Umweltschutz Streuobstwiesen - Kulturgut in Gefahr

Es sirrt, krabbelt, brummt und blüht auf den Streuobstwiesen Sachsens. Sie gelten als eine Gen-Bank alter Obstsorten und wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Doch im Freistaat sind sie gefährdet. Einen Hoffnungsschimmer für den Erhalt der alten Wiesen gibt es aber noch: Experten beobachten wieder steigendes Interesse an Streuobst - gerade bei jungen Menschen.

Blühende Kirschbäume auf einer Streuobstwiese
Neben Kirschen sind auch Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume typisch für Streuobstwiesen. Bildrechte: imago/blickwinkel

In Stadtrandgebieten oder ländlichen Gegenden grünen und blühen gerade Streuobstwiesen. Früher lieferten die Wiesen Obst zur Versorgung der Bevölkerung, dienten aber gleichzeitig auch als Weide fürs Vieh. Doch nicht überall ist es gut bestellt um die idyllischen Biotope. Laut Naturschutzbund Sachsen ist die Fläche der Streuobstbestände in Deutschland ist seit 1950 "ungeheuer stark zurückgegangen".

In den vergangenen Jahrzehnten sind immer mehr von ihnen verfallen oder aufgegeben worden. Und auch die letzten Reste seien gefährdet, unter anderem durch fehlende Pflege. Offiziell gelten Streuobstwiesen in Sachsen als "stark gefährdet bis gefährdet". Das hat das Umweltministerium auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitgeteilt.

Streuobstwiese Streuobstwiesen gelten als eine traditionelle Form des Obstbaus. Auf den Wiesen stehen meist verstreute hochstämmige Obstbäume. Unterschiedliche Arten und Sorten sind auf einer Wiese die Regel.

Die Streuobstwiesen gibt es im heutigen Sachsen schon wieder Jahrzehnte, teilweise Jahrhunderte und sie prägen die Kulturlandschaft. Man sollte sie allerdings nicht verwechseln mit modernen Obstplantagen, die es inzwischen auch im Freistaat gibt, und die vor allem auf wirtschaften Ertrag hin angelegt wurden.

Ende einer langen Tradition?

In Zeiten, in denen kleinbäuerliche Landwirtschaft kaum mehr eine Rolle im Freistaat spielt und die Versorgung der Bevölkerung mit Obst auch anderweitig gesichert ist, scheint die Streuobstwiese keine große Bedeutung mehr zu haben. Doch ganz so einfach ist es offenbar nicht. "Was Korallenriffe im Meer sind, sind Streuobstwiesen auf dem Land", erklärt Veronika Leißner, Geschäftsführerin des Landschaftspflegeverbandes Nordwestsachsen in Eilenburg.

"Sie sind wichtige Rückzugsorte für Tiere und Pflanzen. Die Vielfalt auf so einer Wiese ist unglaublich groß", meint Leißner weiter. So seien Totholz und natürliche Baumhöhlen auf solchen Wiesen wichtig für Vögel und Insekten. Darüber hinaus würden sie zum Erhalt alter Obstsorten beitragen. Allein im Nordwesten Sachsens seien bei Erhebungen mehr als 100 verschiedene Apfelsorten gefunden worden.

Blick in eine Baumkrone mit dicken Ästen und rosa-weißen Blüten.
Ein Fest für Insekten: Erst schmecken Pollen und Blätter, später die Falläpfel und auch wenn der Baum stirbt, dient er noch als Wohnraum für Käfer. Bildrechte: MDR/Teresa Herlitzius

Kulturlandschaft in der Großstadt

Einige von ihnen sind auch im Nordwesten Leipzigs zu finden. Auf 1,2 Hektar Wiese stehen hier mehr als 80 Obstbäume im Stadtteil Wahren. Verschiedenste Obst- und Nussbäume, alt und jung, blühend oder schon lange tot, sind auf dem ganzen Areal verteilt. Umrandet wird die Wiese von der Weißen Elster.

Äpfel hängen an einem Ast, Blick in den Garten im Hintergrund.
Gras und Bäume müssen regelmäßig geschnitten werden - sonst verwildert die Streuobstwiese. (Symbolbild) Bildrechte: Daniela Dufft

Schon mehr als 100 Jahre wird dieser Ort als Streuobstwiese genutzt. Seit gut 20 Jahren ist der BUND für ihre Bewirtschaftung und ihren Erhalt verantwortlich, erklärt Arbeitskreissprecher Markus Kellermann: "Es ist natürlich so, dass wir von einer Kulturlandschaft sprechen. Das bedeutet, nur durch Pflege bleibt es Wiese. Ansonsten würde dort mit der Zeit überall Bäume wachsen."

Konkret bedeutet das beispielsweise, die Wiese zweimal im Jahr zu mähen - vorzugsweise mit der Sense. Bäumen müssen geschnitten werden. Außerdem werden regelmäßig Bäume nachgepflanzt. "Wir setzen auch auf alte Sorten. Hauptsächlich gibt es bei uns Apfelbäume, aber wir haben auch einige neu gepflanzte Birnen und Kirschen." Außerdem gibt es auf dem Areal des BUND Wildbienen.

