Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben
"Uns hat überhaupt diesmal niemand gefragt, ob wir den totalen Krieg überhaupt wollen", sagte Martin Kohlmann (rechts), Chef der "Freien Sachsen", auf einer Querdenker-Demo Mitte Mai 2022. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

RechtsextremKlein, rechts und radikal: Wie gefährlich sind die "Freien Sachsen"?

von Nina Böckmann und Thomas Datt, MDR exactly

Stand: 28. Mai 2022, 05:00 Uhr

Die "Freien Sachsen" haben monatelang die Anti-Corona-Proteste angeheizt – nun haben sie den Ukraine-Krieg als neues Thema entdeckt. Das verbindende Element: Hauptsache gegen den Staat. Doch welche Strategie und welche Köpfe stecken hinter der vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften Kleinpartei?

Protest ist ihr Programm: Die "Freien Sachsen". Vor rund einem Jahr gegründet, vernetzt die Kleinpartei Demos gegen Corona-Maßnahmen, Masken und Impfungen – und will nun auf der Straße gegen Bundesregierung und Medien als angebliche Kriegstreiber mobil machen. Sie sehen Politiker als "Volksverräter" und haben den Ministerpräsidenten von Sachsen schon mehrfach bedrängt. Anhänger der "Freien Sachsen" zogen mit Fackeln vor das Privathaus der Sozialministerin. Nun treten sie selbst zu Wahlen an und wollen in Rathäuser oder Landratsämter einziehen. Doch wer steckt hinter der Kleinpartei, die den Frust der Menschen geschickt anheizt, deren Köpfe aus der Neonazis-Szene kommen und die vom Verfassungsschutz beobachtet wird? 

Michael Brück – Neonazi aus Dortmund und Propaganda-Chef? 

Für die Aufnahmen von Demonstrationen und Veranstaltungen von und mit den "Freien Sachsen" ist auch Michael Brück verantwortlich. Seine Bilder finden sich im Telegram-Kanal der "Freien Sachsen" – der fast 150.000 Abonnenten hat. Die Sicherheitsbehörden halten Brück für einen der Hauptpropagandisten der Kleinpartei.

Michael Brück ist schon lange in der Neonazi-Szene aktiv. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Brück ist heute 32 Jahre und schon lange in der Neonazi-Szene aktiv. Laut eigener Aussage seit seinem 14. Lebensjahr. Viele Jahre davon in Dortmund, in Kameradschaften und auch in Parteien. In der Dortmunder Zeit hat Brück auch einen Versandhandel betrieben – mit dem sehr eindeutigen Namen "antisem.it". In diesem ließen sich verschiedene Utensilien mit teilweise sehr eindeutigem Bezug zum Nationalsozialismus kaufen. So wurde dort ein Aufkleber "Israel war gestern. Solidarität mit Palästina" angeboten. Die Seite war in Italien registriert, später schalteten die italienischen Behörden die Seite des Versandhandels ab. 

Auch war Brück damals als stellvertretender Landesvorsitzender der Partei "Die Rechte" in Nordrhein-Westfalen tätig. Die Kleinstpartei ist nationalsozialistisch und tritt offen antisemitisch auf. Doch aufgrund seiner radikalen Aktivitäten wurde ihm in Dortmund offenbar der Gegenwind aus der Zivilgesellschaft zu heftig und er orientierte sich Richtung Ostdeutschland – seit ungefähr drei Jahren ist er in Sachsen. In der Hoffnung, dass man hier noch die "heile Volkssubstanz" findet – eine weiße, ethnisch homogene Gesellschaft. Brück pflegt auch Kontakte zu einer Gruppe völkischer Siedler, die wie er aus der militanten Neonaziszene kommen und sich in den vergangenen Jahren im mittelsächsischen Leisnig niedergelassen haben.

Dass Brück mit dem Umzug seine Vergangenheit nicht abgelegt hat, zeigte sich immer wieder. Ein Beispiel: der 7. November 2020 in Leipzig. An jenem Tag war er im Umfeld von einem Hooliganblock zu sehen, der später gewaltsam eine Polizeikette durchbrochen hatte. Bilder von diesem Tag zeigen ihn auch mit "alten" Kameraden aus Dortmund und "Die Rechte"-Chef Sven Skoda. 

