Fehlende Arbeitskräfte Ein Drittel der Erwerbstätigen im Osten geht in 15 Jahren in Rente

Ostdeutschland gehen die Arbeitskräfte aus. Ein Drittel aller Erwerbstätigen steht 15 Jahre vor der Rente – auch in Sachsen. Während in den Großstädten Nachwuchs in Sicht ist, sieht es auf dem Land mau aus. "Dieser Aspekt des Strukturwandels wird unterschätzt", erklärt Tim Leibert, Wissenschaftler am Leipziger Institut für Länderkunde (IfL), im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Zwei Rentner sitzen auf einer Bank
Zwei von fünf Sachsen verabschieden sich in den nächsten 15 Jahren in Rente - das kann besonders auf dem Land zu einem gravierenden Fachkräftemangel führen. Bildrechte: dpa

Der demografische Wandel spiegelt sich immer deutlicher in der Altersstruktur der Erwerbstätigen wider: Knapp 40 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Ostdeutschland und damit auch in Sachsen sind heute über 50 Jahre und gehen damit spätestens in 15 Jahren in Rente. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Länderkunde (IfL) in Leipzig.

Autor der Studie ist Tim Leibert. Im Gespräch mit MDR SACHSEN erklärt der Wissenschaftler, in den westlichen Bundesländern liege der Anteil der über 50-jährigen Arbeitnehmer zehn Prozent niedriger, bei durchschnittlich etwa 30 Prozent. Im Osten ähnelten sich die Zahlen mit 38 bis 40 Prozent in jedem Bundesland.

Es ist abzusehen, dass ein bedeutender Anteil der durch Verrentung freiwerdenden Stellen nicht besetzt werden kann. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels warnen manche Experten sogar von einer zweiten Deindustrialisierung in Ostdeutschland.

Tim Leibert Institut für Länderkunde (IfL) Leipzig

Lichtblicke in den Städten

Der Studie zufolge ist die Situation in den Städten viel weniger gravierend als auf dem Land. "In Leipzig ist die Situation erheblich besser", erklärte Leibert. Hier würden sich im Vergleich zum Durchschnitt nur 34 Prozent der Erwerbstätigen bald in Rente verabschieden. Zudem gebe es viel mehr Nachwuchs.

Die Stadt Leipzig zieht junge Erwerbstätige an, ebenso wie Dresden. Die Städte sorgen hier für eine gewisse Verjüngung.

Tim Leibert Institut für Länderkunde (IfL) Leipzig

In Dresden sind der Studie zufolge insgesamt 36 Prozent der Erwerbstätigen über 50 Jahre alt und damit bald "rentenreif". In Chemnitz haben 39 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bereits ihren 50. Geburtstag gefeiert.

Das Neue Rathaus der Stadt Leipzig mit dem Sitz des Oberbürgermeisters, aufgenommen 04.06.2014 in Leipzig (Sachsen).
In Leipzig ist der Anteil der zukünftigen Rentner geringer als im ländlichen Raum. Bildrechte: dpa

Wenig Nachwuchskräfte auf dem Land

Problematisch schätzt Leibert vor allem die Altersstruktur abseits der Großstädte ein. "Der Anteil der unter 30-jährigen Beschäftigten ist in Ostdeutschland besonders niedrig", erklärte der Wissenschaftler. Er rangiere mehr als zehn Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Besonders eklatant sei die Situation auf dem Land. Hier kämpften bereits jetzt viele Regionen mit Fachkräftemangel. Dieser werde sich noch weiter zuspitzen.

Es gehen viele in Rente, es kommen wenig Leute hinterher. Der Fachkräftemangel, besonders auf dem Land, wird sich noch weiter zuspitzen.

Tim Leibert Institut für Länderkunde (IfL) Leipzig

"Goldgräberstimmung" hält nicht an

Dem Forscher Leibert zufolge ist die Stimmung in vielen Kleinstädten und Regionen derzeit zwar positiv, weil ewig brachliegende Bauplätze jetzt wieder bebaut würden. Diese "Goldgräberstimmung" täusche jedoch und halte nicht ewig. "Es ist zu befürchten, dass der positive Trend und die wachsende Landlust nicht anhalten werden", sagte Leibert. "Der demographische Wandel wird uns einholen."

Eine Frau mit einem Rollator
Laut Prognosen wird die Bevölkerung in Ostdeutschland durch Überalterung weiter schrumpfen. Bildrechte: dpa

Folgen des demographischen Wandels größer als Kohleausstieg

In Deutschland ist die Finanzierung einer Gemeinde an die Einwohnerzahl gekoppelt. Das führt dazu, dass eine schrumpfende Bevölkerung immer finanzielle Verluste für die jeweiligen Orte bedeutet und deren finanziellen Spielräume damit eingeschränkt werden.

