Thüringen und Sachsen-Anhalt betroffen Abellio-Eigentümer Niederlande droht mit Insolvenz des Bahnunternehmens

Im Streit um mehr Geld drohen die Niederlande mit einem Insolvenzantrag von Abellio, der Deutschlandtochter ihrer Staatsbahn. Betroffen sind auch Thüringen und Sachsen-Anhalt, wo Abellio viele Nahverkehrslinien bedient.

Auf einem Gleis am Bahnhof von Oschersleben steht ein Zug des Anbieters Abellio.
Abellio-Nahverkehrszug in Oschersleben in Sachen-Anhalt Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Der Streit zwischen dem Bahnunternehmen Abellio im Besitz der niederländischen Staatsbahn und mehreren deutschen Bundesländern um mehr Geld für den Schienen-Nahverkehr spitzt sich zu. Nach Informationen der Neuen Rhein-Zeitung/Neuen Ruhr-Zeitung (NRZ) hat der niederländische Finanzminister Wopke Hoekstra einen Brief an die Ministerpräsidenten der fünf Bundesländer geschrieben, die bei Abellio Zugverbindungen beauftragt haben. Die Zeitung zitiert aus dem Brief, Gespräche hätten bisher nicht zu einer Anpassung der langfristigen Verkehrsverträge und zu einer angemessenen Kompensation geführt.

"Diese Mehrkosten gefährden nun die Fortführung eines qualitativ hochwertigen Schienenpersonennahverkehrs durch Abellio", so Hoekstra, der mit dem Gang zum Insolvenzgericht droht. Steigende Personalkosten, Baustellen und Pannen im Schienennetz und daraus resultierende Strafzahlungen für Verspätungen machten dem Bahnunternehmen zu schaffen. Laut Zeitung hat Abellio Deutschland bereits einen Insolvenzrechtler als Generalbevollmächtigen engagiert.

Ein silberfarbener Zug an einem offenen Bahnsteig. 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Mo 14.06.2021 19:00Uhr 01:33 min

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In Deutschland haben Thüringen und Sachsen-Anhalt sowie Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg mit einem Teil der Verbindungen im Bahn-Regionalverkehr beauftragt. Abellio fährt unter anderem zwischen Halle und Kassel, Leipzig und Eisenach oder Magdeburg und Erfurt.

So wird in Deutschland der Bahn-Regionalverkehr organisiert Im Gegensatz zum Fernverkehr fahren Bahnunternehmen im Regionalverkehr nicht gänzlich auf eigenes Risiko: Der "Schienenpersonennahverkehr" wird von den Ländern bestellt, die dafür Geld vom Bund erhalten. Die Länder wiederum übertragen die konkrete Abwicklung an Verkehrsverbünde, Behörden oder landeseigene Tochtergesellschaften. In Sachsen-Anhalt ist das die Nasa, in Thüringen das Landesamt für Bau und Verkehr. Sie legen fest, auf welchen Strecken und in welchem Umfang Fahrgästen Bahnverkehr mit Regionalzügen angeboten wird - und in welcher Qualität und zu welchen Tarifen. Im Auftrag des Landes werden dann Verbindungen für einen Zeitraum über mehrere Jahre hinweg ausgeschrieben. Der Zuschuss des Landes ist allein nicht kostendeckend - erst mit den Fahrpreiseinnahmen kann das Bahnunternehmen profitabel wirtschaften. Die Betreibergesellschaften haben daher großes Interesse an möglichst vielen - zahlenden - Fahrgästen. | Quellen: Bundesarbeitsgemeinschaft Schienenpersonennahverkehr, Allianz Pro Schiene, Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen

Thüringen: Insolvenzverfahren wäre nicht das Ende

Die Thüringer Landesregierung gab sich am Montag gelassen. Ein Sprecher des Verkehrsministeriums sagte, ein Insolvenzverfahren wäre nicht das Ende, dafür gebe es Insolvenzverwalter und -gesellschaften. Die angeschriebenen Bundesländer wollten sich nun zunächst auf eine gemeinsame Linie verständigen.

Wie MDR THÜRINGEN aus Regierungskreisen erfuhr, beschwerte sich der niederländische Finanzminister in seinem Schreiben an die Thüringer Landesregierung auch über die Bezuschussung der Deutschen Bahn AG, die den Wettbewerb verzerre. Der Niederländische Staat hatte der dortigen Abellio-Gesellschaft für das Jahr 2021 die Zuschüsse gestrichen.

Nahverkehrsgesellschaft Sachsen-Anhalt: Gespräche mit Abellio laufen

Die Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH (Nasa), die im Auftrag der Landesregierung des Schienenpersonennahverkehr im Land ausschreibt und bestellt, verwies auf Gespräche mit Abellio, die schon seit einigen Monaten laufen würden. Dabei gehe es "insbesondere um Aspekte, die bei der Kalkulation des Angebots nicht zu erwarten waren und die Abellio nicht beeinflussen konnte".

Laut Nasa erbringt Abellio derzeit die Hälfte der Leistungen im Schienenpersonennahverkehr im Land und bekommt dafür im Jahr 130 Millionen Euro allein von Sachsen-Anhalt. Der Vertrag für das Netz Saale-Thüringen-Südharz (unter anderem Halle-Eisenach) laufe bis Dezember 2030, der Vertrag für das Dieselnetz Sachsen-Anhalt zwei Jahre länger. Zum Dieselnetz gehört etwa die Verbindung Magdeburg-Oschersleben.