Dabei hält Brück die politischen Strukturen der deutschen Neonazi-Szene für gescheitert. "Die Leute wachen selber auf, werden selber aktiv. Und wir müssen eher bei denen mitmachen und versuchen, das mitzusteuern. Anstatt zu sagen: jetzt kommt alle her zu uns", erklärte Brück in einem Gespräch mit NPD-Chef Frank Franz Ende 2021. "Das ist, denke ich, einer der Fehler, die das nationale Lager gemacht hat. Dass man zu sehr darauf gewartet hat, dass die Leute zu einem selber kommen."

Stefan Hartung – Landratskandidat im Erzgebirge mit langer NPD-Karriere

Hartung ist seit Jahren Kreisvorsitzender der NPD im Erzgebirge. Nun hat er sich als Landratskandidat für die "Freien Sachsen" aufstellen lassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die "Freien Sachsen" sind vor allem eine Sammlung von Anti-Asyl-Aktivisten, Querdenkern und NPD-Leuten, die sich zu einer Partei zusammengeschlossen haben. Die Gründung im Februar 2021 hatte auch Stefan Hartung mitorganisiert – er hat eine lange Karriere bei der rechtsextremen NPD und ist jetzt Parteivize der "Freien Sachsen".

Hartung ist seit Jahren Kreisvorsitzender der NPD im Erzgebirge und sitzt für die Partei auch schon seit Jahren im Kreistag und im Stadtrat von Aue-Schlema. Nun hat er sich als Landratskandidat im Erzgebirge für die "Freien Sachsen" aufstellen lassen. Er hat eine Doppelmitgliedschaft, die beide Parteien erlauben. 

Hartung hatte 2013 in Schneeberg im Erzgebirgskreis die so genannten Lichtelläufe organisiert. Die richteten sich gegen die Erstaufnahme für Asylbewerber und können als Vorläufer der nachfolgenden Pegida-Proteste in Dresden und der "Nein zum Heim!"-Bewegung in ganz Sachsen bezeichnet werden. MDR exakt war damals bereits vor Ort und es war zu sehen, dass Familien zusammen mit gewaltbereiten Neonazi-Hooligans auf die Straße gingen – offenbar ohne Berührungsängste.

Später hat Hartung einen der ersten rechtsextremen Vereine in Ostdeutschland angeführt: "Freigeist" – eine Art rechtsextremer Heimatverein. Bei einer Demonstration des Vereins im November 2015 hatte Hartung gesagt: "Wir werden erleben, wie marodierende Horden durch unsere Städte ziehen und sich die materiellen Wünsche durch Besitzergreifung erfüllen werden, die durch die Einwanderungspropaganda von Merkel und Konsorten geweckt wurden."

Nun ist Hartung an der Organisation der Proteste durch die "Freien Sachsen" beteiligt. Auf dem Höhepunkt im vergangenen Winter folgten jeden Montag Zehntausende im Freistaat den Protestaufrufen, die von der Partei verbreitet wurden. Immer ging es dabei gegen Impfpflicht und die Corona-Auflagen.

Schon seit Beginn der Anti-Corona-Proteste haben die "Freien Sachsen" jede noch so kleine Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen auf Telegram beworben. Von diesen Veranstaltungen haben sie sich dann Bilder und Videos schicken lassen, die sie wiederum veröffentlicht haben. Dabei wurde dann oft behauptet, dass die Zahlen der Teilnehmer deutlich höher gewesen seien, als sie eigentlich waren. 

Martin Kohlmann – DSU, Republikaner, "Pro Chemnitz" und nun Chef der "Freien Sachsen"

Nun hat die Kleinpartei den Krieg in der Ukraine ins Visier genommen: "Uns hat überhaupt diesmal niemand gefragt, ob wir den totalen Krieg überhaupt wollen", sagte Martin Kohlmann, Chef der "Freien Sachsen", auf einer Querdenker-Demo in Niesky Mitte Mai 2022. Auf der Veranstaltung in der Oberlausitz Mitte Mai sagt der Rechtsanwalt weiter: "Die gleichen Leute, die uns monatelang eingesperrt haben, sind jetzt die gleichen, die, ohne mit der Wimper zu zucken, schwere Waffen in die Ukraine schicken."