Meistens denken wir bei Strukturwandel gerade an den Kohleausstieg. Der demographische Aspekt wird hingegen in der Wahrnehmung oft unterschätzt. Diese Entwicklung wird jedoch massiver ausfallen, als wir denken.

Tim Leibert Institut für Länderkunde (IfL) Leipzig

Viele Menschen bemerken Folgen bereits

Bereits jetzt wirkt sich die schrumpfende Bevölkerung in Sachsen aus und lässt an manchen Orten Infrastrukturen wegbrechen. "Wenn ich durch die Dörfer radle, sehe ich fast nur geschlossene Läden", erklärt MDR SACHSEN-Hörer Siegfried Wendt. Mobile Verkaufswagen seien nur bedingt ein Ersatz. "Man könnte doch für die Dorfläden eine niedrige Mehrwertsteuer festlegen", forderte Wendt. Eine bessere Versorgung wünscht sich auch Lukas Lenk aus Werdau. "Mir fehlen Cafés, ein gutes gastronomisches Angebot, der Ausbau von Rad- und Fußwegen sowie die Anbindung der öffentlichen Verkehrsmittel", sagte Lenk MDR SACHSEN. "Potenzial sehe ich vor allem in der kulturellen Belebung."

Gelände der Saigerhütte
Viele ostdeutsche Familien sind im gesamten Bundesgebiet verteilt. Vor allem die jüngeren ziehen weg, die älteren bleiben in der Heimat. Bildrechte: dpa

Wie groß dürfen die Unterschiede zwischen Stadt und Land werden?

"Probleme sehe ich im immer stärkeren Auseinanderdriften städtischer und ländlicher Lebenswirklichkeiten in Bezug auf Infrastruktur, Arbeitsplätze, Gesundheitsversorgung sowie den Erhalt der Natur", erklärt Katrin Hütt MDR SACHSEN. Sie ist vor zehn Jahren mit ihrem Mann aus Frankfurt am Main nach Stützengrün im Erzgebirgskreis zurückgekehrt.

"Viele Familien im Osten sind im gesamten Bundesgebiet verteilt. Manche kommen zurück, doch bei Weitem nicht alle", sagte Leibert. Dies sei ein spezifisches Problem in Ostdeutschland und spiele bei der Versorgung vieler Senioren eine große Rolle.

Bürgermeister fordern Bewusstsein für das Land

Bürgermeister in Sachsen plädieren, das Land zu stärken. "Ich persönlich glaube, dass wir gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land nur erreichen, wenn wir auch vor Ort die Eigenverantwortung stärken und die Finanzen verbessern", erklärte Nico Dittmann, Bürgermeister in Thalheim im Erzgebirge. Dies könne mit weniger Bürokratie und mehr Pauschalen gelingen. "Die freie und ortsspezifische Ausgestaltung sollte gerade und auch den Menschen vor Ort ermöglicht werden."

Nico Dittmann, Bürgermeister Thalheim im Erzgebirge.
Nico Dittmann galt einst als jüngster Bürgermeister in Sachsen. Heute ist er in Thalheim im Erzgebirge längst anerkanntes Stadtoberhaupt. Bildrechte: Nico Dittmann

"Der ländliche Raum ist besser als sein Ruf, aber er kämpft mit besonderen Herausforderungen. Diese muss die Politik anerkennen und zur Lösung beitragen wollen. Schließlich wollen wir in Stadt und Land gleichermaßen lebenswerte Kommunen haben und gleichwertige Lebensverhältnisse in Sachsen entwickeln", erklärte auch Anita Maaß, Bürgermeisterin aus Lommatzsch bei Meißen.

Eine blonde Frau (Bürgermeisterin von Lommatzsch) in ihrem Büro.
Anita Maaß ist seit 2005 Bürgermeisterin von Lommatzsch. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Jens Haustein, Bürgermeister der Gemeinde Drebach im Erzgebirge sieht die Verantwortung auch bei den Einwohnern. Sie könnten ihre Region aktiv mitgestalten. "Wir sind auch selbst für uns verantwortlich. Sind wir wirklich eine Solidargemeinschaft, oder denken viele nur an sich selbst?", fragte Haustein.

Jens Hausstein, Bürgermeister der Gemeinde Drebach
Jens Hausstein, Bürgermeister der Gemeinde Drebach, sieht auch die Einwohner selbst in der Verantwortung. Bildrechte: Jens Hausstein

Wissenschaftler Leibert sieht in diesem Punkt einen Schlüsselmoment. "Meine These ist, dass es vor Ort ganz sehr darauf ankommt, ob man eine aktive Zivilgesellschaft hat. Wenn die Bevölkerung an ihren Ort glaubt und sich Initiative und Vereine gründen, zieht das oft Zuzug nach sich."

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 09. November 2021 | 20:00 Uhr

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