Alltagsrassismus in Thüringen "Nach diesem Angriff hab ich wirklich Angst gehabt"

Eigentlich ist Dr. Marcel Youmbi Foka von Bayern nach Thüringen gekommen, um hier an einer Schule zu unterrichten. Doch immer wieder wird der Gymnasiallehrer rassistisch angefeindet und sogar körperlich attackiert. Auch Nour Al Zoubi erlebt fast täglich rassistische Angriffe, weil sie als Muslimin in Gera ein Kopftuch trägt. Inzwischen überlegt die junge Syrerin sogar, ihr Studium abzubrechen. Aus dem Alltag, den viele Menschen mit Migrationshintergrund täglich in Thüringen erleben.

Der Gymnasiallehrer und gebürtige Kameruner Dr. Marcel Youmbi Foka am Hauptbahnhof in Erfurt
Der Gymnasiallehrer und gebürtige Kameruner Dr. Marcel Youmbi Foka am Hauptbahnhof in Erfurt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einfach durch die Erfurter Innenstadt bummeln - für den Gymnasiallehrer Dr. Marcel Youmbi Foka ist das nicht selbstverständlich. Vor wenigen Monaten ist er von Bayern nach Thüringen gezogen, um an einer staatlichen Schule in Gotha zu arbeiten. Doch hier wird er immer wieder rassistisch angefeindet, beleidigt - einmal wurde er sogar auf offener Straße mit einer Fahrradkette angegriffen. Eigentlich sei er ein mutiger Mensch, erzählt der gebürtige Kameruner. "Nach diesem Angriff hab ich wirklich Angst gehabt. Ich hab Angst gehabt. Ich war nicht mehr in der Lage meine Wohnung zu verlassen. Ich hatte Angst von meiner Wohnung, von meinem Haus rauszugehen."

Opferberatung: Angriffe passieren oft im öffentlichen Raum

Die Thüringer Opferberatung Ezra betreut Marcel Youmbi Foka. Beraterin Christin Fiedler weiß, wie nachhaltig rassistische Angriffe das Leben von Betroffenen verändern. Die Angriffe ereigneten sich oft im öffentlichen Raum, "zum Beispiel auch bei Herrn Dr. Foka im kameraüberwachten öffentlichen Raum. Das macht natürlich was mit dem eigenen Sicherheitsgefühl, wenn ich quasi Gefahr laufe, jederzeit von rassistischen Beleidigungen, Angriffen, Bedrohungen betroffen zu sein".

Das Sicherheitsempfinden verändere sich auch gegenüber der Umwelt. Betroffene würden durch lange Wartezeiten auf Strafverfahren und das Infragestellen des rassistischen Tatmotivs durch Behörden oft zusätzlich belastet. Erst vor drei Wochen wurde Foka am Erfurter Anger wieder angepöbelt und rassistisch beleidigt. Und sogar von seinen Schülern wurde der Lehrer für Chemie, Französisch und Englisch schon beleidigt und bedroht.

"Rassismus habe ich vorher nur aus den Medien gekannt"

Foka lebt seit 15 Jahren in Deutschland. Hat an Schulen in Bayern und an einer Waldorfschule in Hessen unterrichtet, sich in Erlangen - wo er auch promoviert hat - in der CSU engagiert. Rassismus - das habe er vor seinem Umzug nur aus den Medien gekannt, erzählt er. "Ich habe Rassismus nicht so konkret als Person, nicht so greifbar erlebt." Auch hier hat er Menschen kennengelernt, die ihn unterstützen. Doch auf der Straße fühlt er sich hier nicht mehr sicher und nicht willkommen in Thüringen - und das, obwohl hier eigentlich jeder Lehrer gebraucht wird.

Das könne sich Thüringen nicht leisten, sagt Michael Kummer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Wir gehen davon aus und hoffen natürlich, das sowas nicht passiert an den Schulen, wie bei allen anderen Arbeitgebern auch, wo Personalmangel ist. Aber es ist eben eigentlich auch unabhängig vom Personalmangel, selbst wenn der nicht da wäre, würden wir erwarten, dass das nicht passiert."

Eigentlich wäre Marcel Youmbi Foka gern in Thüringen geblieben. Doch die Anfeindungen setzen ihm zu und nun steht neuer Ärger ins Haus. Seine Schule will ihn nach der Probezeit nicht weiterbeschäftigen. Er will Widerspruch einlegen. Rassistische Anfeindungen, Angriffe am hellichten Tag: Dr. Marcel Youmbi Foka ist mit seinen Erfahrungen keinesfalls allein.

