Fragen und Antworten Was 2021 auf den Thüringer Arbeitsmarkt zukommt

Der Arbeitsmarkt steht im Zeichen von Corona. Es gibt mehr Arbeitslose, zudem wird Kurzarbeit von Tausenden Thüringer Unternehmen genutzt, um Beschäftigte zu halten. Weit mehr als 100.000 Menschen waren im vergangenen Frühjahr in Kurzarbeit, die Zahl der Arbeitslosen stieg von 2019 mit durchschnittlich 59.100 auf durchschnittlich 66.700 im Jahr 2020. Wir beantworten die wichtigsten Fragen, wie es weitergeht - und ob die Thüringer für Sozialleistungen demnächst zur Kasse gebeten werden.

 Ein Bauarbeiter schweiߟt auf einer Baustelle der Bahn-Neubaustrecke Wendlingen-Ulm an einer Baumaschine.
Bauarbeiter schweiߟt auf einer Baustelle. (Symbolfoto) Bildrechte: dpa

Derzeit wird Kurzarbeit seit Monaten für Zehntausende Thüringer Beschäftigte genutzt. Reicht das Geld der Agentur für die vielen Kurzarbeiter?

Die Bundesagentur für Arbeit nimmt dazu Stellung: "Es besteht keine Gefahr, dass keine Mittel mehr da sind. Kurzarbeitergeld und Arbeitslosengeld sind Pflichtleistungen, die bezahlt werden müssen und auch 2021 bezahlt werden", sagt Markus Behrens, Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Wie viele Menschen profitieren derzeit in Thüringen vom Kurzarbeitergeld?

Genau lässt sich das nicht sagen. Die Betriebe müssen das Kurzarbeitergeld nämlich erst mit einigen Monaten Verzögerung bei der Bundesagentur abrechnen. Vorsorglich für das Instrument gemeldet sind in der Regel deutlich mehr Beschäftigte. Im Juni wurde die Kurzarbeit in Thüringen noch für mehr als 100.000 Beschäftigte genutzt. Bereits im September ging die Zahl auf knapp über 50.000 Menschen zurück. Die Zahl der Anmeldungen ging im November und Dezember wieder deutlich nach oben - die genaue Zahl der Betroffenen wird erst im Frühjahr klar sein.

Mit welcher Arbeitslosigkeit ist 2021 in Thüringen zu rechnen?

Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung rechnete im Herbst in seiner Mittelwertprognose mit einem deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit in Thüringen für das Jahr 2021. Als einen der wichtigsten Treiber haben die Wissenschaftler die Demografie identifiziert, sagt Agenturchef Markus Behrens. Das heißt im Klartext, dass die Arbeitnehmer in Thüringen überdurchschnittlich alt sind.

Mihajlo Kolakovic
Mihajlo Kolakovic Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Die Einschätzung teilt Mihajlo Kolakovic, Vorsitzender des CDU-nahen Wirtschaftsrats in Thüringen: "25 Prozent unserer Mitarbeiter sind über 55 Jahre alt, werden also in Rente gehen, werden aufhören zu arbeiten. Insofern wird es schwierig werden, weiterhin schwierig bleiben, gute Fachkräfte zu bekommen." Selbst wenn die Wirtschaft nicht weiter wächst, müssen also in den kommenden Jahren viele Arbeitnehmer ersetzt werden, weil sie den Betrieben altersbedingt verloren gehen. Die Corona-Pandemie hat auf diesen Effekt keinen starken Einfluss.

Warum gibt es nicht längst mehr Arbeitslose in Thüringen?

Das Insolvenzrecht war bis Ende des Jahres aufgeweicht. So mussten zum Beispiel Sozialversicherungsträger beim Ausbleiben von Zahlungen keinen Insolvenzantrag für das betroffene Unternehmen stellen, wie das sonst üblich ist. Das war vor allem als Übergangsmöglichkeit gedacht, bis Unternehmen Hilfsgelder vom Staat zur Bewältigung der Krise bekommen haben. Das hat sogar manche Insolvenz verhindert, die auch ohne Corona gekommen wäre.

Deshalb rechnen Wirtschaftsvertreter damit, dass im neuen Jahr mehr Insolvenzen bevorstehen: "Es wird Stellenabbau geben und es wird auch Insolvenzen geben. Davon muss man leider ausgehen", sagt Ute Zacharias vom Verband der Wirtschaft Thüringens. Auch die Arbeitsagentur geht davon aus, dass manchen Unternehmen "die Puste ausgehen" werde.

Welche Branchen werden von steigender Arbeitslosigkeit betroffen sein?

"Wir werden im Bereich Gastronomie erstmal eine Delle haben", sagt Kolakovic. Ebenfalls betroffen ist die Tourismus-Branche. Auch für Auto-Zulieferer könnte es problematisch sein. Doch gerade im Technologiebereich bleibe der Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitnehmern hoch, weiß Kolakovic, der selbst Personalberater ist. In Thüringen könne der Versandhandel mit Anbietern wie Zalando, Amazon oder dem in Jena schnell wachsenden Büromarkt Böttcher von der aktuellen Entwicklung profitieren.

Eine Industriehalle im Bau.
Böttcher AG: Neubau der Logistikanlage in Zöllnitz Bildrechte: Böttcher AG

Das Nachsehen hätten wohl vor allem Menschen in Hilfstätigkeiten, aber auch im spezialisierten Einzelhandel, der derzeit geschlossen sein muss. Gerade in letzterem Bereich sieht auch die Agentur Schwierigkeiten - auch weil der Einzelhandel sieben Prozent der Thüringer Beschäftigung ausmache. Kolakovic findet, das sei für die Entwicklung der Innenstädte zudem keine gute Nachricht. Trotzdem: Unterm Strich erwarten die Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung allerdings sogar einen Job-Zuwachs in Thüringen.

Müssen die Menschen damit rechnen, bald höhere Beiträge für die Arbeitslosenversicherung zahlen zu müssen, weil die Kosten steigen?

Vorerst nicht. Der Haushalt für die Bundesagentur für Arbeit in diesem Jahr wird im Zweifel aus Bundesmitteln gedeckt, wenn Reserven und Beitragszahlungen nicht ausreichen. Zuletzt sank der Beitrag Anfang 2020 auf 2,4 Prozent des Bruttogehalts. Dieser Beitrag ist befristet bis Ende 2022. Sofern der Bundestag nichts anderes beschließt, steigt der Beitrag dann wieder auf 2,5 Prozent. Gesenkt hatte ihn der Gesetzgeber wegen der hohen Rücklagen der Bundesagentur für Arbeit - mehr als 20 Milliarden Euro lagen zeitweise in den Kassen. Die dürfte die Corona-Pandemie aufgezehrt haben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 05. Januar 2021 | 19:00 Uhr

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