Inklusion Barrierefreiheit im Netz: Es gibt Nachholbedarf

Seit 2019 gilt in Sachsen das Barrierefreie-Websites-Gesetz. Es verpflichtet öffentliche Einrichtungen, ihre Webangebote sowie ihre Apps auch für Menschen mit Behinderungen zugänglich zu machen. Denn Barrierefreiheit endet nicht beim Rollstuhleingang oder der Blindenschrift in Fahrstühlen. Auch Internetseiten müssen für alle zugänglich gemacht werden. Laut einer Richtlinie der Europäischen Union endete die Übergangsfrist für Internetseiten im September des vergangenen Jahres, für Apps im Juni 2021. MDR SACHSEN hat in Leipzig nach dem Stand der Umsetzung gefragt.

Symbole Barrierefreiheit im MDR: 1. ein durchgestrichenes Auge mit der Unterschrift "Audiodeskription", 2. Die Buchstaben UT mit der Unterschrift "Untertitel", 3. zwei Hände und die Unterschrift "Gebärdensprache.
Taucht im Programm eines dieser Symbole auf, ist das ein sicherer Hinweis für ein barrierefreies Angebot. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alt-Tags, Audiodeskriptionen, Voice-Reader: Über die Verfügbarkeit solcher Funktionen für die Barrierefreiheit auf Internetseiten und in Apps wacht in Sachsen unter anderem Johannes Fischer vom Deutschen Zentrum für barrierefreies Lesen (DZB). 2019 wurde dort eine Überwachungsstelle für die Einhaltung und Umsetzung des Barrierefreie-Websites-Gesetz geschaffen. Fischer unterstützt öffentliche Stellen dabei, ihre Webseiten und Apps barrierefrei zu gestalten, prüft aber auch, ob die Standards eingehalten werden. "Bei der Prüfung zeigt sich häufig, dass großer Nachholbedarf besteht", fasst er zusammen. Die Hälfte der prüfbaren Anforderungen seien nicht vorhanden. "Das bedeute aber nicht, dass die Seite nicht nutzbar ist. Aber die Bedienung kann dann nervig sein", fügt er hinzu.

Nachholbedarf bei Landratsämtern und Krankenkassen

Diese Einschätzung teilt auch André Brendle vom Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen. Vor allem bei den Seiten der Landratsämter und Krankenkassen gebe es häufig Probleme für Menschen mit Sehbehinderungen. "Vor allem bei Formularen gibt es Nachholbedarf. Aber auch beim Aufbau der Seiten und den Kontrasten gibt es häufig Probleme", erklärt Brendle MDR SACHSEN. Die Dokumente seien häufig nur gescannt und könnten so nicht vom Screen-Reader gelesen werden. "Ich weiß dann nicht, in welchem Feld ich mich befinde, oder wo ich noch ein Häkchen setzen muss", so Brendle, der selbst nur noch über acht Prozent Sehvermögen verfügt.

Grund dafür sei häufig Unwissenheit, meint Brendle. "Die Landratsämter oder Krankenkassen sollten sich hier schulen lassen", fordert er. Barrierefreie Vorlagen zu erstellen sei auch kein größerer Aufwand. Die zuständigen Stellen müssten nur wissen, was sie tun müssen. "Es muss möglich sein, allein und ohne fremde Hilfe lesen zu können", betont Brendle.

Barrierefreiheit im Internet: Was bedeutet das?

Aber was braucht eine digitale Anwendung eigentlich für Voraussetzungen, um als barrierefrei zu gelten? Laut Fischer vom DZB müssen beispielsweise Fotos mit sogenannten Alternativtexten versehen werden, damit sie dann von einem Programm vorgelesen werden können. Eine separate Vorlesefunktion auf der Seite selbst ist keine Pflicht, wird aber in vielen Fällen schon von den Seiten angeboten. Zudem müsse der Kontrast auf der Website angepasst werden können, oder die Schriftgröße veränderbar sein. Auch sollen Nutzende mit der Tastatur durch die Seite navigieren können, Pdf-Dateien seien ebenfalls barrierefrei zu gestalten. Bei Videos sind Untertitel und eine Audiodeskription Voraussetzung für Barrierefreiheit. Auch Apps sollen nach den Regeln eines "Universellen Designs" gestaltet werden. Erläuterungen in Deutscher Gebärdensprache und in Leichter Sprache sind in Sachsen eine Empfehlung und keine Pflicht.

Stadt Leipzig plant Stelle für barrierefreie Kommunikation

Bei der Stadt Leipzig gibt es derzeit einige Videos, die mit Gebärdensprache versehen wurden. "Ansonsten haben wir aktuell keine größeren Gebärdensprachenvideos auf unserer Seite", räumt Stadtsprecher Volker Rasch ein, stellt aber zugleich einen barrierefreien Videoplayer in Aussicht.

Die Stadt Leipzig hat sich inzwischen einem Barrierefreiheitstests durch die DZB unterzogen. Die Ergebnisse werden bereits ausgewertet, um dann nachzubessern. "In diesem Jahr wird noch eine Stelle für barrierefreie Kommunikation im Referat entstehen, die sich nicht nur mit dem Thema online, sondern auch mit barrierefreien Publikationen und Veranstaltungen befassen wird", ergänzt Rasch.

