Impfungen für Kinder ab zwölf Jahre Infektiologe Grünewald: "Weitere Waffe gegen die Pandemie"

Kinder können bereits ab zwölf Jahren gegen Sars-Cov-2 geimpft werden. Dies empfiehlt die Sächsische Impfkommission. Deren Vorsitzender Thomas Grünewald erklärt im MDR-Interview, warum das trotz vieler milder Krankheitsverläufe bei Kindern sinnvoll ist.

Die Gesundheitsminister der Länder haben beschlossen, dass es ein Impfangebot für Kinder im Alter von zwölf bis 15 Jahren geben soll. Wie sehen Sie das?

Thomas Grünewald: Das ist völlig in Ordnung. Ich denke, Empfehlungen sollten Fachgesellschaften oder Fachleute machen, wie die Impfkommission, wie wir sie hier in Sachsen haben, aber auch die Ständige Impfkommission (Stiko) in Berlin.

Dr. Thomas Grünewald
Dr. Thomas Grünewald ist Vorsitzender der Siko und Leiter der Klinik für Infektiologie und Tropenmedizin in Chemnitz. Bildrechte: MDR/Hauptsache Gesund

Sie und die Sächsische Impfkommission haben diese ebenfalls bereits herausgegeben. Was hat Sie dazu bewogen?

Thomas Grünewald: Wir sind gar nicht soweit entfernt. Die Stiko sagt ja auch zurecht: Man kann Kinder zwischen zwölf und 15 Jahren impfen. Die Zulassung ist da und auf Wunsch und mit Aufklärung der Eltern kann man das gut machen. Wir sind insofern einen Schritt weitergegangen, dass wir gesagt haben: Wir empfehlen die Impfung. Denn die jetzt die neu vorhandenen Sicherheitsdaten aus den USA und aus Israel sind sehr, sehr gut. Die sprechen auch für einen individuellen Nutzen im Vergleich zum individuellen Risiko.

Wir empfehlen die Impfung. Denn die jetzt die neu vorhandenen Sicherheitsdaten aus den USA und aus Israel sind sehr, sehr gut.

Thomas Grünewald, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission (Siko)

Sind Sie da jetzt einfach schneller gewesen als die Ständige Impfkommission. Oder haben Sie tatsächlich da verschiedene Beurteilung?

Thomas Grünewald: Es gibt ja nicht nur einen wie Königsweg, sondern es gibt durchaus mehrere Wege, die nach Rom führen. Wir haben immer relativ viele Rückfragen der niedergelassenen Hausärzte und auch Kinderärzte bekommen. Die haben gefragt: Wann gibt es denn eine richtige Empfehlung? Deswegen waren wir relativ zügig, als die Daten da waren. Ohne diese konnten wir keine generelle Empfehlung geben.

Herr Mertens hat kürzlich den Kollegen beim Radio gesagt, dass dieses Vorgehen möglicherweise mehr Verunsicherung schaffen könnte. Können Sie das nachvollziehen?

Thomas Grünewald: Es ist natürlich so, jede Äußerung, die jemand im Rahmen der Corona Pandemie tätigt, kann aufgeschnappt werden und kann Probleme schaffen. Das ist richtig. Auf der anderen Seite richten sich unsere Empfehlungen an Fachleute, genauso wie die Stiko-Empfehlungen. Ich denke, die Fachleute können damit umgehen. Wir haben eher das Problem, das eine ganze Menge Hassmails kommen und da kommt wenig Substanzielles. Was auffällt, ist, dass die meisten, die sich über die Empfehlungen beklagen, die Empfehlungen gar nicht selber gelesen haben. Das ist auch etwas, was sehr erschreckend ist.

Was auffällt, ist, dass die meisten, die sich über die Empfehlungen beklagen, die Empfehlungen gar nicht selber gelesen haben.

Thomas Grünewald, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission (Siko)

Wie wichtig ist das Impfen dieser jungen Altersgruppe im Hinblick auf das gesamte Pandemiegeschehen?