Martin Kohlmann ist Chef der "Freien Sachsen" und schon lange am rechten Rand aktiv. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kohlmann will den Staat und seine Institutionen zurückdrängen – und jede Möglichkeit dazu nutzen. Nach dem Corona-Frust setzt er jetzt auf das Kriegsthema. "Unsere Bundesregierung, die manövriert uns hier in einen Krieg hinein. Und das ist irgendwas, was, was überhaupt nicht geht. Und da ist weiterhin auch da unsere Antwort: Sachsen muss es selber machen", sagt er im Interview mit MDR exactly. "Also, wir Sachsen müssen uns aus so einem selbstmörderischen Zusammenhang rauslösen, um zu überleben. Denn ein Krieg mit Russland, das würde für uns schlecht ausgehen."

Martin Kohlmann ist schon lange am rechten Rand aktiv. Seine politische Karriere reicht über die DSU zu den Republikanern – aktuell sitzt er für die Lokalpartei "Pro Chemnitz und die "Freien Sachsen" im Stadtrat von Chemnitz. Bundesweite Aufmerksamkeit hatte er spätestens im Jahr 2018 erlangt. Damals hatte er nach Tötung eines Chemnitzers durch einen Asylbewerber die ausländerfeindlichen Proteste maßgeblich mit angeheizt.

Im August 2018 war zu den Protesten in Chemnitz das Who is Who der deutschen Neonazi-Szene angereist – Kohlmann demonstrierte gemeinsam mit gewaltbereiten Hooligans und Neonazis. Kontakte in die militante Szene pflegt er schon lange. Nun versucht Kohlmann mit den "Freien Sachsen" das größtenteils zerstrittene rechtsextreme Lager in Sachsen zu einen. "Wir bilden ein Dach, wo jeder mitmachen kann", sagte Kohlmann Anfang Dezember in Freiberg. "Ein wichtiger Punkt des Erfolgs ist, dass wir niemanden ausschließen." Kohlmann vertritt außerdem als Anwalt zahlreiche "Spaziergängerinnen" und "Spaziergänger" in Bußgeldverfahren. Er selbst schätzte im Gespräch mit MDR exactly die Zahl der von ihm Vertretenen auf rund 500.

Der Verfassungsschutz und die Kommunal- und Bürgermeisterwahlen

Schon vor einem Jahr hatte der sächsische Verfassungsschutz die "Freien Sachsen" als rechtsextremistische Bestrebung eingestuft. Dem Verfassungsschutzchef Dirk-Martin Christian bereitet vor allem Sorgen, dass die Kleinpartei viele Menschen mit geringem Aufwand über die sozialen Medien erreicht. "Sie selber vertreten ja auch eine neonationalsozialistische Ideologie. Das ergibt sich aus ihrem Parteistatut." Das Problem müsse ernst genommen werden und könne eine Gefahr für die Demokratie sein. Zudem haben die "Freien Sachsen" nach den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes durchaus Geld zur Verfügung, um ihre Bestrebungen zu finanzieren. "Sie finanzieren sich in großen Teilen über Spenden", sagt Dirk-Martin Christian. Einige griffen da durchaus tiefer in die Tasche. "Ja, und sie betreiben auch Merchandising. Also man betreibt hier einen Fanshop. Und auch dies scheint eine erträgliche Einnahmequelle zu sein."

So können die "Freien Sachsen" auch Wahlkämpfe bezahlen – etwa für die im Juni anstehenden Kommunalwahlen. Die Partei selbst hat drei eigene Kandidaten zu den Landratswahlen aufgestellt – in der Sächsischen Schweiz einen DJ, im Erzgebirge den NPD-Mann Hartung und einen in Nordsachsen. Außerdem unterstützen sie zwei AfD-Kandidaten. Einen im Leipziger Land und einen im Vogtland. Beide sind stramm rechts und für ihren nationalistischen Kurs bekannt.

Zudem finden im Juni auch Bürgermeisterwahlen in knapp 200 sächsischen Städten statt. Da stellen die "Freien Sachsen" vier eigene Kandidaten auf. Zwei davon sind politisch einschlägig. Einer ist der Funktionär einer Automobilgewerkschaft vom rechten Rand – der andere der NPD-Chef von Sachsen.

Quelle: MDR exactly/ mpö

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm:MDR+ | MDR exactly | 23. Mai 2022 | 17:00 Uhr