Lokführergewerkschaft: Abellio kam mit Niedrigangebot in den Markt

Die Lokführergewerkschaft GDL erklärte, Abellio habe 2015 für regionale Zugverbindungen in Thüringen ein Niedrigangebot vorgelegt und sei zum Zuge gekommen. Dieses Angebot führe nun zu herben Verlusten, zumal für das Zugpersonal bundesweite Tariflöhne gelten würden.

In den vergangenen Jahren hatte es bereits Streit zwischen der damaligen Thüringer Nahverkehrsservicegesellschaft (NVS) als staatlichem Auftraggeber und Abellio gegeben. Grund waren der Personalmangel bei Abellio und daraus folgende Verspätungen sowie Zugausfälle, für die die NVS die Zuschüsse an das Bahnunternehmen kürzte. Die NVS ist inzwischen aufgelöst und ins Landesamt für Bau und Verkehr eingegliedert worden.

Fahrgastverband: Insolvenzdrohung ist Maximalposition

Der Fahrgastverband Pro Bahn Mitteldeutschland erklärte bei MDR SACHSEN-ANHALT am Montag, in Verhandlungen würde gern die Maximalposition an die Wand gemalt. Pro-Bahn-Sprecher Lukas Iffländer sagte: "Wir gehen derzeit davon aus, dass Abellio nicht von heute auf morgen insolvent geht."

Im unwahrscheinlichen Fall einer Insolvenz hängt laut Iffländer viel vom Insolvenzverwalter ab. Im Eisenbahnbereich gebe es nur wenige Beispiele von Insolvenzen. "Im Busbereich sieht man das dagegen durchaus häufiger", so Iffländer. "Hier gibt es dann Insolvenzverwalter, die erstmal alles weiterfahren lassen, um die Rettbarkeit des Unternehmens – ein Unternehmen ohne Aufträge will keiner übernehmen – nicht zu gefährden." Andere Verwalter würden dagegen direkt den Betrieb einstellen, um nicht noch höhere Kosten zu generieren.

Die finanziellen Probleme beträfen nicht nur Abellio, sondern Iffländer zufolge die ganze Branche, "die im Gegensatz zur DB AG keine Kapitalspritze des Staats im Milliardenbereich bekommen hat".

Quelle: MDR THÜRINGEN/seg,MDR SACHSEN-ANHALT,NRZ

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Juni 2021 | 19:00 Uhr

79 Kommentare

Nico Walter vor 23 Wochen

Können wir bitte endlich mal aufhören auf Corona herumzureiten? Kein Mensch streitet ab, dass es Corona-Folgen gibt. Aber niemand hier kann sie beziffern. Sie selbst schreiben, niemand von uns war dabei, beharren aber im gleichen Atemzug darauf, zu wissen, dass es Corona war. Der Eigentümer selbst spricht von „steigende[n] Personalkosten, Baustellen und Pannen im Schienennetz und daraus resultierende[n] Strafzahlungen für Verspätungen“. Alles Dinge, mit denen man im Eisenbahnbetrieb schon mal rechnen muss. Kein Wort von Corona, im ganzen Artikel nicht. Andere User haben belegbare Zahlen geliefert, dass Abellio schon vor Corona in der Schieflage war. Wäre es nicht langsam mal an der Zeit, Belege für Ihre Behauptung zu bringen? Und mit Belegen meine ich nachprüfbare Fakten, nicht bloß Meinungen oder sollte ich sagen Glaubensgrundsätze.

Bahnfahrer1804 vor 23 Wochen

Burgfalke
Und wieder Corona! Was ist mit den Berichten vor Corona!
Manche wollen es einfach nicht verstehen!
Es bringt nix! Ich lasse es jetzt!
Behalten Sie weiter Ihre rosarote Abelliobrille auf und genießen Sie Ihre Fahrten mit Abellio, solange se noch da sind!
Nicht, dass de DB schneller wieder da ist als man glaubt!
Und dann wieder diese alten Wagen!!! Oh oh oh!
Ach nein, de DB wird ja nicht mehr genommen da ja nur, da die GDL ist! Wie ich ja heute hier ja gelesen habe! Oh, da kann man ja nicht mal mehr von gefährlichen Halbwissen reden! Und die 1804 steht für 18. April!
Würde gerne wissen welcher verantwortliche Corona als Hauptgrund angegeben hat! Selbst der Brief vom NL Minister beinhaltete nicht die Problematik Corona!

Burgfalke vor 23 Wochen

Bezogen auf das ""Modell" DB":
Wenn aber ersichtlich ist, daß diese dort hohe Verluste einfährt, die sie nicht verschuldet (konkret durch Corona) hat, so kann der dortige Partner helfen oder der der Eigner D. zieht die Notbremse. Das gilt für beide Situationen gleichermaßen! Wo also ist da der Unterschied wenn man die Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler in NL wie auch in D. bezogen auf den Vergleich DB - A. ernst nimmt @Nico Walter??

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