Gurke, Hafer und Tomate Saatgut-Tausch in Sachsen: Sind alte Sorten die Zukunft?

Der Frühling in Sachsen zeigt sich inzwischen an allen Ecken: Die Knospen an Büschen und Bäumen sprießen und die Frühblüher sorgen für bunte Farbtupfer. Wer in diesem Jahr Gemüse ernten oder Blumen ziehen möchte, sollte sich jetzt in die Spur machen, denn die Zeit für die Aussaat vieler Sorten ist gekommen. Beetbesitzer haben nun die Qual der Wahl: Greifen sie auf gezielte Züchtungen zurück oder sollen es ursprüngliche Sorten sein?

Ein Tisch mit verschiedenen Gemüsesorten
Gemüse aus dem eigenen Garten oder vom Balkon kommt bei vielen Menschen auf den Tisch. Häufig greifen Hobbygärtner zum Saatgut-Tütchen aus dem Supermarkt. Es gibt aber auch regionale Tauschbörsen, die speziell alte Gemüsesorten im Fokus haben. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Der Frühling hat begonnen und mit ihm das Garten- oder auch Balkonjahr. Ab jetzt darf wieder gesät werden – allerdings nicht unbedingt direkt ins Beet, sondern eher auf der Fensterbank. So haben die zarten Pflänzchen trotz strenger Nachtfröste die besten Chancen, es bis zur Ernte zu schaffen. Bevor es aber ans Vorziehen geht, muss das Saatgut her.

Saatgut im Super- und Baumarkt

Das gibt es derzeit in einer riesige Auswahl: Viele Supermärkte haben bereits seit Wochen Aufsteller mit den kleinen Tütchen nahe der Gemüseabteilungen platziert. Und auch in Bau- und Gartenmärkten gibt es neben Zwiebeln und Stauden ein scheinbar unendliches Angebot an Saatgut. Kundinnen und Kunden finden hier vor allem Saaten aus zwei Vermarktungsbetrieben in Sachsen-Anhalt: dem Gartenland Aschersleben und dem dazugehörigen Betrieb Quedlinburger Saatgut.

Saatguttüten verschiedener Marken ohne Logo
Paprika, Tomate, Zucchini und Gurke: Derzeit finden Kundinnen und Kunden eine Vielzahl an Gemüsesorten zum selber Ziehen. Bildrechte: MDR Garten/Estha Taddigs

Mehr Ertrag, weniger Schädlingsbefall - Versprechen der Züchter

Die Vermarktungsbetriebe handeln eigenen Angaben zufolge mit Sorten von nationalen und internationalen Landwirten und haben Saatgut aus unterschiedlichen Zuchthäusern im Angebot. Auf der Website von Gartenland Aschersleben heißt es: "Während der professionelle Züchter Wert darauf legt, dass seine Tomatensorte viele, haltbare Früchte auf einmal hervorbringt, sind für die Hobbygärtner eher der Geschmack und ein einfacher Anbau wichtig. Unsere Kunden profitieren daher von der Forschung verschiedener Zuchthäuser, die Sorten mit verbesserten Eigenschaften in Gesundheit, Ertragsleistung und Steigerung gesundheitsförderlicher Inhaltsstoffe hervorbringen." Um einen ökologischen Anbau weitgehend ohne Pflanzenschutzmittel betreiben zu können, würden deshalb beispielsweise Pflanzen mit hohen Krankheitsresistenzen gezüchtet.

Kreuzung und Züchtung von Pflanzen Bei der Kreuzung von Pflanzen werden zwei genetisch verschiedene Pflanzen einer Art miteinander gepaart. Das passiert auf ganz natürlichem Weg, der Mensch kann aber gezielt eingreifen. Dazu bringen Züchter den Pollen einer bestimmten Elternpflanze auf den Fruchtknoten der anderen ausgewählten Elternpflanze. Die Samen, die dann entstehen, haben Eigenschaften von beiden Elternpflanzen. Durch gezielte Befruchtung der nächsten Generation können Züchter dann einige Merkmale entweder verschwinden lassen oder auch stärken. So können Pflanzen gezüchtet werden, die beispielsweise eine bestimmte Farbe haben oder kernlos sind – wie bei Melonen.

Die Züchtung geht auf eine Entdeckung des Mönchs Gregor Johann Mendel Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts werden seine Erkenntnisse gezielt genutzt, um Pflanzen zu züchten. Dadurch konnte beispielsweise der Ertrag von Nutzpflanzen deutlich gesteigert werden.

