Tag der Organspende In Sachsen warten mehr als 400 Menschen auf ein neues Organ

Eine Organspende gilt vielen als letzte Rettung. Über 400 Patienten warten allein in Sachsen auf ein neues Herz, eine neue Lunge oder auf andere Organe. Der 18-Jährige Nils Schütze hatte Glück - gerade noch rechtzeitig hat er ein neues Herz bekommen.

Ein Junge sitzt mit einem Buch auf dem Rasen
Das Herz von Nils Schütze ließ sich nicht reparieren. Weil er ein neues bekam, hat er überlebt und kann heute wieder Sport treiben und Bücher lesen. Bildrechte: Sven Gückel

Als Nils Schütze vier Jahre ist, legt sich eine Viruserkrankung auf sein Herz und frisst ihm buchstäblich ein Loch hinein. Mit den Jahren verliert er die Beweglichkeit, spürt seine Beine immer weniger. Der Arzt verbietet ihm Sport zu treiben. Irgendwie geht es weiter, Schulabschluss, Ausbildung. Plötzlich aber verschlechtert sich sein Zustand rapide: "Ich konnte kaum noch schlafen, hatte schon Wasser im Bauch angesammelt", erzählt Nils. Die Diagnose: Das Herz ist nicht mehr zu reparieren, er braucht ein neues! 

Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen.

Nils Schütze 18 Jahre

Herzleistung betrug nur noch fünf Prozent

Die Ärzte setzen den 18-Jährigen auf die Hochdringlichkeitsliste für eine Herztransplantation, doch es ist kein Organ in Sicht. Zwei Monate später, im Dezember 2019, muss Nils Schütze notoperiert werden. Er bekommt zwei Kunstherzen. Die Leistung seines eigenen betrug nur noch fünf Prozent. Weil die Kunstherzsysteme nur im Krankenhaus arbeiten, muss er in der Klinik bleiben.

In einer Klinik wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist.
Deutschlandweit warten derzeit knapp 9.000 Patienten auf ein neues Organ. Bildrechte: dpa

Organtransport wegen Corona-Pandemie nicht möglich

Die erste Hoffnung auf ein neues menschliches Herz erstickt im Beginn der Corona-Pandemie. Weil niemand mehr reisen darf, kann der Transport aus einem Mitgliedsland der Stiftung Eurotransplant nicht organisiert werden. Eine Woche später unfassbares Glück - es kommt doch noch ein neues Herz für Nils. Die Ärzte transplantieren ihm in einer Zwölf-Stunden-Operation das gespendete Organ und retten ihm damit das Leben.

15 Organspender im April in Sachsen

Wie Nils Schütze warten jeden Monat hunderte Menschen in Sachsen auf ein neues Organ. Im April waren im Freistaat 444 Patienten auf der aktiven Warteliste bei Eurotransplant registriert. Das erklärte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) auf Anfrage von MDR SACHSEN. Demnach seien von 15 Organspendern nach ihrem Tod insgesamt 59 Organe gespendet worden. Damit konnten 45 Transplantationen umgesetzt werden. Deutschlandweit standen Ende April knapp 9.000 Menschen auf der Warteliste für ein neues Organ.

Deutlicher Mangel an Spenderorganen

"Es besteht nach wie vor ein deutlicher Mangel an Spenderorganen in Deutschland. Täglich sterben Menschen auf der Warteliste, weil es nicht möglich war, ihnen rechtzeitig ein geeignetes Organ zu übertragen", heißt es von der DSO.

Gespendete Organe in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen 2015-2020
  2015 2016 2017 2018 2019 2020
Herz 39 48 23 38 35 44
Lunge 22 40 30 52 33 42
Niere 231 183 154 218 180 186
Leber 109 107 81 116 99 116
Pankreas 15 18 8 9 9 10
Dünndarm 0 0 0 0 0 0

Corona-Pandemie hat den Mangel noch verschärft

Europaweit seien die Zahlen durch die Corona-Pandemie eingebrochen, so die DSO, teilweise im zweistelligen Bereich. Deutschland sei hier auf seinem niedrigen Niveau noch glimpflich davongekommen. Trotzdem: 2020 gab es in Deutschland nur 913 postmortale Spender. Auch in Sachsen ging die Zahl nach unten.

