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In Sachsen haben die Arbeitsagenturen in den vergangenen sechs Monaten etwa 900 Ukrainern Jobs vermittelt. Bildrechte: dpa

ArbeitsagenturRund 900 Ukrainern in Sachsen seit März Jobs vermittelt

von MDR SACHSEN

Stand: 30. September 2022, 07:25 Uhr

Der Fachkräftemangel in Sachsen ist eine Chance für ukrainische Geflüchtete. Bislang konnten jedoch erst knapp 1.000 Menschen an Arbeitgeber vermittelt werden, mehr als 11.000 haben noch keinen Job. Doch nicht allein die Sprachbarriere ist für viele ein Hindernis. In Dresden diskutierten 150 Akteure aus der Integrationsarbeit darüber, was bisher gut läuft und wo es noch klemmt.

Etwa 900 Ukrainerinnen und Ukrainer hat die Landesarbeitsagentur in Sachsen nach eigenen Angaben im vergangenen halben Jahr in Arbeit vermittelt. Die Tätigkeiten umfassen alle Qualifikationen, vom Botenfahrer über Lehrerinnen und Lehrer bis hin zu Ärztinnen und Ärzten, zog Fachbereichsleiter Uwe Krumpholz auf einem Treffen von Politikern, Ehrenamtlern, Vertretern von Wohlfahrtsverbänden und Kirchen Bilanz. Die Arbeitgeber sind aufgeschlossen, ist Krumpholz zufrieden. Grund sei unter anderem der Fachkräftemangel. Allerdings: Stand Ende September sind 11.700 Geflüchtete aus der Ukraine arbeitssuchend gemeldet. Das teilte Frank Vollgold von der Arbeitsagentur Sachsen auf Anfrage von MDR SACHSEN mit.

Ukrainische Frauen können Arbeit häufig nicht annehmen

Im Vergleich zum August hat es laut Vollgold einen Anstieg um 700 Arbeitslose Ukrainerinnen und Ukrainer gegeben. 6.000 haben einen Integrationskurs absolviert, beziehungsweise sind gerade dabei, informierte Vollgold.

Erschwerend bei der Arbeitsvermittlung sei jedoch der hohe Anteil an Frauen (75 Prozent) unter den ukrainischen Geflüchteten. Diese müssten häufig ihre Kinder betreuen, weswegen keine Zeit für Arbeit und Sprachkurse bleibe. Deswegen solle hier bei der Kinderbetreuung angesetzt werden. Zudem sollen ukrainischen Geflüchteten gute Jobs geboten werden, erklärt Vollgold: "Wir wollen vermeiden, dass sie in Helferjobs gehen."

Fehlende Dolmetscher sind Problem

Dennoch gibt weiterhin Probleme bei der Integration. Für die ukrainischen Geflüchteten ist die sprachliche Barriere ein großes Hemmnis, sagte Natalija Bock. Die gebürtige Ukrainerin lebt seit 25 Jahren in Dresden. Seit Kriegsbeginn engagiert sich die Dolmetscherin in einem Hilfsnetzwerk für ihre Landsleute. Ein großes Problem sei der Mangel an Dolmetschern: "Wir sind als Dolmetscher an unseren Kapazitätsgrenzen." Übersetzer werden unter anderem bei der Vermittlung in den Jobcentern gebraucht, sagte Bock: "Die Menschen müssen einen Sprachmittler an der Seite haben, gerade wenn es um Arbeitsvermittlung geht."

Wir sind als Dolmetscher an unseren Kapazitätsgrenzen. [...] Die Menschen müssen einen Sprachmittler an der Seite haben, gerade wenn es um Arbeitsvermittlung geht.

Natalija Bock | Dolmetscherin in einem Hilfsnetzwerk

Derzeit bekommen viele ukrainische Geflüchtete keinen Sprachkurs, berichtet Natalija Bock. Die Wartelisten seien lang, die nächsten Kurse fänden erst im Februar statt. Dabei ist die Motivation bei den meisten groß, so die Dolmetscherin: "Ziel ist es für viele, möglichst schnell die Sprache zu lernen und dann einen Beruf zu bekommen."

