Bildung in der Pandemie Eltern und Schüler fordern langfristige Strategie für Schulen

In einer Onlinediskussion mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Kultusminister Christian Piwarz forderten Eltern, Schülerinnen und Schüler eine Strategie zur langfristigen Öffnung der Schulen im Freistaat. Das ewige Auf und Ab demotiviere Schüler und Eltern enorm.

Schüler beobachten vor einem Gymnasium ihre Klassenkameraden durch das Fenster.
Ist da jemand? Schüler, Schülerinnen und Eltern fordern eine langfristige Strategie zur Öffnung der Schulen. Bildrechte: dpa

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Kultusminister Christian Piwarz (CDU) stellen sich in einer Online-Diskussion den Fragen von Eltern, Schülerinnen und Schülern sowie Vertretern der Lokalpolitik. "Pro Woche Schulbetrieb brauchen wir rund 1,2 Millionen Tests", erklärte Piwarz zum Auftakt der Diskussion. Ziel sei es, die Schulen ab dem 12. April mit Selbsttests wieder zu öffnen. Die Selbsttests seien eine gute Lösung, die "völlig unproblematisch" sind. Piwarz verwies auf die skeptische Stimmung bei den Tests, das mache die Situation nicht einfacher.

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz
Sachsens Kultusminister Piwarz hält die Corona-Tests in Schulen für einen gangbaren Weg, um die Einrichtungen dauerhaft wieder öffnen zu können. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Mediziner Thomas Grünewald vom Klinikum Chemnitz erklärte zur Einordnung: "Wir erleben die zweitschwerwiegendste Pandemie, die wir in den letzten 140 Jahren hatten." Jeder 500. Mensch in Sachsen sei an einer Corona-Erkrankung gestorben. Aktuell sei eine besorgniserregende Dynamik zu erleben. "Die Fälle sind massiv von 60 auf 98 Fällen innerhalb von fünf Arbeitstagen gestiegen. Mittlerweile liege das Durchschnittsalter bei 58 Jahren.

Emotionale Szenen

Teilweise kam es zu emotionalen Szenen. "Für uns ist es eine Frage von Prioritäten. Kinder dürfen in den Baumarkt, zum Frisör und nach Mallorca fliegen – doch nicht in die Schule. Hier sind die Prioritäten falsch gesetzt", erklärte eine Mutter fast unter Tränen.  

Unverständnis äußerte auch Nadine Eichhorn vom Kreiselternrat Meißen: "Mein Kind hat seit Mitte Dezember keine Schule mehr von innen gewesen", erklärte die Mutter. "Wir wollen sichere Schulen." Kein Elternteil möchte die Gesundheitsversorgung gefährden. "Doch wir brauchen eine langfristige Strategie, es muss agiert und nicht nur reagiert werden."

Ein Hinweis zur Abstandshaltung
Wie kann es an den Schulen weitergehen? Das ist die große Frage. Bildrechte: dpa

Wie hoch werden die Inzidenzen bewertet?

Ähnliche Kritik kam von einer anderen Mutter, die eine Petition zur Öffnung der Schulen gestartet hatte. "Ich finde es schrecklich, dass wir nach einem halben Jahr nicht weitergekommen sind, als nur auf die Inzidenz zu schauen", erklärte sie. Vermehrte Tests würden automatisch zu mehr Fällen führen. "Ich rege an, mit Testquoten zu arbeiten." Nach einem Jahr gebe es noch kein Konzept, das ewige Auf und Ab demotiviere Schüler und Eltern enorm.

Ein ungenutztes Klassenzimmer der Sekundarschule Karl Marx
Der Wechsel zwischen geöffneten und geschlossenen Schulen demotiviere die Schülerinnen und Schüler und sei schwer zu vermitteln, monierten viele Stimmen in der Online-Diskussion. Bildrechte: dpa

Kretschmer erklärte: "Es stimmt nicht, dass wir nichts erreicht haben." In den vergangenen Sommermonaten sei die Zahl der Fälle niedrig gewesen. Die hohe Dynamik durch die Mutanten habe die Situation jedoch verändert. "Wir haben es fast mit einer neuen Pandemie zu tun."

