Sachsen Hotel- und Gastronomiebranche frustriert über zaghafte Lockdown-Lockerungen

Für Sachsens Tourismusbranche entwickelt sich die coronabedingte Zwangsschließung immer mehr zur unendlichen Geschichte. Auch beim jüngst beschlossenen Stufenplan zur Lockerung des Lockdowns haben sie das Nachsehen. "Wir als Hotel- und Gastronomiebranche werden mit als letztes geöffnet. Offensichtlich sind wir nicht so entscheidend wie Baumärkte und Blumenläden. Ich empfinde das als unbefriedigend und frustrierend", sagte der Inhaber und Geschäftsführer des "Elldus Ressort" in Oberwiesenthal, Jens Ellinger. 

Außengastro mit Heizpilzen stößt auf wenig Gegenliebe

Jens Ellinger ist zu sehen. Chef des Elldus Resort in Oberwiesenthal und Vizechef von Dehoga Sachsen.
Jens Ellinger (62) betriebt das "Elldus Resort" in Oberwiesenthal mit seinen 120 Apartments und 380 Betten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch die Aussicht, ab 22. März zumindest die Außengastronomie wieder betreiben zu können, macht ihm nach vier Monaten staatlich verordneter Schließung wenig Hoffnung. "Ende März die Außengastronomie zu öffnen, ist schwierig. So viele Heizpilze kann man doch gar nicht aufstellen, damit sich die Gäste wohlfühlen", so Ellinger. Am meisten ärgert den erfahrenen Hotelier, der außerdem sächsischer Dehoga-Vizepräsident ist, dass die Vorschläge von ihm und seinen Kollegen nicht gehört werden.

"Für Politiker zählt nur, was die Wissenschaftler sagen. Sie sprechen zu wenig mit uns Praktikern." Dehoga und IHK seien gemeinsam mit weiteren Partner nicht untätig gewesen und hätten bereits im Januar ein Neustart-Tourismuskonzept erarbeitet. "Es gab ein Stufenprogramm, mit dem wir bei einem Inzidenzwert zwischen 100 und 50 hätten öffnen können." In dem Konzept habe man neben dem Inzidenzwert zum Beispiel auch andere Kriterien wie die Positivrate aufgenommen. Diese bezeichne den Anteil der positiven Corona-Befunde an der Gesamtzahl der Tests, so Ellinger.

Pilotprojekte machen Hoffnung

"Nur die Inzidenz allein ist schwierig. Wir haben in Oberwiesenthal 2.100 Einwohner. Wenn lediglich zwei Corona-Fälle im Ort auftreten, sind wir schon bei einer Inzidenz von 96", gibt Ellinger zu bedenken. Nachdem die Vorschläge seines Verbandes bisher nicht berücksichtigt worden sind, kommt nun zumindest Bewegung in die Sache.

"In Augustusburg und in Oberwiesenthal gibt es nun Pilotprojekte. Diese dürfen wir jetzt umsetzen", sagte der Hotelchef und erklärte die Einzelheiten: "Es wird im Ort ein zentrales Test-Center etabliert. Dort werden beispielsweise meine Mitarbeiter alle drei bis vier Tage getestet. Gleichzeitig bringen die Hotelgäste einen Nachweis über einen negativen Corona-Test mit", sagte Ellinger. 

Verlust der Hauptsaison nicht kompensierbar

Ein Mann im mittleren Alter schaut lächelnd in die Kamera.
Lars Schwarz (43) ist Dehoga-Präsdent von Mecklenburg-Vorpommern. Bildrechte: Dehoga Mecklenbug-Vorpommern

Die bisher angefallenen Verluste kann der Hotelier trotzdem kaum noch aufholen. "Wir machen im Winter 60 Prozent des Umsatzes. Die Hauptsaison ist schon mal weg. Natürlich hoffen wir, dass sich im Sommer der Inlandstourismus wieder gut entwickelt." Schwierig sei jedoch, dass in der Branche die Fachkräfte wegliefen, weil nicht klar sei, wann es weiteregehe, sagte der Chef von 100 Mitarbeitern. 

Ähnliche Probleme gibt es auch in Sachsens liebster Urlaubsregion - an der Ostsee. "Die Unsicherheit ist problematisch. Wenn wir wüssten, dass wir Ostern starten dürfen, könnten wir die Mitarbeiter aus der Kurzarbeit holen und die Osterdeko vorbereiten", sagte der Dehoga-Präsident von Mecklenburg-Vorpommern, Lars Schwarz, dem in Gnoien ein kleines Hotel mit 20 Zimmern gehört.  

Vermehrt Gedanken über Betriebsschließungen

Für den Tourismus in seinem Bundesland sieht er schwere Zeiten aufziehen. "In einer Umfrage hat ein Drittel der Gastro- und Hotelbranche in Mecklenburg-Vorpommern mitgeteilt, dass es sich jetzt schon aktiv Gedanken über eine Betriebsschließung macht."

Auch ein guter Sommer könne die Verluste kaum noch mildern. "Das hängt damit zusammen, dass wir im Sommer ohnehin ausgebucht sind. Zusätzliche Einnahmen können wir nur in der Vor- und Nachsaison generieren", sagte Schwarz und fügte an: "Wir wollen nicht auf den Staat angewiesen sein, aber dazu muss man uns auch lassen." 

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR FERNSEHEN | 08.03.2021 | 22:10 Uhr

5 Kommentare

DermbacherIn vor 31 Wochen

Dieses Interview auf Phönix fand ich spannend:

https://www.ardmediathek.de/phoenix/video/corona-nachgehakt/gibt-es-eine-alternative-zum-lockdown/phoenix/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTIxMmQ2MDE1LTc1NTctNDUzOS05NzZlLWQ5NGJlMmNlNWY4OA/

In Deutschland starben je nach Bundesland zwischen 50 und 75 Prozent in den Pflegeheimen.
Professor Detlev Krüger deutet es vorsichtig an:
Statt Millionen die Existenzgrundlage zu rauben und sie dann staatlich zu alimentieren, hätte es vermutlich gereicht, einen Bruchteil der Summe in Personal und Infrastruktur in die Alten- und Pflegeheime zu investieren.
Besonders vulnerable Gruppen geschützt (nicht, weggesperrt) - alle anderen führen ihr normales Leben weiter, waschen sich öfters die Hände und halten etwas mehr Abstand.

DermbacherIn vor 31 Wochen

Nicht der Staat kapituliert, sondern die derzeitige Bundesregierung. Sie hat in jeglicher Hinsicht bei der Bekämpfung der Pandemie versagt. Dass die Regierung in 2020 mehr Glück als Verstand hatte, beweist sie jetzt. Wären nicht im September Wahlen müsste man den Rücktritt der gesamten Regierung und Neuwahlen fordern.

Critica vor 31 Wochen

Macht einfach auf. Wenn das Volk nicht entscheidet, warten wir, bis sich der aller-allerletzte Politiker auch noch "die Taschen vollgehauen hat". Mit Corona scheint das gut zu funktionieren. :)

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