Kreislauf des Konsums: Neue Pflanzen, neues Saatgut

Krankheitsresistent, gesundheitsfördernd, hoher Ertrag – das klingt erst mal vielversprechend. Doch Landschaftsgärtnerin Antje Osterland vom Leipziger Verein Ökolöwe sieht spezielles Zucht-Saatgut eher kritisch: "Das Saatgut, das heute im Handel ist, ist überwiegend hybrides Saatgut. Viele dieser Sorten haben durchaus positive Eigenschaften und werden deshalb gerne von Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtnern genutzt. Dadurch, dass sie eine Art eingebauten Kopierschutz haben, kann man sie aber nicht vermehren."

Das heißt, die Samen aus der geernteten Frucht können Gärtner im nächsten Gartenjahr nicht einfach wieder in den Boden säen. "Nur das Hybridsaatgut hat die positiven Eigenschaften", erklärt die Expertin. "Bei der Folgegeneration splittet sich alles auf und es ist willkürlich, was dann wächst. Es kann sein, dass gar nichts wächst, die Pflanze keine Früchte trägt oder ganz andere Früchte hervorbringt. Man muss also jedes Jahr neues Saatgut kaufen."

Eine Frau mit grünem T-Shirt steht mit Korb in einem Garten
Antje Osterland ist im Leipziger Verein Ökolöwen verantwortlich für die Projekte 'Stadtgarten Connewitz' und 'Leipzig blüht auf'. Bildrechte: Ökolöwe - Umweltbund Leipzig e.V.

Samenfeste Sorten rücken wieder mehr in den Fokus

Wer kein Teil dieses Kreislaufs sein möchte, kann auf alte samenfeste Sorten zurückzugreifen. Die gibt es entweder im Internet oder vor Ort bei einigen Saatgut-Bauern zu kaufen. Aber auch kostenlose Saatgut-Tauschbörsen gibt es in vielen Orten – vor allem in Sachsen. Die Ökolöwen in Leipzig organisieren schon seit 2010 die jährliche Saatgut-Börse in der Stadt. "Das fing ganz klein an mit drei oder vier Tauschtischen und einer Handvoll Besucherinnen und Besuchern. 2019 waren dann Hunderte Leute da", erklärt Antje Osterland. Für dieses Jahr habe der Verein gemeinsam mit den Leipziger Bibliotheken eine Tauschaktion gestartet.

Sortierte Saatgut-Tütchen in einer Box
In Leipzig kann man Saatgut jetzt auch in der Bibliothek holen. Sechs Standorte machen mit. Im Stadtgarten Connewitz gibt es die Saatgut-Tütchen ebenfalls. Bildrechte: Ökolöwe - Umweltbund Leipzig e.V.

Tauschen statt kaufen - vor allem in Sachsen

Bis zum 15. März können an sieben Standorten in Leipzig alte Sorten getauscht und mitgenommen werden – so jedenfalls der Plan. Ökolöwin Osterland räumt aber ein: "Schon nach einem Tag kam aus drei Filialen die Rückmeldung, dass die Kisten leer sind. Inzwischen sind schon knapp 2.500 Saaten verteilt worden. Aber es gab auch Menschen, die ihr Saatgut mitgebracht haben." Das Tauschen funktioniere also. Man müsse nun aber schauen, ob die insgesamt 3.500 Saatguttütchen reichen werden.

Mehrere Saatgut-Bibliotheken im Aufbau

Wie in Chemnitz hat auch in Dresden bereits in der ersten März-Woche die Saatgut-Bibliothek geöffnet. Pünktlich zum Beginn der Saison können sich Garten-Begeisterte im 2. Stock der Zentralbibliothek Saatgut ausleihen. Im August 2020 startete die Aktion mit einem Aufruf, kostenloses Saatgut - entweder von alten Sorten oder von eigenen gesunden Pflanzen - in der Bibliothek abzugeben. Ziel war es, eine Saatgut-Bibliothek aufzubauen. Und das klappt nach Angaben der zuständigen Bibliothekarin Karin Schoppe ganz gut: "In diesem Jahr sind wir mit 800 Tüten gestartet – etwa 200 unterschiedliche Sorten haben wir im Angebot, von Kräutern über Gemüse bis zu Blumen."

Das Saatgut stammt von Hobbygärtnern, aber auch einem sächsischen Online-Shop für alte, samenfest Sorten, der Kooperationspartner der Aktion ist. Karin Schoppe weiß zu berichten, dass auch in Dresden das Interesse am Saatgut enorm ist: Immerhin hat in nur fünf Tagen schon rund die Hälfte der Tütchen aus der Abteilung Sach- und Fachliteratur der Zentralbibliothek den Besitzer gewechselt. Gemeinsam mit weiteren Kooperationspartnern plant die Bibliothekarin eine zusätzliche Tauschbörse Ende März in Dresden – und darüber hinaus mehrere Workshops rund um das Thema.

Woher bekomme ich samenfestes Saatgut?

Vor allem in Sachsen gibt es Tauschbörsen, wie in Leipzig, Dresden oder Leukersdorf.