LVB: Vorlesefunktion nicht nur für Menschen mit Behinderung interessant

Mit der Umsetzung der Standards beschäftigen sich auch die Leipziger Verkehrsbetriebe seit einiger Zeit. "Teilhabe ist unser Auftrag", erklärt Pressesprecher Marc Backhaus MDR SACHSEN. Während bereits ein Großteil der Anforderungen auf der Website umgesetzt worden sei, arbeite die LVB derzeit noch daran, eine Vorlesefunktion einzubauen. "Der technische Hintergrund dafür ist noch nicht bereit, aber in der Entwicklung", so Backhaus. Und das obwohl das Vorlesen von Texten vom Gesetz gar nicht gefordert wird. Diese Funktion würden Backhaus zufolge allerdings nicht nur Menschen mit einer Sehbehinderung nutzen wollen. "Auch Menschen ohne Behinderung schätzen es, sich Texte vorlesen zu lassen", ergänzt er. Und auch bei der Leipzig-Mobil-App werde derzeit daran gearbeitet, dass Menschen mit Behinderungen diese barrierefrei nutzen können.

Barrierefreie Programmvielfalt im MDR

Rund 17 Prozent der Bundesbürgerinnen und -bürger sind hörbehindert, das heißt, sie hören schlecht oder sind gehörlos. Fernsehen ist trotzdem kein Problem, wenn es Untertitelungen gibt. Der MDR bietet mehr als 90 Prozent seines TV-Programms mit diesem Service an. Das sind mehr als 21 Stunden täglich. Zusätzlich stehen gehörlosen Zuschauern Sendungen mit Gebärdensprache zur Verfügung: "MDR Aktuell", "MDR um 11", "MDR Garten" oder auch viele Reportagen werden regelmäßig in Deutsche Gebärdensprache übersetzt.

Grafik - Kurve: Durchschnittliche Untertitelung in Prozent. Die Grafik zeigt einen deutlichen Anstieg. Während 1994 fast gar keine Untertitelungen vorhanden waren, hat sich der Wert seit 2017 konstant bei knapp unter 90 Prozent eingepegelt.
Inzwischen sind rund 90 Prozent des MDR-Programms untertitelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch für Menschen mit Sehbehinderung gibt es Fernsehsendungen im MDR. Täglich gibt es im Durchschnitt etwa vier Stunden Programm mit Hörbeschreibung, erklärt Georg Schmolz, Leiter für Barrierefreiheit beim Mitteldeutschen Rundfunk: "Die Bilder im 'Tatort' oder 'In aller Freundschaft' werden für blinde Menschen beschrieben und so können sie das Fernsehen genauso genießen wie sehende Menschen. Genau darum geht es bei den genannten Beispielen: das Programm mit seiner Vielfalt soll allen Menschen zugänglich sein, Menschen mit Behinderung sollen auch an den Medien teilhaben. Das ist dem MDR eine Verpflichtung."

Grafik - Kurve: Programm mit Gebärdensprache in Stunden pro Jahr: Die Programmstunden steigern sich vom Jahr 2014 mit knapp unter 200 Programmstunden auf rund 550 Programmstunden im Jahr 2020.
Der MDR sendet regelmäßig Programme in Gebärdensprache. Das Angebot wurde in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebaut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Digitale Angebote

Auch in der digitalen Welt gibt es inzwischen viele Möglichkeiten, Websites für Menschen mit Behinderung leichter nutzbar zu machen. Unsichtbar für den Nutzer sind in den Webseiten Hinweise angelegt. Ein sogenannter Screenreader, den viele blinde Menschen besitzen, erkennt die hinterlegten Hinweise und sagt seinem Besitzer, wo er sich dort befindet oder was auf einem Bild zu sehen ist.

Auch Videos und Audios im Netz können hör- oder seheingeschränkte Menschen genauso nutzen, wie das MDR-Fernsehen mit Untertitelung, Gebärdensprache oder Audiodeskription. Doch das sei nicht immer leicht, erklärt Schmolz:

Ein Mann mit dunkelblauem Anzug und Brille steht auf einer Wiese und lächelt in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Robert Hensel

Die wachsende Bedeutung des Internets mit vielen hundert zusätzlichen Videos und Audios macht das zu einer barrierefreien Herausforderung. Der MDR stellt sich auch dieser Aufgaben. Schrittweise werden auch diese Angebote barrierefrei. Denn wir wollen, dass auch diese Vielfalt allen zur Verfügung steht.

Georg Schmolz Leiter für Barrierefreiheit beim MDR

5. Mai - Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen Der Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung findet europaweit jährlich am 5. Mai statt. 1992 wurde der Aktionstag von den Interessenvertretungen Selbstbestimmt Leben Deutschland (ISL) ins Leben gerufen.
Ziel ist es, rechtliche Grundlagen für eine Gleichstellung behinderter Menschen zu schaffen.

Religion

Logo "selbstbestimmt"
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Quelle: MDR/mar/kp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | im Regionalreport aus dem Studio Leipzig | 05. Mai 2021 | 14:30 Uhr

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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