Bei der Arbeitsvermittlung sind die sprachlichen Barrieren weiterhin ein großes Hemmnis. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Anerkennung von Medizinern aufwändig

Mediziner müssen neben den sprachlichen Barrieren mit dem aufwändigen Anerkennungsverfahren für die Approbation kämpfen, sagte der Sprecher der Landesärztekammer Sachsen, Knut Köhler. Das sei langwierig und kostenintensiv. Allein die Übersetzung der Zeugnisse und Bewerbungsdokumente koste bis zu 15.000 Euro.

Um Ärzte schneller in Arbeit zu bringen, hat die Ärztekammer eine beschränkte Berufserlaubnis vorgeschlagen. Die Idee dabei: Ukrainische Ärzte behandeln ukrainische Patienten. Der Vorschlag wird von Bundes- und Landespolitik geprüft. Parallel versucht die Kammer, Mediziner vorübergehend als Sprechstundenhilfe in Arztpraxen oder als ungelernte Pflegekräfte in Kliniken zu vermitteln, erklärte Köhler: "Damit sie einfacher unter die Leute kommen, die deutschen Strukturen in Krankenhäusern und die medizinische Sprache schneller kennenlernen."

Außerdem sollte ukrainischen Ärzten eine Perspektive geboten werden, bis der langwierige Prozess der Approbation abgeschlossen ist. Die Kammer betreut aktuell rund 150 ukrainische Medizinerinnen und Mediziner.

Ukrainische Klassen erschweren Ausbildungschancen

Die IHK Dresden fordert eine bessere Vorbereitung ukrainischer Jugendlicher auf eine mögliche Berufsausbildung. Die Schülerinnen und Schüler werden in Sachsen oft in rein ukrainisch sprechenden Schulklassen unterrichtet, sagte Arbeitsmarkt-Referentin Regina Lindig. Durch den mangelnden Kontakt zu deutschen Schülern falle es den Kindern und Jugendlichen schwer, die Sprache zu lernen.

Dabei sollten gerade Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen schnellstmöglich Deutsch lernen, damit sie nahtlos in eine berufliche Ausbildung wechseln können. "Wir brauchen da mindestens B2-Niveau", so Lindig. Die Jugendlichen könnten sonst dem Unterricht in den Berufsschulen nicht folgen, geschweige denn die IHK-Prüfungen ablegen.

Teilhabe und Integration gesetzlich regeln

Mit einem neuen Gesetz will die Landesregierung in Sachsen die Aufgaben der Kommunen bei der Integration verbindlich festschreiben. Zugleich soll die personelle und finanzielle Ausstattung der Städte und Gemeinden geregelt werden. "Wir erleben hier immer, dass Projekte für eine gewisse Laufzeit bestätigt werden, wir tolle Leute haben, die sich engagieren, die aber keine Perspektive in dem Projekt haben", begründete Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). 

Wir erleben hier immer, dass Projekte für eine gewisse Laufzeit bestätigt werden, wir tolle Leute haben, die sich engagieren, die aber keine Perspektive in dem Projekt haben.

Petra Köpping | Integrationsministerin im Freistaat Sachsen

Der Gesetzentwurf soll noch in diesem Jahr vom Kabinett beschlossen und dann zur öffentlichen Anhörung freigegeben werden. Im Frühjahr diskutiert der Landtag den Entwurf. Geplant ist, dass das Gesetz zum 1. Januar 2024 in Kraft tritt. Dann sind Integration und Teilhabe Geflüchteter Pflichtaufgabe sächsischer Kommunen. Im neuen Doppelhaushalt seien pro Jahr 25 Millionen Euro für Integrationsaufgaben eingeplant, so Köpping

MDR (ama, phb, bdi)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN | Nachrichten | 30. September 2022 | 07:00 Uhr