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Die Schüler dieser Klasse der 100. Schule in Leipzig kommen aus der Ukraine, Tschetschenien, Georgien und Syrien. Bildrechte: MDR/Astrid Wulf

Bildung und MigrationIn Sachsen rund 2.300 zugewanderte Kinder und Jugendliche ohne Schulplatz

14. Juni 2024, 05:00 Uhr

In die Schule gehen wollen und nicht können, das ist die Realität für hunderte zugewanderte Kinder und Jugendliche in Sachsen. Viele kommen aus der Ukraine. Die Plätze in speziellen Deutschklassen, die auf den Regelunterricht vorbereiten, reichen nicht aus. Laut der Abfrage eines fraktionslosen Landtagsabgeordneten beim Kultusministerium waren es im April rund 2.300 Kinder. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft geht von einer deutlich höheren Zahl aus.

Etwa 20 Kinder applaudieren ihrer Mitschülerin. Die Viertklässlerin hat gerade anhand eines selbstgemalten Plakats Griechenland und seine Essenstraditionen vorgestellt. Jetzt ist der nächste dran: "Ich möchte Portugal vorstellen…"

Die Wände im Klassenraum sind gelb, überall hängen bunte Plakate mit Wörtern oder Bildern. Eine Leine mit Fahnen vieler Länder durchquert den Klassenraum. Die Schüler dieser Klasse der 100. Schule in Leipzig kommen aus der Ukraine, Tschetschenien, Georgien und Syrien. Im Vordergrund steht das Deutsch sprechen. Immer wieder ermuntert die Lehrerin, die selbst aus Georgien stammt, die Kinder. "Das hast Du super gemacht!"

Große Nachfrage bei Vorbereitungsklassen

Der Bedarf an Schulplätzen für Kinder aus zugewanderten Familien ist groß. Das ganze Jahr hindurch melden sich Eltern bei der Schule, erzählt Grit Trepte, stellvertretende Schulleiterin. "Wir haben wöchentlich so ein bis drei Anfragen. Entweder steht jemand vor der Tür oder es gibt eine E-Mail oder wie bekommen einen Anruf. Das sind die Anfragen, die selber von Familien, Nachbarn oder Bekannten kommen."

Außerdem melde sich einmal die Woche auch das Schulamt und möchte weitere Schüler vor allem in den sogenannten Vorbereitungsklassen unterbringen. In diesen geht es erstmal um das Deutsch lernen, bevor die Kinder in Regelklassen mitlernen. Trepte sagt, sie versuchten alle Kinder aus einem angemessenem Umkreis unterzubringen, doch irgendwann seien die Klassen voll.

Rund 2.300 Kinder warten auf Schulplatz

Sachsenweit warten laut Kultusministerium aktuell rund 2.300 Kinder und Jugendliche auf einen Schulplatz. Rund zwei Drittel davon lebten in den Ballungszentren Dresden, Leipzig und Chemnitz.

Jana Rogozkina vom Migrantinnen- und Migrantenbeirat der Stadt Leipzig hat laufend Kontakt mit betroffenen Familien. "Es sind die Eltern, die leiden. Die sehen, wie ihre Kinder vielleicht auch Rückschritte machen von erworbenen Fähigkeiten. Es sind die Kinder selbst, die keinen Anschluss haben und nur an das häusliche Umfeld gebunden sind. Aus sprachlicher Sicht ist jede verlorene Minute, die nicht beschult ist, einfach ein katastrophaler Verlust für die Kinder."

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert Kultusministerium

Das sächsische Kultusministerium hat das Thema schon länger auf dem Schirm. Minister Piwarz wollte sich auf Anfrage dazu nicht äußern.

In Sachsen haben rund 2.300 Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund keinen Platz in einer Schule. Bildrechte: MDR/Astrid Wulf

Das Ministerium teilt aber schriftlich mit, es werde bereits viel getan: unter anderem größere Klassen, Einstellungen von ukrainischen Lehrkräften und mehr Möglichkeiten zur Ausbildung im Bereich Deutsch als Zweitsprache, kurz DaZ.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wirft dem Land vor, das Thema seit 2015 verschlafen und zu spät gehandelt zu haben. Sachsens stellvertretende Vorsitzende Claudia Maaß sagt: "Alles ist besser als alleine zu Hause zu sitzen und ohne Kontakt. Das würde vielleicht auch in Klassen gehen, wo jetzt nicht gleich eine DaZ-Lehrkraft da ist und da kann man auch unterstützen durch den Austausch mit Kindern und Jugendlichen. Die würden auch so viel lernen."

Trotz angespannter Lage sei es seit März gelungen mehr als 500 Kinder unterzubringen, heißt es aus Sachsens Kultusministerium. Dort geht man davon aus, dass die Zahlen weiterhin hoch bleiben oder steigen, da ein Ende der Zuwanderung nicht abzusehen ist.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 14. Juni 2024 | 06:09 Uhr