Die Inzidenz allein muss uns nicht erschüttern, trotzdem bleibt die Zahl eine entscheidende Größe im Umgang mit der Pandemie.

Michael Kretschmer Ministerpräsident Sachsen

Rückhalt in Sachen Inzidenz bekam Kretschmer vom Arzt Grünewald aus Chemnitz. "Zahlen sind mir egal, ich betrachte vor allem die Dynamiken von Infektionen", erklärte Grünewald, der auch Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission ist. "Ich verstehe überhaupt nicht die Diskussion, warum Kinder nicht mit Maske im Unterricht sitzen können. Kinder würden oft viel leichter mit der Pandemie umgehen, als die Erwachsenen. "Wir müssen alle Kompromisse eingehen und an einem Strang ziehen", erklärte Grünewald.

Auch Landesschülerrat fordert Strategie

Der Landesschülerrat forderte einen gestuften Schulöffnungsplan. "In allen Klassenstufen wünschen sich Schülerinnen und Schüler Präsenzunterricht", sagte Kesicka. Nicht alle verfügten über gutes Internet und die nötige Technik um digitalen Unterricht wahrzunehmen. "Teilweise Planlosigkeit" habe neben den schwierigen Lernbedingungen zu einer großen Unsicherheit geführt. Laut Kesicka könnte ein gestufter Plan eine qualitativ hochwertige und sichere Öffnung gewährleisten. Grundsätzlich sei auch zu überlegen, ob Kitas von Schulen abgekoppelt werden. "Das ist nicht das Gleiche." Einfachere Sprache sorge zudem für mehr Verständlichkeit.

Bislang zu geringe Testbereitschaft bei Schülern

Oliver Sachsze, ebenfalls vom Schülerrat, räumte ein: "Die Quote der Schülerinnen und Schüler, die sich freiwillig testen wollen, ist bislang zu gering." Ähnlich zurückhaltend sei der Umgang mit Masken. "Ich persönlich würde lieber eine Maske tragen und in die Schule gehen, als zu Hause vor dem Bildschirm zu sitzen", erklärte Sachsze.  

Was macht die Pandemie mit den Kindern?

Bei den Wortmeldungen der Eltern klangen teilweise große Sorgen um ihre Kinder hervor: "Ich habe ein bisschen die Bedenken, dass vergessen wird, was die Pandemie mit uns macht", sagte eine Mutter. "Geht es nicht auch darum, die Kinder und die Eltern zu schützen?" Im Rückblick auf die vergangenen Monate gestand Kretschmer Versäumnisse ein: "Wir haben in Teilen zu spät reagiert", erklärte der sächsische Ministerpräsident. "Wir haben im vergangenen Dezember eine Überforderung des Gesundheitssystems erlebt, das darf sich nicht wiederholen."

Verständnis für Eltern

Kultusminister Piwarz verwies auf Schulstudien. "Wir haben versucht, die Folgen für Kinder im Blick zu behalten", erklärte Piwarz. So habe die Zahl der Kinder mit Übergewicht stark zugenommen. Piwarz erklärte Verständnis für Sorgen der Eltern. "Wir sind immer versucht, den Bildungsbereich zu öffnen." Man müsse aber berücksichtigen, dass bei einer Öffnung gleich wieder mehrere hunderttausend Menschen in Sachsen unterwegs seien. "Das ist nicht leicht auszusteuern."

Verdopplung der Intensivpatienten

Nach Aussagen des Chemnitzer Klinikchefs Dirk Balster hat sich die Zahl der Corona Fälle immens erhöht. "Wir haben eine Verdopplung der Intensivpatienten binnen einer Woche erleben müssen", erklärte er. Mittlerweile sei die Corona-Mutation aus Großbritannien der Normalfall. Er plädiere deshalb zur Umsicht im Umgang mit dem Virus. Ministerpräsident Kretschmer setzt jetzt auf eine Strategie mit vermehrten Tests: "Komplette Kontaktvermeidung halten wir nicht mehr aus, das geht nicht." Bildung habe Priorität, deswegen ist ja auch geöffnet worden. "Wenn man zwei Mal in der Woche testet, ist das ein riesiger Beitrag."

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 24. März 2021 | 07:00 Uhr

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