Thomas Grünewald: Es ist ein kleiner Baustein. Unsere Impfempfehlungen sind ja nicht nur für die Kinder gegeben worden, sondern wir haben ja ein großes Update gemacht. Wir versuchen, ein Gesamtpaket zu schnüren, wo die impfenden Kolleginnen und Kollegen wirklich sicher sein können, dass sie möglichst viele erreichen, die wir zur Bekämpfung der Pandemie auch brauchen.

Nun liegt insbesondere Sachsen bei den Impfungen recht weit hinten. Können Sie sagen, woran das liegt und wie sich das vielleicht künftig ändern lässt?

Thomas Grünewald: Also, ich glaube, es gibt immer mehrere Dinge, die da eine Rolle spielen. Nummer eins, das sind die Signale, die ausgesandt worden sind. Denken Sie an die Fußball-Europameisterschaft. 60.000 Leute sitzen nebeneinander – ohne Maske. Passiert schon nichts Schlimmes.

Eine andere Sache: Wir haben derzeit in Sachsen – ich sage das aus gutem Grund – noch sehr, sehr niedrige Inzidenzzahlen. Wir haben wenig Belastung der Krankenhäuser, und das führt zu einer falschen Sicherheit. Wir haben die gleiche Situation wie im letzten Jahr im Sommer. Kurz nach den Ferien kamen die Reiserückkehrer. Die haben die ersten Infektionen mit in die Familien getragen. Und dann hatten wir doch zunehmend mehr an Infektionsfällen. Es wiederholt sich nun. Ich glaube, diese falsch verstandene Sicherheit ist hier sehr, sehr groß.

Ich glaube, diese falsch verstandene Sicherheit ist hier sehr, sehr groß.

Thomas Grünewald, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission (Siko)

Dazu kommt noch eine allgemeine Skepsis von vielen Menschen gegenüber den Empfehlungen von Fachleuten. Wir haben hier tatsächlich hier ein großes Problem mit der Frage: Wem glaube ich denn? Das ist nicht zuletzt auch eine Tatsache, die dazu führt, dass wir eine schlechte Durchimpfungsrate haben.

Da kommen so einige Dinge zusammen. Ich bin leider auch sehr, sehr frustriert. Ich hoffe, wir können vernünftige Angebote machen, dass die Impfung besser angenommen wird. Für mich ist immer noch das Wichtigste, das Überzeugen und das Erklären, warum die Impfung sinnvoll und gut ist. Und das ist eigentlich für mich der der goldene Weg.

Für mich ist immer noch das Wichtigste, das Überzeugen und das Erklären, warum die Impfung sinnvoll und gut ist.

Thomas Grünewald, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission (Siko)

Wie würden Sie die Eltern überzeugen, dass das Impfen ihrer Kinder ab zwölf Jahren sinnvoll ist?

Thomas Grünewald: Auf eine Million Impfungen verhindern wir 10.000 Krankenhausaufenthalte. Das ist Nummer eins. Die zweite Sache ist das Risiko. Wir haben Kinder, die Long-Covid kriegen. Wenn man das gegeneinander abwägt, dann kann man ganz klar sagen: Da haben die Kinder mehr von der Impfung, als dass die Impfung ihnen Probleme macht. Auch wenn die Sars-CoV-2-Infektion bei Kindern in der Regel sehr, sehr milde verläuft, gibt es nichtsdestotrotz schwere Verläufe. Es gibt eben das PIMS-Syndrom, bei dem wir nicht wissen, wie die Kinder das bekommen.

Außerdem gibt es noch den Kollateraleffekt. Es gibt mit der Impfung deutlich mehr Möglichkeiten. Wir wollen die Schulen offen haben. Wir wollen Infektionscluster bei den Kindern vermeiden: Die können wir nur vermeiden, wenn wir einen entsprechenden Schutz haben. Dazu gehören die Hygienemaßnahmen. Aber dazu gehört eben auch die Impfung. Als weitere Waffe in unserem Köcher.

Da haben die Kinder mehr von der Impfung, als dass die Impfung ihnen Probleme macht.

Thomas Grünewald, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission (Siko)

Quelle: MDR AKTUELL

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 02. August 2021 | 18:00 Uhr

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