Keine Ruhe vor Rassisten

Wie ihm ergeht es auch der 22-jährigen Nour Al Zoubi. Die Syrerin kam 2015 mit ihrer Familie nach Deutschland, nachdem sie vier Jahre in Jordanien vergeblich darauf hofften, dass der Bürgerkrieg in ihrer Heimat ein Ende nehmen würde. Das hat er bis heute nicht. Die Familie bezog ein erstes Quartier in Gera, lernte die deutsche Sprache und bekam Unterstützung von mehreren Integrationsbegleitern. Doch eine neue Heimat wurde Gera nie, denn immer wieder sah sich die Familie rassistischen Anfeindungen ausgesetzt.

Schon 2016 zog die Familie deshalb nach Bochum. Sie hatten gehört, dass Nordrhein-Westfalen das beste Bundesland für Ausländer sei, sagt Al Zoubi. Und so war es auch: Schlagartig hörten die Beleidigungen auf. "Ich habe zwei Jahre in Bochum gelebt und mir ist es nur einmal passiert, dass ich beschimpft wurde", erinnert sie sich. "Wenn ich heute durch Gera laufe, passiert mir das fast täglich. Diese Menschen lassen einem keine Ruhe."

Worte wie Messerstiche

Nour Al Zoubi kam im September 2018 zurück nach Gera. Die Menschen, die ihrer Familie damals halfen, in Deutschland Fuß zu fassen, hatten die junge Frau beeindruckt. Das wollte sie auch: Sie wollte Menschen helfen und als Integrationsbegleiterin arbeiten. An der Dualen Hochschule Gera schrieb sie sich im Studiengang Soziale Arbeit ein und bekam eine Stelle beim Berufsbildungszentrum Otegau. Alles schien sich zu fügen. Mit dem Dualen Studium wollte sie einen neuen Anlauf in Gera nehmen.

Doch dann hörte sie es wieder: "Scheiß Ausländer." Worte wie Messerstiche - oftmals im Vorbeigehen dahingezischt, manchmal von der anderen Straßenseite herübergebrüllt und dieses eine Mal in der Straßenbahn, als sie ihr mit so viel Hass und blinder Wut direkt ins Gesicht gespuckt wurden. Die Augen von Nour Al Zoubi füllen sich mit Tränen, als sie sich an diesen Angriff in der Straßenbahn von Gera erinnert - aber die junge Frau weint nicht.

Sie kämpft die Tränen nieder und erzählt, wie sie auf dem Nachhauseweg in der Straßenbahn sitzt und ein vielleicht 60 Jahre alter Mann in die Straßenbahn steigt, zwei Tüten mit klimpernden Bierflaschen in den groben Händen. "Scheiß Ausländer", brüllt er schon beim Einsteigen, ehe er durch die Bahn torkelt, den hasserfüllten Blick auf die junge Syrerin gerichtet. "Was machst du hier, das ist eine deutsche Bahn", keift er sie an und riecht so unangenehm nach Alkohol und Schweiß, dass die junge Frau zusammenfährt. Ein Schwall von Beleidigungen über Muslime ergießt sich aus seinem Mund, ehe Nour Al Zoubi ihren Mut zusammennimmt und in fast makellosem Deutsch fragt: "Warum darf ich hier nicht sitzen?" Er schlägt gegen die Wand der Straßenbahn und brüllt: "Du bist keine Deutsche, scher' dich weg!" Doch Al Zoubi bleibt sitzen und redet auf ihn ein - doch egal, was sie auch sagt, sie vermag den hasserfüllten Mann nicht zu beruhigen. Schließlich sagt sie: "Ich rufe jetzt die Polizei." Da lässt er von ihr ab und steigt an der nächsten Haltestelle aus. "Als er weg war, habe ich nur noch geweint", erinnert sich Al Zoubi zurück. "Keiner in der Straßenbahn ist zu mir gekommen oder hat etwas gesagt. Und als ich weinend ausgestiegen bin, steht ein anderer Mann an der Haltestelle und sagt: 'Scheiß Ausländer.'"

"Ich gehe weg aus Gera"

Seit diesem Tag hat die 22-Jährige Panikattacken und Alpträume. Manchmal bleibt ihr die Luft weg oder sie hat einen Weinkrampf. Es sind konkrete gesundheitliche Folgen, die rassistische Angriffe hinterlassen, selbst wenn sie nur verbal geführt werden. Nour Al Zoubi hat seitdem mit Gera abgeschlossen. Sie wird die Stadt verlassen, sagt sie, denn es fehle ihr die Kraft, das länger auszuhalten. Die Frage sei nur, wann, denn es hänge auch ihr Studium daran. Ihre Professorin und selbst der Präsident der Hochschule hätten mit ihr gesprochen, um sie vom Bleiben zu überzeugen. Und auch an ihrer Arbeitsstelle hoffen alle, dass die junge Syrerin bleibt. "Ich weiß auch, dass ich mir von solchen Idioten nicht alles kaputt machen lassen darf, wofür ich so lange gearbeitet habe", sagt Al Zoubi. "Aber es ist schwer. Ich glaube, ich gehe weg aus Gera."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 20. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

Mehr aus Thüringen