Flucht aus der Ukraine Sachsen bereitet sich auf Hilfe für Geflüchtete vor

Der Krieg in der Ukraine treibt immer mehr Menschen in die Flucht. Allein in Sachsen waren bis Freitag mehr als 660 Geflüchtete aus der Ukraine angekommen. Der Freistaat hat bereits Vorkehrungen getroffen, um Hilfe leisten zu können. Auch Kreise und Kommunen sowie Hilfsorganisationen, Vereine, Unternehmen und Privatleute setzen sich für eine gezielte Hilfe ein.

Vor einer privaten Sammelstelle von fünf befreundeten Leipzigern mit ukrainischen oder kasachischen Wurzeln hängt eine Plakat mit der Forderung "Putins Krieg stoppen".
In vielen Orten Sachsens ist die Spendenbereitschaft der Menschen für die Menschen in der Ukraine groß. Wie hier in Leipzig sind es häufig Privatpersonen, die mit Initiativen das Leid der Geflüchtetend mindern wollen. Hilfsangebote gibt es aber auch von Seiten der Politik, Vereine und Organisationen. Bildrechte: dpa

Ein Rucksack, ein Koffer in der einen und ein Kind an der anderen Hand - so kommen derzeit etliche Geflüchtete aus der Ukraine am Bahnhof in Görlitz an. Es ist ein erschütterndes Bild: Das Nötigste verpackt in zwei Taschen, Hunderte Kilometer entfernt von der Heimat - doch immerhin in Sicherheit. Wer nicht privat in Sachsen unterkommt, wird in der Erstaufnahmeeinrichtung in Leipzig-Mockau untergebracht, teilte die Landesdirektion mit.

Kurzzeitige zentrale Unterbringung von Geflüchteten in Leipzig

Die zentrale Unterbringung hat laut Sachsens Innenministerium den Vorteil, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer beispielsweise mit Dolmetschern besser betreut werden könnten. Der Sprecher der Landesdirektion, Holm Felber, teilte mit, 550 Plätze stünden in Leipzig zur Verfügung. Um weitere Vertriebene aufzunehmen, könne die Platzkapazität erweitert werden. 150 Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan, die bisher in einer der Erstaufnahmeeinrichtungen in Leipzig-Mockau untergebracht waren, seien bereits auf andere Einrichtungen in Sachsen verteilt worden.

Die Kriegsvertriebenen aus der Ukraine sollen allerdings nur kurze Zeit in den Erstaufnahmeeinrichtungen bleiben. Nach Angaben von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) ist eine rasche dezentrale Unterbringung in privaten Wohnungen geplant. Nach einer Kabinettssitzung am Dienstag stellte er klar: "Die Kinder sollen in Kindergärten und Schulen gehen können. Wir wünschen uns sehr, dass die Frauen und Männer auch arbeiten können."

Kreise und Städte bitten um Registrierung von Geflüchteten aus der Ukraine

Mehr als 660 Menschen aus der Ukraine habe bis Freitag Schutz im Freistaat gesucht. Das teilte das Innenministerium auf Anfrage von MDR SACHSEN mit. Allerdings könnte die tatsächliche Zahl der Geflüchteten im Land höher liegen, weil die Menschen beispielsweise bei Verwandten untergekommen sind. Die Kreise und Kreisfreien Städte haben bisher unregistrierte Geflüchtete dazu aufgerufen, sich bei den zuständigen Behörden zu melden – das sei oft auch per Mail möglich. Laut Innenministerium werden im Freistaat zudem noch deutlich mehr Geflüchtete aus der Ukraine erwartet. Aus diesem Grund haben viele Städte und Kreise die Einwohner Sachsens aufgerufen, freie Unterkünfte zu melden – unter ihnen die Landkreise Görlitz sowie Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Wohnungen und Unterkünfte gesucht

Chemnitz hatte schon zu Beginn der Woche einen entsprechenden Aufruf gestartet und teilte auf Anfrage von MDR SACHSEN mit: "Zu unserem Aufruf an die Chemnitzer Bevölkerung sind bereits weit mehr als 200 Angebote eingegangen, Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Diese Angebote werden derzeit gesichtet." Dresden teilte mit, dass bis Donnerstag 91 Wohnungsangebote von gewerblichen und privaten Vermietern bei der Stadt eingegangen seien. Die Dresdner Hotelallianz habe als Soforthilfe 300 Plätze angeboten.