Kleine Biotope zwischen Beton und Monokulturen

Dass das Thema Streuobstwiese mehr in den Fokus rückt, ist Kellermann ganz recht: "Finde ich sehr gut, keine Frage! Es gibt nicht mehr so viele und sie befinden sich teilweise in nicht so gutem Zustand." Sie seien wichtig als kleine Oasen für Insekten am Stadtrand oder auch in ländlichen Gegenden, in denen im großen Stil Landwirtschaft betrieben werde.

Wie viele Streuobstwiesen es im Freistaat noch gibt, ist laut sächsischem Landwirtschaftsministerium unbekannt. Ihre Zahl werde auf 13.300 geschätzt - mit einer Fläche von 5.800 Hektar. Viele Streuobstwiesen gebe es demnach im Landkreis Meißen und dem Dresdner Elbtal.

Durch Häuser und Monokulturen verdrängt

"Streuobstwiesen sind eine Augenweide, prägen in vielen Gegenden das Landschaftsbild und tragen so zur Attraktivität einer Gegend bei", erklärt Sachsens Umweltminister Wolfram Günther. Dass die Wiesen gefährdet sind, liege beispielsweise daran, dass der gewerbliche Obstbau auf niedrigstämmige Obstbäume setze. Die seien rentabler im Vergleich zum Streuobstbau. Leißner vom Landschaftspflegeverband Nordwestsachsen meint außerdem, viele Streuobstwiesen seien für Bebauungen an Ortsrändern gerodet worden oder verwildern.

Die Apfelsorte "Saxyrose" hat einen wohlklingenden Namen.
Wer Äpfel im Supermarkt kauft, erhält in der Regel Sorten, die auf Plantagen angepflanzt werden. Sie sind ertragreicher als alte Sorten. Bildrechte: MDR/Tilo Holzapfel

Erhalt mit finanzieller Förderung

Damit auf den Streuobstwiesen neues Leben einkehrt, versucht das sächsische Landwirtschaftsministerium seit einigen Jahren, dem Abwärtstrend entgegenzusteuern. So wurden seit 2014 laut Ministerium 684.000 Euro für die Neuanlage von Streuobstwiesen gezahlt. Knapp 9.600 Obstbäume seien gepflanzt worden. Aber auch für bereits bestehende Wiesen sei Geld in nahezu gleicher Höhe ausgegeben worden, um ihre Sanierung und ihren Erhalt zu unterstützen.

Dresden schützt und pflegt

Auch die Stadt Dresden will die Biotope weiterentwickeln. Doch das Management für die insgesamt 750 Streuobstwiesen im Stadtgebiet ist nicht immer einfach, meint Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen: "Es läuft nicht alles reibungslos. Einerseits gibt es Bestrebungen, solche Biotope, die gesetzlich geschützt sind, umzunutzen. Wir hatten vor zwei Jahren einen Fall im Dresdner Westen, wo ein Eigentümer eine Streuobstwiese beseitigt hatte. Die musste er dann wieder anpflanzen. Und es gibt natürlich auch den Pflegeaufwand, der mit den Obstbäumen verbunden ist. Wir haben deshalb in den letzten Jahren einen Bereich aufgebaut, wo sich Leute um die fachkundige Pflege solcher Biotope kümmern."

Obwohl es aktuell um die Wiesen im Freistaat nicht gut bestellt ist, sieht Umweltbürgermeisterin Jähnigen aber einen klar positiven Trend: "Jetzt legen wir in Dresden gerade viele Neue an, auch weil sich die Menschen dafür interessieren - Gemeinschaftsgärtner, Kleingärtner, Naturschutzinitiativen - die alten Obstsorten zu schmecken und zu riechen." Auch Leißner vom Landschaftspflegeverband Nordwestsachsen blickt optimistisch in die Zukunft: Sie habe beobachtet, dass sich vermehrt junge Menschen für alte Streuobstwiesen interessierten, sie erwerben und pflegen wollen.

Rückbesinnung auf alte Sorte und Produkte

Auch Sachsens Umweltminister Günther beobachtet eine Rückbesinnung auf alte Obstsorten. "Die Säfte, Moste, Essige, Liköre und Brände aus der 'Streuobstwiese' sind auch in Sachsen Spitzenprodukte und daher auch wirtschaftlich attraktiv", erklärt er. Hier zeige sich, dass Ökologie und Bewirtschaftung der Kulturlandschaft sehr gut zusammenpassten.

"Tag der Streuobstwiese" Um auf die Situation der Streuobstwiesen und ihre Bedeutung für Mensch und Tier aufmerksam zu machen, wird in diesem Jahr europaweit der erste "Tag der Streuobstwiese" begangen. Er findet am 30. April statt.

Quelle: MDR/kp/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | im Regionalreport aus dem Studio Dresden | 30. April 2021 | 14:30 Uhr

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