Polizeiarbeit LKA Sachsen: Getötete Babys trauriges Ende vertuschter Schwangerschaften

Mehrfach wurden Ermittler in Sachsen 2021 bereits zu Babyleichen oder Knochenfunden gerufen - zuletzt in Mügeln. Obwohl diese Fälle nur wenig Raum in der Kriminalstatistik einnehmen, erregen sie oftmals Aufmerksamkeit und Schlagzeilen. Stets provozieren diese Leichenfunde Fragen: Wer macht so etwas und warum? Antworten haben Fallanalytiker des LKA Sachsen.

Baby Fuß
Wenn eine Babyleiche gefunden wird, sind Medienecho und Anteilnahme der Menschen groß. Aber was ist mit den Müttern, die so eine Tat begehen? Bildrechte: IMAGO

Ende März ist bei Mügeln im Landkreis Nordsachsen ein totes Baby gefunden worden. Seitdem versuchen Ermittler herauszufinden, was genau geschah und wer das Neugeborene in einem Wäldchen abgelegt hat. Auf Zeugenaufrufe der Polizei gab es nach Angaben der Staatsanwaltschaft Leipzig erste Hinweise. "Es waren aber nicht so viele. Der entscheidende Hinweis war noch nicht dabei", sagte eine Sprecherin auf Nachfrage von MDR SACHSEN. Die Hintergründe würden weiter ermittelt.

Warum tötet eine Mutter ihr Baby?

Auch wenn vieles im Fall des toten Babys in Mügeln noch unklar ist, MDR SACHSEN berichtet immer wieder über getötete Säuglinge. Die Fallanalytiker des Landeskriminalamtes Sachsen (LKA) sagen zu Kindstötungen nach der Geburt: "Am häufigsten passt die Schwangerschaft nicht in den Lebensalltag der Frau. Die Mutterschaft stellt für sie aus unterschiedlichsten Gründen ein unlösbares Problem dar." Am häufigsten fänden sich dafür psychosoziale Gründe und oder ein Gefühl der Überforderung.

Die Kindesmütter glauben, sich mit ihrer ungewollten Schwangerschaft niemandem anvertrauen zu können.

Analytiker der operativen Fallanalyse LKA Sachsen

Leugnen und verdrängen

In der Folge verdränge die Frau entweder die Schwangerschaft oder entscheide sich dafür, die Schwangerschaft gar nicht wahrzunehmen. Zwangsläufiger Effekt: "Es erfolgt kein Beziehungsaufbau, keine emotionale Bindung zum Kind im Mutterbauch." Ermittler haben festgestellt, dass Kindsmütter häufig ganz bewusst ihr Aussehen und Verhalten verändern, um die Schwangerschaft zu vertuschen. Wenn sie beispielsweise auf die Schwangerschaft angesprochen werden, lieferten sie scheinbar plausible Erklärungen für die Gewichtszunahme. Ärzte oder Beratungsstellen suchen solche Kindsmütter nicht auf.

Am Ende steht nach der Geburt die Tötung des Neugeborenen durch aktives Handeln, erklären die Fallanalytiker des LKA. Weil die Schwangerschaft bis zum Schluss verdrängt und geleugnet werde, kämen andere Optionen, wie eine Freigabe zur Adoption, anonyme Geburt oder Ablage in einer Babyklappe eher nicht in Betracht.

Die Tötung des Neugeborenen ist das traurige Ende eines langen Prozesses der nicht gewollten und meist vertuschten Schwangerschaft und der aus Sicht der Kindsmutter damit einhergehenden unlösbaren Probleme.

LKA Sachsen

Ganz normale Frauen - und ein typisches Merkmal

Die Frage, welche Frauen ihre Neugeborenen töten, hat eine Analyse des Deutschen Jugendinstituts beantwortet. Darin heißt es zur Tötung von Neugeborenen, was in der Fachsprache Neonatizid genannt wird: "Die allermeisten Frauen, die Neonatizide begangen haben (...), sind ganz normale Frauen. Das zentrale Merkmal bei fast allen Neonatiziden ist eine verdrängte bzw. verheimlichte Schwangerschaft."

So häufig werden Säuglinge getötet

Übersicht zu tödlich verletzten Säuglingen in Sachsen
Jahr Tödlich verletzte Säuglinge (unter einem Jahr alt) darunter Neugeborene (unter einem Tag alt)
2020 4 3
2019 2 1
2018 7 4

Quelle: LKA Sachsen zu Fällen von Säuglingstötungen auf Grundlage der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) und des Polizeilichen Auskunftssystems Sachsen (PASS)

Als Ablageorte wurden in Sachsen erfasst:

  • Wohnung
  • Wohngebäude
  • Gebüsch, Straße
  • Wiese, Ackerland
  • Krankenhaus

Blick auf einen Feldrand mit Polizei Niederau
Im Dezember 2017 wurde die Polizei an den Fundort einer Babyleiche in Niederau im Landkreis Meißen gerufen. Das Neugeborene wurde auf einem Feld gefunden. Eineinhalb Monate später verhaftete die Polizei eine 30 Jahre alte Mutter, die die Tat gestand. Bildrechte: dpa

Wie aussagekräftig sind die Zahlen?

Experten gehen davon aus, dass bundesweit jedes Jahr etwa 20 bis 35 Säuglinge direkt nach der Geburt getötet werden oder durch Vernachlässigung innerhalb der ersten 24 Stunden sterben. Diese Zahlen sind trotz einiger "Schwankungen eher stabil", fassten Prof. Dr. Theresia Höynck von der Universität Kassel und Ulrike Zähringer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen für das Deutsche Jugendinstitut zusammen. Jedoch sei das Dunkelfeld schwer zu benennen und könne auch nicht zuverlässig geschätzt werden. "Es dürfte jedoch, davon wird wohl zu Recht allgemein ausgegangen, nicht ganz gering sein."

Die Schwangerschaft wird in den meisten Fällen verheimlicht, die Geburt des Kindes findet allein statt, so dass niemand von der Existenz des Kindes weiß. Die Beseitigung der Leiche ist aufgrund der geringen Größe wesentlich leichter zu bewerkstelligen als bei anderen Tötungsdelikten, die Verwesung erfolgt in relativ kurzer Zeit, so dass das Auffinden einer versteckten Leiche unwahrscheinlicher ist.

Deutsches Jugendinstitut, Expertise: "Neonatizid" im Rahmen des Projekts "Anonyme Geburt und Babyklappen in Deutschland - Fallzahlen, Angebote, Kontexte"

Was sagt das Gesetz?

Seit 1998 gibt es laut Gesetz für Kindstötung keinen strafmildernden Rahmen mehr gegenüber anderen Tötungsdelikten. Derartige Taten werden seither oft als Totschlag beurteilt. In der Änderung legte der Gesetzgebers damals fest, dass bei getöteten Säuglingen der minder schwere Fall des Totschlags in Betracht zu ziehen ist und begründete das mit der psychische Ausnahmesituation einer Mutter, "die ihr eheliches oder nichteheliches Kind in oder gleich nach der Geburt tötet". Dann könne auch "die Anwendung des § 213 StGB Berücksichtigung finden".

Bestraft wird minderschwerer Totschlag mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren. Laut BGH kann die Tötung eines Neugeborenen auch als Mord eingestuft werden bei "krasser Selbstsucht". Mord wird mit lebenslänglicher Haft bestraft.

Babysarg mit Blumen
Jedes Jahr werden zwischen 20 und 35 tote Säuglinge gefunden. Wieviele Neugeborene tatsächlich getötet werden, weiß niemand genau. Bildrechte: dpa

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