Im Transplantationszentrum am Universitätsklinikum wird eine von einem gesunden Spender vor wenigen Minuten entnommene Niere beim Empfänger transplantiert. 113 min
Bildrechte: dpa

Entlastung für die Angehörigen durch Entscheidung

Anlässlich des Tages der Organspende am 5. Juni appelliert die DSO, sich wenigstens einmal kurz, nur für die Entscheidung zum "Ja" oder auch "Nein", mit der Organspende zu befassen. "Unser Anliegen ist es, dass mehr Menschen zu Lebzeiten eine Entscheidung treffen und diese dokumentieren. Dies ist im Falle einer möglichen Organspende eine wichtige Entlastung für die Angehörigen“, sagte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO auf Anfrage von MDR SACHSEN.

Axel Rahmel, Vorstand der Deutschen Stiftung für Organtransplantation
Bildrechte: Axel Rahmel

In weniger als 20 Prozent aller Fälle, in denen im vergangenen Jahr die Möglichkeit zu einer Organspende bestand, war der Wille des Verstorbenen schriftlich dokumentiert.

Axel Rahmel Medizinischer Vorstand der DSO

Deutschland liegt im Ländervergleich weit hinten

Mit durchschnittlich 9,7 Spendern je eine Million Einwohner (Stand 2017) sind die Bundesbürger deutlich spendenunwilliger als ihre europäischen Nachbarn. Die Spanier spenden mit knapp 50 Spendern pro eine Million Einwohner fast fünfmal so häufig wie die Deutschen. In Spanien ist die Organspende Teil des Nationalstolzes. Die Abläufe in Kliniken sind besser auf Organspende abgestimmt. Und spanische Ärzte dürfen Organe schon nach dem Herz-Kreislauf-Tod entnehmen. In Deutschland geht das erst nach dem Hirntod.

Widerspruchslösung vom Bundestag abgelehnt

Um die Organspende zu erleichtern, hatte Gesundheitsminister Jens Spahn mit weiteren Politikern im Januar 2020 den Entwurf zur Neuregelung der Organspende eingebracht: die "doppelte Widerspruchsregelung". Nach dieser wäre jeder Mensch Organspender, solange er nicht aktiv widerspricht. Das wurde vom Bundestag jedoch abgelehnt. Auch künftig müssen Verstorbene vor ihrem Tod oder deren Angehörige danach einer Spende dezidiert zugestimmt haben. Die Kirchen begrüßten die Entscheidung. Die Widerspruchslösung sei "staatlicher Zugriff auf den menschlichen Körper".

In vielen anderen europäische Ländern gilt seit Jahren die Widerspruchsregelung – so in Belgien, Kroatien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Slowenien, Ungarn, Polen, Tschechien und Frankreich. Allerdings führt die Widerspruchslösung Experten zufolge nicht automatisch zu mehr Organspendern.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation plädiert trotzdem weiter für die Widerspruchslösung. "Hier sind wir Anwalt von Patienten wie Nils Schütze, die dringend ein Herz oder andere Organe brauchen."

Nils ist wieder fit

Der 18-Jährige hat nicht nur überlebt, er kann auch wieder Sport treiben, geht ins Fitnessstudio. "Ich konnte es gar nicht glauben, dass ich es geschafft hatte", erinnert er sich. "Mir ging es schon nach einer Woche besser als gefühlt die ganzen Jahre vorher."

Didi Nils Schütze, Organtransplantierter
Bildrechte: Nils Schütze

Mir geht es so gut, wie noch nie.

Nils Schütze (18) lebt mit einem zweiten Herzen

Info: Anlässlich des Tages der Organspende können Interessierte live erleben, wie in verschiedenen Chats und Gesprächsrunden Organempfänger, Angehörige von Organspendern und Wartelistenpatienten von ihren persönlichen Erfahrungen berichten sowie Experten aus Politik und Medizin ihr Wissen teilen. www.tagderorganspende.de/aktionstag-tdo-virtuell/.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 01.06.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr

Mehr aus Sachsen