Pandemiebedingter Unterrichtsausfall Droht Sachsen eine Nichtschwimmer-Welle?

In der 2. Klasse sollen Grundschüler laut Lehrplan schwimmen lernen. Die Corona-Pandemie hat nun schon das zweite Jahr in Folge den Sportunterricht durcheinander gewirbelt. Schwimmen ist vielerorts ganz ausgefallen. Das kann man nicht einfach ignorieren, sagen Sportlehrer und Lebensretter. Und sie legen Vorschläge auf den Tisch. Die Stadt Aue-Bad Schlema hat bereits ein fertiges Konzept.

Kinder beim Schwimmunterricht.
Sachsens Grundschüler haben in der 2. Klasse Schwimmunterricht. Normalerweise. Wegen Corona sind die Kurse vielerorts vorzeitig abgebrochen worden oder konnten gar nicht stattfinden (Symbolfoto). Bildrechte: dpa

Mit "Bauchschmerzen" bewertet der sächsische Sportlehrerverband den coronabedingten Ausfall des Schwimmunterrichts der 2. Klassen. "Wir haben praktisch den zweiten Jahrgang in Sachsen, der keinen oder fast keinen Schwimmunterricht mehr hatte", sagt der Vizepräsident des sächsischen Sportlehrerverbandes, Paul Döring. Er verlangt, dass sich das Sächsische Landesamt für Schule und Bildung (LaSuB), die Bäderämter der Kommunen und Verbände zusammensetzen und gemeinsam Lösungen finden.

Aue-Bad Schlema: Schwimmlager als freiwillige Nachhilfe

Dem ist die Stadt Aue-Bad Schlema zuvorgekommen. Sie plant als Nachhilfe im Schwimmunterricht für Zweitklässler Schwimmlager. Die Kommune will die freiwilligen Kompaktkurse in den Sommer- und Herbstferien organisieren, kündigte Sprecherin Jana Hecker an. "Es ist sehr wichtig, dass die Kinder schwimmen lernen. Jeder sollte sein eigenes Leben im Wasser retten können oder sich zumindest 15 Minuten lang über Wasser halten können, bis Hilfe eintrifft", sagt sie.

ein Freibad mit langer, leuchtend blauer Wasserfläche liegt im Grünen still da. Es ist die Schwimmfläche des Auerhammer oder Langbads in der Stadt Aue-Bad Schlema im Sommer 2020.
Im Freibad Auerhammer, auch als "Langbad" bekannt, haben innerhalb von 85 Jahren seines Bestehens Generationen von Kindern schwimmen gelernt. Im Sommer sollen hier Grundschüler der Stadt Aue-Bad Schlema freiwillig Schwimmlager besuchen können. Bildrechte: Große Kreistadt Aue-Bad Schlema/Jana Hecker

Die Stunden sollen mit ausgewählten Schwimmlehrern im Freibad Auerhammer, auch als "Langbad" bekannt, stattfinden. 280 Kinder der Grundschulen von Lößnitz, Lauter, Bernsbach und Aue-Bad Schlema können sich anmelden. "Wir hoffen sehr, dass wir mit Hygieneplan im Sommer das Freibad öffnen dürfen", sagte Stadtsprecherin Hecker. Die erste Resonanz im LaSuB Chemnitz dazu sei positiv gewesen.

Sportlehrerverband: Freiwillige Angebote reichen nicht

Kinder beim Schwimmunterricht.
Bildrechte: dpa

Solche Schwimmlager befürwortet auch der Sportlehrerverband. Aber: "Die werden nicht genügen. Man erreicht mit freiwilligen Angeboten auch nicht alle, vor allem nicht die Kinder, die familiär wenig Unterstützung bekommen", sagt Sportlehrer und Verbandsvize Döring. Noch lieber wäre es ihm, wenn ausgefallene Schwimmstunden verpflichtend während des Schuljahres nachgeholt würden - beispielsweise mit Kompaktwochen in öffentlichen Schwimmbädern, immer zu festen Zeiten vormittags oder nachmittags.

Das ginge dann zwar auf Kosten von Öfffnungszeiten der Hallen, wenn Stunden für Schulklassen geblockt würden. "Sicher werden dann Freizeitsportler aufschreien, aber der Schwimmunterricht für Kinder sollte Priorität haben", meint Sportlehrer Döring. Er verweist auf die Einschätzung des Kultusministeriums zur Notwendigkeit des Schwimmens:.

Schwimmen ist ein unverzichtbares, nicht austauschbares Erfahrungsfeld im Entwicklungsprozess eines jeden Menschen. (...) Der Lernbereich Schwimmen wird in der Regel ganzjährig in Klassenstufe 2 unterrichtet.

Sächsisches Kultusministerium Lehrplan Grundschule Sport

Vorschläge des sächsischen Sportlehrerverbands

  • Absprache der Schulaufsicht/LaSuB mit Schulschwimmzentren, DLRG, Sportlehrerverband und Bäderämtern, wie Nachhol-Kurse personell, zeitlich und in welchen Bädern organisiert werden können
  • bei Planung regionale Kapazitäten und weitere Wege zu Schwimmhallen/Bädern im ländlichen Raum beachten
  • Schulen sollten auch für höhere Klassen (5. bis 8. Klassen) Schwimmunterricht beantragen, damit der Bedarf erkannt wird
  • Thema im Sportausschuss des Sächsisches Landtags aufgreifen

Das Problem erledigt sich nicht von allein. Es wächst von Woche zu Woche. Wir schieben die Welle immer weiter vor uns her.

Paul Döring Vizepräsident sächsischer Sportlehrerverband

Ertrunkene in Sachsen und bundesweit

Laut Wasserwacht des DRK sind im vorigen Jahr 13 Menschen in Sachsen ertrunken. 2019 waren es 19 und davor im Jahr 2018 sachsenweit 22 Ertrunkene. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) hat 2020 bundesweit mindestens 329 Ertrunkene gezählt. Weil viele Schwimmbäder coronabedingt geschlossen hatten, hätten sich viele Menschen Bade-Alternativen im Freien gesucht. Unfallschwerpunkte waren auch 2020 "nach wie vor Seen und Flüsse", resümiert die DLRG.

Hier sehen Sie die Anzahl der Badetoten in den vergangenen 90 Jahren im Vergleich:

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 06. April 2021 | 06:39 Uhr

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