Es funktioniert aber auch übers Internet: Diverse Gartenblogger organisieren zumeist im Herbst Tauschaktionen. Im Frühjahr kann man aber beispielsweise auch in Facebook-Gruppen fündig werden und sich vernetzen. Ansonsten lohnt auch der Besuch im nächstgelegenen Kleingartenverein. Hier tauschen und verschenken viele Parzellen-Pächter gerne ihre Samen und Pflanzen, wenn man nett fragt.

Saatgut vermehren - nur wie?

Dabei soll auch die Vermehrung von Saatgut eine Rolle spielen. Wie das gelingt, sollen Interessierte aus Dresden im Herbst lernen können. In Leipzig ist ein ähnlicher Workshop schon für den Sommer in Planung, berichtet Landschaftsgärtnerin Antje Osterland von den Ökolöwen. "Die Samengärtnerei ist in den letzten Jahrzehnten in Vergessenheit geraten. Da gehört schon auch ein bisschen Know-How dazu. Es kann deprimierend sein, wenn man einige Dinge nicht beachtet und dann kommt etwas ganz anderes raus." Erstaunlich sei, dass bis zu den 1920ern, als die Hybridzüchtung anfing, Saatgut kein Produkt war. Jeder habe es selber vermehren können und untereinander getauscht. Das sei eine beachtliche Entwicklung.

Alte Sorten – Was ist das? Mit dem Begriff "alte Sorten" sind naturbelassene, also nicht-hybride, und regionale Nutzpflanzen gemeint. Antje Osterland erklärt: "Früher hatte in bestimmten Landstrichen jeder Landwirt seine eigenen Haussorten und die waren dann auf den Boden, die Witterung und bestimmte Schadinsekten der Region angepasst." Es gab also vor rund 100 Jahren beispielsweise deutlich mehr unterschiedliche Gemüse einer Sorte im Angebot. Alleine in Sachsen-Anhalt mehr als 30 verschiedene Hafer-Sorten – vom Kleinwanzlebener Bördeweiß bis Strubes Schlanstedter. Alte Sorten wurden allerdings mit Beginn der Züchtungen nach und nach durch hybride Sorten ersetzt. Insgesamt, so schätzen Experten, sind in den vergangenen 100 Jahren weltweit 90 Prozent der Sorten verloren gegangen. Inzwischen gibt es eine Rote Liste gefährdeter einheimischer Nutzpflanzen.

Quelle: Ökolöwe - Umweltbund Leipzig e.V./Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung

Mehr Vielfalt in den Gärten sichern

Mit dem Angebot rund um alte Sorten möchte der Leipziger Verein langfristig für mehr Diversität im Garten und auf dem Balkon sorgen. Denn, so die Kritik vom Umweltverein: Wenn wir alle auf gezüchtetes Saatgut zurückgreifen, schränke das die Vielfalt in der Natur weiter ein. Experten schätzen, dass in den vergangenen 100 Jahren bereits 90 Prozent der Nutzpflanzen verloren gegangen sind – weltweit.

Landschaftsgärtnerin Osterland erklärt es so: "Auf den ersten Blick ist bei den klassischen Saatguttütchen eine Vielfalt da. Wenn man aber bei einer Pflanzenart nachschaut – zum Beispiel Gurke oder Tomate – sind da nie mehr als zehn verschiedene Sorten. Gerade bei der Tomate gibt es Tausende Sorten weltweit. Das fühlt sich nur wie Vielfalt an. Und das ist eigentlich bei allen Gemüsesorten so."

Blühende Wildblumen
Auch die Vielfalt naturbelassener Wildblumen sind für die Umwelt wichtig, sagen Experten. Denn für Insekten bildeten sie die Grundlage zum Überleben. Bildrechte: imago/TriAss

Sind alte Sorten die Zukunft?

Nun scheint es langsam eine Rückbesinnung zu geben – das lässt zumindest das gestiegene Interesse am Thema Saatgut vermuten. Ökolöwin Antje Osterland glaubt, dass dafür zwei Dinge ausschlaggebend sind: "Zum einen hat man Lust auf Vielfalt auf dem Teller – optisch und geschmacklich." Auf der anderen Seite beschäftigten sich immer mehr Menschen auch angesichts der Klimakrise mit dem Thema Saatgut. "Wenn man nur wenige Saatgutsorten hat, hat man nur einen kleinen Pool an Pflanzeneigenschaften zur Verfügung. Durch die Klimakrise gibt es aber krasse Veränderungen in den Wetterbedingungen, Schädlingen, etc." Es bräuchte deshalb einen breiten Pool an Sorten, der dann zur Verfügung steht. Alte Sorten könnten so auch die Lebensgrundlage für die Zukunft sein.

MDR (kp)

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