Haushaltskunden zu gewährleisten. Das beträfe zum Beispiel Chemiewerke.

Eine gelbe Leitung für Erdgas führt über das Gelände des Gaskraftwerkes Gaisburg.
Auch Sachsen ist abhängig von russischem Erdgas. Wirtschaftliche Folgen eines Lieferstopps sind nur schwer abzuschätzen. Bildrechte: dpa

Für den kommenden Winter seien "alternative Beschaffungsrouten für Erdgas nicht leistungsfähig genug", um eine hinreichende Speicherbefüllung und die Versorgung von Industrie und Haushalten ohne russisches Gas zu gewährleisten, heißt es aus dem Leipziger Unternehmen. Wen es in der Industrie treffen würde? Viele gasbasierte Prozessschritte seien "elementare Bestandteile der Kernindustrien Fahrzeugbau oder Chemie", sagt ein Unternehmenssprecher.

Sächsische Politik fährt auf Sicht

Auch im sächsischen Wirtschaftsministerium glaubt man, dass die Chemie-Industrie stark betroffen sein könnte. Wie die Folgen für andere Industriezweige konkret aussehen würden, sei noch nicht abschätzbar.

Sachsens Energieminister Wolfram Günther zeigte sich in Hinsicht auf die Verbraucher davon überzeugt, dass die Strom- und Wärmeversorgung in Sachsen sicher seien und zumindest in dieser Heizperiode ein Lieferstopp zu verkraften wäre. Bis zum kommenden Winter müsse man im Zweifelsfall nach Alternativen suchen.

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer sprach sich am Mittwoch im ZDF-Morgenmagazin erneut gegen einen Boykott von russischem Gas aus, da die Auswirkungen für Wirtschaft und Verbraucher kaum abzuschätzen seien. Ob das russische Gas tatsächlich weiter durch sächsische Fernleitungen fließt, hängt nicht mehr nur von der westlichen Politik ab. Auch Wladimir Putin schließt ein Lieferembargo inzwischen nicht mehr aus.

Quelle: MDR-Wirtschaftsredaktion, dpa, AFP

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 08. März 2022 | 20:15 Uhr

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