Städte und Kreise bündeln Hilfsangebote

Über die Portale der Städte und Kreise sollen aber auch die vielen Hilfsangebote gebündelt werden. Dresden beispielsweise hat eigenen Angaben zufolge neben der Arbeitsgruppe "Unterbringung" auch eine Taskforce "Engagement" gegründet. Sie habe die Unterstützung und Vernetzung aller zivilgesellschaftlichen Initiativen in Dresden zum Ziel. Dabei gehe es unter anderem um Geld- und Sachspenden oder ums Dolmetschen. Mehr Informationen zu den Hilfsportalen sind auf den Internetseiten der Städte und Landkreise zu finden. Auch das Land Sachsen hat mitgeteilt, dass es inzwischen ein Portal für Ukraine-Hilfe freigeschaltet hat.

Auch immer mehr Spendenaufrufe und -aktionen von Unternehmen und Privatleuten werden bekannt. So wollen die Handballer des Bundesligisten SC DHfK Leipzig in Zusammenarbeit mit der Stadt und ihrem Hauptsponsor (Leipziger Gruppe) eine neue Crowdfunding-Kampagne für die Opfer des Krieges in der Ukraine starten. In den kommenden zwei Wochen sollen 609.869 Euro gesammelt werden. Die Summe entspräche einer Spende von einem Euro je Einwohner der Stadt. Nach Angaben der Stadt Leipzig hätten sich außerdem die Uniklinik, die Helios-Kliniken und das Diakonissenkrankenhaus dazu bereit erklärt, Verbandsmaterial, Medikamente und medizinisches Gerät zur Verfügung zu stellen.

Offener Brief warnt vor Ächtung von Russinnen und Russen

Sachsens Vize-Ministerpräsident Wolfram Günther (Grüne) zeigte sich dankbar angesichts der vielen Hilfsaktionen für die Betroffenen in der Ukraine: "Diese Hilfsbereitschaft ist überwältigend. Die Menschen, die vor Krieg, Gewalt, Vertreibung oder Kriegsdienst aus der Ukraine fliehen, sind willkommen bei uns." Er warnte aber zugleich, wie auch der Chemnitzer Universitätsrektor Gerd Strohmeier, vor einer Ächtung der russischen Bevölkerung sowie in Deutschland lebende Russinnen und Russen.

Strohmeier schrieb in einem offenen Brief, die Betroffenen würden unter dem Handeln der Regierungen ihrer Länder leiden. "Deshalb appelliere ich auch an alle Chemnitzerinnen und Chemnitzer, unsere russischen und belarussischen Studierenden und Beschäftigten nicht für das Handeln der Regierungen ihrer Länder verantwortlich zu machen beziehungsweise deshalb auszugrenzen." Der Rektor gab zugleich einen Überblick zu Hilfsangeboten für Studierende, die aus der Ukraine flüchten. Sie sollen etwa die Möglichkeit erhalten, ihr Studium in Chemnitz fortzusetzen oder sich unentgeltlich als Gasthörer einzuschreiben. Die Technische Universität Dresden hat angekündigt ukrainischen Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Dresden die Fortsetzung ihres Studiums und ihrer Forschung ermöglichen zu wollen.

Weitere Veranstaltungen am Wochenende geplant

Nach den zahlreichen Veranstaltungen wie dem Friedensläuten oder der Andacht in der Frauenkirche in den vergangenen Tagen sind auch für das Wochenende zahlreiche Veranstaltungen in Sachsen geplant, um Solidarität mit den Ukrainerinnen und Ukrainern zu zeigen. Unter anderem organisieren die Scientists for Future in Leipzig am Sonntagnachmittag eine Fahrrad-Friedensfahrt für Kiew. Die "Initiative für ein weltoffenes Dresden" lädt zudem am Sonntag zu einem Benefizkonzert ins Dresdner Schauspielhaus ein. Die Erlöse des "Konzerts für den Frieden" sollen in Hilfsangebote für ukrainische Flüchtlinge fließen, teilten die Sächsischen Staatstheater mit.

MDR (kp)/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 04. März 2022 | 19:00 Uhr

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